Im zweiten Teil des exklusiven FIFA.com-Interviews spricht der spanische Nationaltrainer Vicente Del Bosque über seine Beziehung zu den Medien, Zweifel vor Entscheidungen und die Schwierigkeiten, die die aktuelle Qualifikation für die FIFA WM 2014 in Brasilien mit sich bringt.

Den ersten Teil dieses Interviews, den wir am gestrigen Montag veröffentlicht haben, können Sie über den Link in der rechten Menüleiste aufrufen.

Es wäre sehr schwer, danach noch einen Job bei einem Verein zu übernehmen, denn ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass ich mit 70 noch als Trainer arbeiten werde. Deshalb werde ich wohl einen Schlussstrich ziehen.

Vicente Del Bosque

Vicente, gab es in diesen Jahren der großen Erfolge auch ab und an Raum für Zweifel?
Natürlich, im Fussball hat man auch dann Zweifel, wenn man gewinnt, nicht wahr? Wir sind die letzte EURO praktisch vom ersten Tag an ohne einen klassischen Mittelstürmer angegangen. Wir wollten lieber einen Spieler einsetzen, der etwas zurückgezogener spielt und beim Spielaufbau behilflich ist, der aber durchaus auch in den Strafraum vorstößt. In solchen Augenblicken zögern und schwanken wir auch. Das ist eine komplexe Entscheidung, und ich glaube nicht, dass irgendjemand sich sicher sein kann, dass alles was er macht, das Beste ist. Auch ich habe viele Zweifel.

Wie gehen Sie nach so vielen Titelgewinnen mit Kritik an Ihrer Arbeit um? Bei der UEFA EURO 2012 wurden Sie beispielsweise aufgrund der eben angesprochenen Taktik kritisiert...
Ich höre mir die Kritik an und wäge sie ab. Man kann sich nicht einfach taub stellen, und in einigen Fällen haben die Kritiker natürlich auch recht. Im Augenblick sind wir allerdings etwas im Vorteil, weil wir ja alle wissen, wie die Situation am Ende ausgegangen ist. An dem Tag, an dem wir gegen Italien gespielt haben [im ersten Gruppenspiel], haben wir uns diese Lösung wegen [Andrea] Pirlo ausgedacht. An diesem Tag hat es vielleicht nicht ganz so gut geklappt, aber wir haben uns im Turnierverlauf gesteigert. Tatsächlich sind wir im Finale gegen Italien mit derselben Mannschaft aufgelaufen wie im Auftaktspiel.

Vor einiger Zeit haben Sie gesagt, Sie würden nach dem Job als Nationaltrainer nicht wieder auf die Vereinsebene zurückkehren. Bleiben Sie dabei?
Das habe ich aus Altersgründen gesagt. Ich bin jetzt 61 Jahre alt und habe noch gut ein Jahr, bevor meine Zeit am Ruder der Nationalmannschaft um ist. Es wäre sehr schwer, danach noch einen Job bei einem Verein zu übernehmen, denn ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass ich mit 70 noch als Trainer arbeiten werde [lacht]. Deshalb werde ich wohl einen Schlussstrich ziehen.

Welchen Unterschied macht es, ob man einen Klub oder eine Nationalmannschaft trainiert? In einigen Aspekten scheint es sich fast um zwei unterschiedliche Berufe zu handeln, oder?
Wir haben dieses Jahr 16 Partien bestritten, und allein schon der Vergleich mit den über 50 Spielen, die ein Verein bestreitet, sagt einiges aus. Bei einem Klub hat man das Tagesgeschäft, das es einem erlaubt, sein Team in einigen Aspekten allmählich zu verbessern. Hier [bei der Nationalmannschaft] hat man weniger Kontakt zu den Spielern. Bei einem Klub gibt es mehr Reibungspunkte mit dem Spieler, die auch zu größeren Konflikten führen können. In der Nationalmannschaft kommt es nicht so schnell dazu. Es kann schon mal eine saure Miene bei dem einen oder anderen geben, der nicht eingesetzt wird, manchmal regt sich jemand auf, aber es gibt nicht diesen täglichen Kontakt, der einem das Leben sehr schwer machen kann. Das sind die größten Unterschiede.

Was sagt Vicente Del Bosque einem Spieler, der zu einem so erfolgreichen Team wie der aktuellen spanischen Nationalmannschaft stößt, im ersten Gespräch?
Im ersten Gespräch, beim ersten Kontakt sage ich dem Spieler in der Regel noch einmal, dass er sich wie zu Hause fühlen soll. Ich sage ihm, dass er viel Unterstützung bekommt, keinerlei Probleme haben und sich sofort eingewöhnen wird. Das ist eigentlich nur eine Formalität, denn ich weiß, dass die Stammspieler, die regelmäßiger dabei sind, einen Neuling so behandeln, als sei er schon lange Zeit dabei. Alle, die neu hinzukommen, sagen das. Wir haben in dieser Hinsicht keine großen Probleme.

Können Sie in diesem ersten Gespräch bereits sagen, ob ein Spieler dem Druck gewachsen ist, dem er im Nationaltrikot ausgesetzt ist?
Ja, ich glaube, alle sind ihm gewachsen. Das sind ja keine Jungs mehr. Das sind junge Männer, aber sie haben schon Erfahrung im Fussball. Bisher ist es noch nie vorgekommen, dass ein neuer Spieler dazugestoßen und nervös geworden ist. Und was die jüngsten angeht, wenn sie gut sind, dann liegt das unter anderem daran, dass sie Selbstvertrauen haben und beherzt auftreten. Wenn sie ängstlich und zaghaft wären, dann hätten sie es schwerer. Sie haben für ihr Alter schon eine gewisse Reife.

Es ist auffällig, wie schnell sich einige Spieler ins Team eingliedern. Bei Jordi Alba hatte man beispielsweise das Gefühl, er sei schon sein ganzes Leben lang dabei...
Das ist bei einigen Spielern der Fall, die ihre Rolle schnell akzeptieren. Das ist das Beste, was ein so junger Spieler tun kann. Den Routiniers mit Respekt begegnen, mit einer gewissen Zurückhaltung und Auftritten, die ihm die Anerkennung der anderen einbringen. Und so sehen wir dann, dass wir beginnen können, sie jederzeit einzusetzen. Sie verdienen sich den Posten. Wir nominieren sie lediglich. Der Fall von Jordi Alba ist ein gutes Beispiel: Wir müssen bereit sein, wenn Spieler wie er auftauchen. Bei ihm kam die Chance auf der Position des Außenverteidigers, auf der [Joan] Capdevila uns hervorragende Dienste geleistet hatte. Wir haben auf Jordi gesetzt, und er hat fantastisch reagiert.

Kommen wir einmal auf die WM-Qualifikation zu sprechen. Spanien gehört der kleinsten Europa-Gruppe an, in der unter anderem auch Frankreich vertreten ist. Können Sie sich eine FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ ohne den amtierenden Weltmeister vorstellen?
So sind nun einmal die Regeln, und die muss man akzeptieren. Wir haben zwei Partien gewonnen und in einer weiteren unentschieden gespielt. Noch gibt es 15 Punkte zu holen. Es stimmt, dass wir auswärts gegen Frankreich antreten müssen, aber es gibt auch noch andere Gegner, die durchaus dafür sorgen können, dass wir beide den einen oder anderen Punkt liegen lassen. Es gibt Mannschaften, die uns große Schwierigkeiten bereitet haben, beispielsweise Georgien, das wir erst mit einem späten Tor besiegen konnten. In dieser Qualifikationsgruppe ist noch nichts entschieden.

Ist es schwieriger geworden, gegen Mannschaften anzutreten, die eigentlich nicht als Fussballmächte gelten?
Ja, natürlich, das wird immer schwieriger. Die Gegner kennen uns sehr gut und wissen schon ganz genau, wie wir spielen. Jetzt kommt es darauf an, dass wir an das glauben, was wir tun, und dass die Spieler die nötige Geduld aufbringen, um jedes Defensivsystem zu knacken. Wir dürfen nicht denken, dass wir in den ersten zehn Minuten gewinnen müssen.