Der italienische Nationaltrainer Cesare Prandelli sieht den deutschen Fussball als vorbildlich an. Moderne Stadien, Innovationsfähigkeit, Ausbildung junger Talente seien Elemente, mit denen Deutschlands Fussball laut des 55-Jährigen auf internationalem Niveau glänze. Deshalb solle sich der Calcio daran orientieren, so Prandelli.

Im EM-Halbfinale hatte sich allerdings der viermalige Weltmeister Italien mit 2:1 gegen Deutschland durchgesetzt. Im SID-Interview erklärte Prandelli, was er noch an Deutschlands Fussball besonders schätzt.

Herr Prandelli, welche Aspekte des deutschen Fussballs beeindrucken Sie?

Wenige Nationalmannschaften haben in den letzten Jahren ihre Identität bewahrt. Vieles hat sich im Fussball geändert. Die Nationalteams haben sich dem modernen Fussball angepasst. Ein Beispiel ist Deutschland, eine Nationalmannschaft, die den Mut bewiesen hat, stark auf Innovation zu setzen.

In welcher Hinsicht?

Deutschland hat neue Wege beschritten und gewagt, einen innovativen Fussball zu spielen. Einen wichtigen Beitrag dazu haben Spieler mit multikulturellem Hintergrund geleistet. Das ist die Zukunft. Neues darf nicht erschrecken, sondern muss Neugierde wecken. Neues bereichert und verbessert.

Zur deutschen Nationalmannschaft gehört auch Miroslav Klose, der mit seinen Toren Lazio Rom beflügelt. Was halten Sie von seinen Leistungen in dieser Saison?

Dank Klose zählt Lazio zu den Protagonisten dieser Saison und zu den Spitzenmannschaften im Kampf um den Meisterschaftstitel. Klose glänzt mit seiner Ernsthaftigkeit und seiner Fähigkeit, 90 Minuten lang konzentriert zu spielen. Er ist ein großartiger Stürmer, der noch viel leisten kann und bestätigt es einmal mehr in dieser Saison.

Italien kämpft gegen einen starken Zuschauerschwund in den Stadien. Was soll geschehen?

Wir sollten uns an den deutschen Arenen ein Beispiel nehmen. Deutschland hat sichere, bequeme Stadien gebaut, die von ganzen Familien besucht werden, in denen auch Kinder allein ohne Gefahr einem Match beiwohnen können. Man muss ein Fussballmatch ohne Dramen erleben können, auch wenn es zu einer Niederlage für die eigene Mannschaft kommt. Italien muss noch sehr viel zur Modernisierung und Sicherheit seiner Strukturen unternehmen, auch wenn in den letzten Jahren viel zur Bekämpfung der Gewalt in den Stadien getan worden ist.

Der italienische Fussball hat ein weiteres schwieriges Jahr mit Wettskandalen und Verhaftungen namhafter Spieler erlebt. Welche Spuren haben diese Skandale Ihrer Ansicht nach hinterlassen?

Die Wunden sind tief. Der italienische Fussballverband hat zusammen mit der Fussballergewerkschaft AIC eine Kampagne gestartet, um junge Spieler vor den Konsequenzen einer Verwicklung in Wettaffären zu warnen. Viele wissen zum Beispiel nicht, dass ihnen schwere Strafen drohen, wenn sie von Absprachen erfahren, diese aber dem Verband nicht melden. Das muss sich ändern. Wir wollen dafür sorgen, dass junge Spieler keine Fehler begehen, die ihre Zukunft gefährden.

Italien erlebt eine dramatische Rezession, die sich auch negativ auf die Klubbilanzen auswirkt. Sogar Schwergewichte wie der AC Mailand setzen stark auf Sparkurs. Verliert der Calcio auf internationalem Niveau damit an Attraktivität?
Die Krise kann eine Herausforderung und eine Chance für den italienischen Fussball sein. Wegen der finanziellen Engpässe müssen die Klubs verstärkt auf junge Spieler setzen. Das führt dazu, dass italienische Talente besser verwertet werden. Die Krise zwingt die Vereine außerdem, neue Strategien zu entwickeln.

Sie sind seit zwei Jahren Coach der Azzurri, worin hat sich die Nationalmannschaft unter Ihrer Führung verändert?

Unser Spiel ist vielfältiger geworden, wir haben mehr Alternativen. Unser Fussball hat seine Mentalität verändert. Unsere jüngeren Nationalspieler versuchen, einen neuen Stil zu entwickeln.