Nach Engagements als Trainer der Schweiz, der Vereinigten Arabischen Emirate und Finnlands ist Roy Hodgson das Leben eines Nationaltrainers nicht fremd. Und doch bedeutet ihm seine aktuelle Aufgabe mehr. Am 1. Mai dieses Jahres wurde Hodgson als Nachfolger von Fabio Capello zum englischen Nationaltrainer ernannt.

FIFA.com führte in seinem Büro im Wembley-Stadion ein Exklusiv-Interview mit Hodgson. Das Stadion ist nur 30 Kilometer von seinem Geburtsort Croydon entfernt.

Wenn wir mit der A-Nationalmannschaft auf der Strecke bleiben, dann wird es viel schwerer sein, unsere Botschaften an den Mann zu bringen.

Roy Hodgson

Im ersten Teil des Interviews (Teil zwei folgt am Dienstag) erinnert sich Hodgson daran, wie es war, als ihm der Job angeboten wurde. Außerdem bewertet er den bisherigen Verlauf der WM-Qualifikation und lobt die Eröffnung von St. George's Park, Englands neuem nationalem Fussballzentrum, als entscheidend für die Förderung der zukünftigen Trainer und Fussballer des Landes.

Was war das für ein Gefühl, als Sie den Anruf bekommen haben, bei dem der englische Fussballverband (FA) sein Interesse bekundet hat?
Ein Glücksgefühl, würde ich sagen. Ich habe mich wirklich gefreut. In der Vergangenheit stand immer wieder zur Debatte, dass ich vielleicht ein ernsthafter Anwärter auf den Posten sein könnte, aber am Ende hat dann doch immer jemand anders den Job bekommen. Nachdem ich mehrmals mit dem zweiten Platz Vorlieb nehmen musste, war es ein sehr gutes Gefühl, als der Anruf schließlich kam. Und dann war es praktisch ein fait accompli - es gab keine langwierigen Verfahren mehr. Der FA hatte die Entscheidungsfindung bereits hinter sich. Es ging nur noch darum, zu einer Einigung zu kommen, und das war kein Problem, weil ich den Job machen und der Verband mich haben wollte. Das war ein sehr glückliches Ereignis, das ich mir seit langer Zeit gewünscht hatte. Es ist schön, dass es endlich eingetreten ist.

Wie würden Sie die bisherige Leistung Ihrer Mannschaft in der Qualifikation für Brasilien 2014 bewerten?
Wir haben zwei Punkte weniger auf dem Konto als wir uns gewünscht hätten. Wenn wir jetzt zehn Punkte hätten, wären wir angesichts des bisherigen Programms ziemlich zufrieden gewesen - wir haben acht. In den elf Spielen, die wir seit meinem Amtsantritt bestritten haben, sind wir noch immer ungeschlagen. Darüber freue ich mich. Allerdings bin ich enttäuscht darüber, dass uns gegen die Ukraine kein Sieg gelungen ist. Sie haben ein Wundertor erzielt und dann sehr gut verteidigt. Obwohl wir vielleicht die größeren Spielanteile hatten, haben wir sehr lange gebraucht, um zum Ausgleich zu kommen. In Polen war ich enttäuscht darüber, dass wir nicht besser gespielt und die Führung über die Zeit gebracht haben. Aber das war ein merkwürdiges Spiel, wegen der äußeren Umstände, die sich, glaube ich, auf beide Mannschaften ausgewirkt haben. [Anm. d. Red.: Das Spiel war nach starkem Regen wegen Unbespielbarkeit des Platzes abgesagt und auf den nächsten Tag verschoben worden.] Meiner Meinung nach darf man dem Spiel daher nicht so viel Bedeutung beimessen. Ich glaube, sowohl wir als auch die Polen waren mit dem Spielverlauf nicht zufrieden. Aber es ist nicht leicht, wenn ein Spiel so plötzlich abgesagt und auf den nächsten Tag verschoben wird. Außerdem war der Platz nach den Ereignissen noch immer in einem ziemlich schlechten Zustand. Daher war ein Unentschieden letztendlich kein schlechtes Ergebnis.

Aber wenn wir von einer idealen Situation ausgehen, wäre es schon schöner, jetzt zehn Punkte auf dem Konto zu haben. Dann wäre ich mit unserem Start sehr zufrieden. So wie es jetzt ist, bin ich einigermaßen glücklich, halbwegs zufrieden, aber ich mache keine Luftsprünge, weil wir in vier Spielen acht Punkte geholt haben. Es liegt noch ein weiter Weg vor uns, aber wir können in den noch ausstehenden Partien aus einem viel größeren Spielerpool wählen. Ich glaube, ich werde bei der Zusammenstellung einer Mannschaft eine größere Auswahl haben, weil mehr und mehr Leute an die Tür klopfen und um einen Platz kämpfen werden. Das sorgt für einen stärkeren Konkurrenzkampf und hoffentlich für eine Leistungssteigerung.

Was würde es Ihnen bedeuten, bei der Weltmeisterschaft in Brasilien dabei zu sein?
Mit England an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen, das wäre schon was. Es würde mir mit England besonders viel bedeuten, weil England mich geprägt hat, in England habe ich meine Trainerausbildung gemacht, der FA hat meine Trainerkarriere auf den Weg gebracht. Es wäre fantastisch, mit einer englischen Nationalmannschaft in Brasilien dabei zu sein.

Sicher freuen Sie sich schon auf die spektakulären Freundschaftsspiele, die in nächster Zeit anstehen, oder?
Ja, das tue ich. Freundschaftsspiele heißen nur Freundschaftsspiele. Für uns steht dabei immer etwas auf dem Spiel. Ich bin sicher, dass die meisten Spieler darauf brennen, in der Partie gegen Schweden und insbesondere gegen Brasilien dabei zu sein. Dann stehen gegen Schottland und Irland traditionelle Begegnungen an, die wegen der 'Rivalität unter Geschwistern' hart umkämpft sein werden.

Was denken Sie über St. George’s Park, das neue nationale Fussballzentrum?
Ich glaube, das wird ein Aushängeschild der Ausbildung von Spielern und Trainern in England werden und die Entwicklung des englischen Fussballs vorantreiben. Wenn die Vorzeigeteams - die A-Nationalmannschaft, die U-21, U-19 und die Frauenauswahl - dort trainieren, ist dies das Sahnehäubchen auf dem Kuchen. Aber das Zentrum spielt noch eine viel größere Rolle. Wenn die englischen Nationalteams aller Altersklassen jetzt trainieren, stehen ihnen fantastische Einrichtungen zur Verfügung. Es hat uns an den wenigen Tagen, die wir gemeinsam trainieren, nie an Einrichtungen gemangelt, aber es ist schön, dass wir jetzt unser eigenes Zentrum haben. Das ist viel besser, als den Trainingsplatz von jemand anders leihweise nutzen und im Hotel absteigen zu müssen. Aber die wichtigste Rolle wird das Trainingszentrum meiner Meinung nach bei der Ausbildung von Nachwuchsspielern und Trainern spielen, die mit diesen Nachwuchsspielern arbeiten. Das ist ein zentraler Punkt, der zeigt, wie ernst es dem FA mit der Förderung von Spielern ist - und mit der Förderung von Trainern, die gute Spieler hervorbringen können. Darin sehe ich die Hauptfunktion.

Wie schwierig finden Sie es, mit einem Auge auf die Gegenwart und mit dem anderen in die Zukunft zu schauen?
Das ist der Job eines Nationaltrainers. Einige Leute meinen, wir sollten uns ganz auf die Gegenwart konzentrieren. Dieser Ansicht bin ich nicht. Ich denke, man sollte versuchen, in der Gegenwart seinen Job zu machen und dabei zumindest im Hinterkopf behalten, dass man eines Tages nicht mehr Trainer dieser Mannschaft sein wird. Welches Vermächtnis hinterlässt man dann? Welche Arbeit wird getan sein, wenn die Zeit mit dem Nationalteam eines Tages um ist?  Aber es gibt natürlich keinen Zweifel daran, dass die Gegenwart sehr wichtig ist. Wir brauchen eine erfolgreiche Mannschaft. Wenn wir mit der A-Nationalmannschaft auf der Strecke bleiben, dann wird es viel schwerer sein, unsere Botschaften an den Mann zu bringen. Ich zweifle nicht daran, dass wir im Laufe der nächsten zehn Jahre enorme Verbesserungen erleben werden. Ich glaube, wenn man sich die Nachwuchsspieler anschaut, die gerade den Durchbruch schaffen, kann man diese Entwicklung bereits jetzt erkennen. Oxlade-Chamberlain, Welbeck, Cleverley, Bertrand, Gibbs, Wilshere - all diese Spieler sind technisch auf einem sehr hohen Niveau. Es kann nur noch besser werden.

Sie haben diesen Spielern die Chance gegeben, sich zu profilieren. Sind Sie stolz darauf, dass sie ihre Chance genutzt haben?
Ich freue mich darüber, dass sie die Chance genutzt haben, stolz bin ich nicht. Wenn man einen Kader mit 23 Spielern zusammenstellt, ist genug Raum für einige Akteure, die heute vielleicht noch nicht ganz so weit sind. Insbesondere wenn man im Hinterkopf behält, dass wir noch knapp zwei Jahre Zeit haben, falls wir uns für Brasilien qualifizieren. Man muss schon jetzt ein Auge auf diese Spieler haben, die im Augenblick Erfahrungen sammeln und ein Gefühl dafür bekommen, was es bedeuten könnte, ein Wayne Rooney, Steven Gerrard oder Ashley Cole zu sein. Denn einige dieser Nachwuchsakteure, die im Augenblick noch am Rande des Kaders stehen, könnten in zwei Jahren vielleicht schon gemeinsam mit diesen Routiniers auf dem Platz stehen oder sie gar verdrängen, wenn sie das Niveau, auf dem wir bis dahin gelandet sind, nicht mehr erreichen.

Was begeistert Sie bei der Arbeit als englischer Nationaltrainer am meisten? Und was frustriert Sie?
Das Aufregendste sind natürlich die Spiele. Das sind einfach tolle Ereignisse. Man arbeitet mit fantastischen, hochklassigen Spielern. Da wird jedes Spiel zu einem unglaublichen Event. Selbst gegen San Marino sind 85.000 Menschen im Wembley-Stadion. Viele Leute wären schon glücklich, wenn sie diese Erfahrung ein Mal im Leben machen dürften. Frustrationen erwachsen vor allem daraus, dass man sich bei Spielen oder im Training immer Sorgen machen muss, dass man Stammspieler durch Verletzungen verliert. Darüber hat man keine Kontrolle. Und dann gibt es natürlich noch eine ganz offensichtliche Sache. Jeder Nationaltrainer beklagt sich darüber, dass er zu wenig Zeit hat, mit den Spielern zu arbeiten. Man hätte gern viel mehr Zeit, um sie besser kennenzulernen und sowohl ihre technischen Fähigkeiten als auch ihre persönlichen Eigenschaften besser einschätzen zu können. Außerdem wäre mehr Zeit natürlich gut, um am Mannschaftsspiel zu arbeiten. Aber wenn man diesen Job übernimmt, weiß man schon, dass dies der Fall sein wird. Man darf sich nicht darüber beklagen. So ist das Leben nun mal im Fussball.