Luton Shelton hat etwas geschafft, auf das in der Fussballwelt außer ihm nur ganz wenige stolz sein können. Bei seinem Debüt in der Nationalmannschaft im Jahr 2004 gegen Saint Martin gelangen dem damals 19-Jährigen nicht weniger als vier Tore, womit er sofort zur Fusballlegende wurde.

Angesichts seiner heutigen Torgefährlichkeit könnte man denken, das Toreschießen wäre ihm in die Wiege gelegt worden. Doch die Wahrheit sieht ganz anders aus. "Ich war als Kind einer der schlechtesten Spieler der ganzen Nachbarschaft", erinnert sich Shelton und unterdrückt dabei ein Lachen. Gespielt hat er damals auf den staubigen Straßen in Tivoli Gardens, einem berüchtigten Problemviertel mit hoher Kriminalitätsrate im Schatten des Nationalstadions in der Hauptstadt Kingston. "Meine Freunde haben mich immer ausgelacht, wenn wir um die Ecke gespielt haben. Meistens haben sie mich ins Tor gestellt."

Der lange Weg zum Top-Torjäger
Doch wie konnte sich dieser Luton Shelton, der von seinen Freunden gehänselt wurde, zum besten Torjäger Jamaikas entwickeln? "Ich hatte als Kind einen Trainer, der mir immer und immer wieder gesagt hat: 'Du kannst eines Tages der beste Torjäger der Nationalmannschaft sein' ", erzählt der Stürmer. "Natürlich habe ich ihm nicht geglaubt. Er wollte mich einfach motivieren und ein bisschen triezen. Aber ich habe hart trainiert und mein Bestes gegeben und es irgendwann geschafft, in jedem Spiel zu treffen."

Für seinen ersten Profiklub FC Harbour View in Kingston erzielte er tatsächlich 44 Tore in 43 Einsätzen. Damit war der Weg frei nach Europa, wo Shelton für Klubs in England, Norwegen und Dänemark spielte, bevor er in die Türkei zu Karabukspor wechselte.

Und seit zwei Jahren ist Shelton tatsächlich Rekordtorschütze der jamaikanischen Nationalmannschaft, was ihm so wichtig ist, dass er es "mit Worten nicht beschreiben" kann. Die Reggae Boyz haben noch nie ein Spiel verloren, in dem Shelton traf.

Die bisher einzige WM-Teilnahme Jamaikas, 1998 in Frankreich, liegt indes schon einige Zeit zurück. Dennoch erinnert sich Shelton noch sehr lebhaft daran. "Damals begann mein Traum, eines Tages selbst für Jamaika zu spielen", sagt er. Den Moment, in dem er als 13-Jähriger hörte, wie die Nationalhymne seines Landes zum ersten Mal auf der größten Fussballbühne der Welt gespielt wurde, wird er wohl nie vergessen: "Ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen."

Überraschungssieg gegen die USA
Jamaikas jetziger Nationaltrainer Theodore Whitmore, der selbst 1998 als Mittelfeldspieler dabei war, hat eine Mannschaft aufgebaut, die die Gegner in der abschließenden Sechser-Runde der CONCACAF-WM-Qualifikation durchaus fürchten sollten. "Das ist die beste Mannschaft die wir seitdem [1998] hatten – vielleicht sogar noch besser", sagte Whitmore gegenüber FIFA.com.

"Da hat er Recht", meint auch Shelton im Brustton der Überzeugung. "Wir können es zur Weltmeisterschaft schaffen. Ich habe daran keinen Zweifel. Früher gab es einige aufgeblähte Egos und die Spieler haben nicht immer alle an einem Strang gezogen", sagt er an die Adresse jener, die Jamaikas Mannschaft als zu wechselhaft abtun wollen. "Doch jetzt können wir nicht scheitern."

Beim überraschenden Sieg Jamaikas gegen die USA im vergangenen September in der vorherigen WM-Qualifikationsrunde war Shelton der entscheidende Akteur auf dem Feld. "Wir haben in der ersten Minute das 0:1 kassiert", erinnert er sich. "Aber wir haben zu Hause gespielt und sind ganz ruhig geblieben. Wir haben uns nicht verrückt machen lassen." Noch in der ersten Halbzeit gelang den Jamaikanern der Ausgleich und das Blatt wendete sich. Im Nationalstadion in Kingston, von den Fans der Reggae Boyz gern "The Office" genannt, wurde es immer lauter. Auf den Rängen entstand unter den fussballbegeisterten Anhängern eine regelrechte Party-Atmosphäre. Und nach einer Stunde war es soweit: Ein von Shelton perfekt mit rechts getretener Freistoß flog über die Mauer und prallte vom Innenpfosten in die Maschen. U.S.-Torhüter Tim Howard konnte den Treffer nicht verhindern.

Das Publikum feierte den Treffer ekstatisch, während Shelton von seinen Teamkameraden ebenso ekstatisch bejubelt wurde. "Ich wusste, dass wir gewinnen würden", sagt er über diesen Sieg, den ersten gegen die USA seit 19 Spielen. "Wir hatten die richtige Einstellung."

Mexiko und das Aztekenstadion warten
Zum Auftakt der letzten Qualifikationsrunde treffen Shelton und Jamaika ausgerechnet auf den amtierenden CONCACAF-Meister und Olympiasieger Mexiko. Doch dieser schwere Brocken gleich zu Beginn macht Shelton nur noch erfolgshungriger. "Mexiko ist das beste Team der CONCACAF-Zone, sogar noch vor den USA. Das wissen wir", meint er. "Aber wir sind schnell und können sehr gefährliche Konter spielen. Wenn wir uns 90 Minuten lang voll konzentrieren, werden wir unsere Chancen bekommen. Wir können aus diesem Spiel etwas mitnehmen."

Über das Aztekenstadion, in dem die Partie am 6. Februar stattfindet, sagt Shelton, nun ganz ohne Lachen und durchaus etwas angespannt: "Man kann sich keinen einschüchternden Ort vorstellen." Mexiko hat in diesem Stadion erst ein einziges WM-Qualifikationsspiel verloren. Die 0:3-Niederlage Jamaikas im Jahr 2008 erlebte Shelton dort als Einwechselspieler. "Es ist unglaublich heiß und unglaublich laut", erinnert er sich. "Man kann an nichts anderes denken als an den Lärm, den diese 100.000 Zuschauer dort machen - und alle schreien Dich an.

Aber damals war ich noch jung. Dieses Mal werde ich all diese Mexikaner einfach ignorieren, die mich verlieren sehen wollen", so Shelton, dem man anmerkt, dass er gerne wieder für eine Überraschung sorgen und noch einige Tore im gelben Trikot seines Heimatlandes erzielen will. "Dort beginnt es. Das ist für uns der nächste Schritt auf dem Weg nach Brasilien", meinte er zum Abschluss. "Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen Drink genommen, aber wenn wir uns für die Weltmeisterschaft qualifizieren, dann werde ich wohl mein Glas darauf erheben!"