Marc Wilmots übernahm die Leitung einer verwaisten belgischen Nationalmannschaft, nachdem Georges Leekens unerwartet seinen Abschied erklärt hatte. Der ehemalige Assistent prägte die Roten Teufel schon bald mit seiner eigenen Handschrift.

Vier Monate nach der Verlängerung seines Vertrages um zwei Jahre hofft der ehemalige Mittelfeldspieler, aus einer ehrgeizigen und vielversprechenden goldenen Generation, die indes Mühe hat, dieses Versprechen einzulösen, das Beste herauszuholen.

Mit vier Punkten aus zwei Partien reist Belgien nicht unbedingt in der Rolle des Außenseiters zum WM-Qualifikationsspiel nach Serbien. Zehn Jahre nach der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Korea/Japan 2002 sind die Belgier wieder eine kontinentale Macht.

Doch Versprechen allein reichen dem Perfektionisten Wilmots nicht aus, der für seine offene Art bekannt ist, was er auch im Gespräch mit FIFA.com unter Beweis stellte.

Herr Wilmots, 2010 vertrauten Sie uns an, dass Sie nicht wieder Trainer geworden wären, wenn Dick Advocaat Sie 2008 nicht geholt hätte. Denken Sie vier Jahre später, die richtige Entscheidung getroffen zu haben?
Als Dick mich holte, gab es im belgischen Fussball keine Gelegenheit für mich, zu arbeiten. Ich hätte mit Sicherheit eine andere Richtung eingeschlagen. Gemeinsam nahmen wir den Prozess des Neuaufbaus in Angriff. Wir mussten eine Mannschaft, eine Mentalität, einen Willen neu gründen. Die Liebe für die Roten Teufel hat mich nie verlassen. Ich war bei vier Weltmeisterschaften dabei, und 2002 war ich Kapitän. Zu sehen, dass das Stadion bei unseren letzten drei Spielen voll war, ist also ein großer Sieg. Die Liebe der Zuschauer für ihre Nationalmannschaft ist zurückgekehrt, die Menschen sind stolz auf ihre Teufel, auf dem Weg zum Stadion lächeln sie. Das macht mich ungemein stolz, denn es ist das Resultat eines Prozesses, der 2008 begann.

Nun, da Sie Nationaltrainer sind - dämpft der Druck, gute Ergebnisse zu erzielen, ein wenig die Leidenschaft für diesen Beruf?
Der Druck ist in der Nationalmannschaft immer höher, das ist eine Tatsache. Weil man keinen Joker hat. Man muss am Tag X gewinnen, nicht früher, nicht später. Als ich Nationaltrainer wurde, habe ich meine Arbeitsweise mit dem Trainerstab und den Menschen beim Verband geändert. Ich wollte allen mehr Vertrauen geben. Druck nein, Lust ja! Und vor allem Respekt. Damit fängt alles an.

Worin besteht konkret die Methode Wilmots?
Ich habe dieser Mannschaft meinen Stempel aufgedrückt. Ich weiß, was ich erreichen will und welchen Weg ich einschlagen muss, um es zu erreichen. Ich stütze mich auf eine Spielvision, eine Philosophie, die meinen Erfahrungen und Überzeugungen entspringt. Ich will, dass wir unser Spiel durchsetzen, dass wir keine Angst haben und uns nicht kleiner als unser Gegner fühlen. Ich will gutes Spiel, Bewegung und Torchancen. Aber Vorsicht, das heißt nicht, naiv zu sein. Meine ganze Arbeit besteht darin, dieses Gleichgewicht zu finden. Die Arbeit eines Nationaltrainers besteht darin, seinen Kader zu analysieren und aus ihm das Beste herauszuholen. Dieses Amt ist mit der Arbeit eines Klubtrainers nicht zu vergleichen. Man darf sich nichts vormachen, man kann nicht in zwei oder drei Trainingseinheiten Automatismen etablieren. Deshalb muss man in gewisser Hinsicht dafür sorgen, den Spielern die gleichen taktischen Vorgaben wie im Klub zu machen, wann immer es möglich ist. Es ist sehr viel Hintergrundarbeit erforderlich, um zu analysieren, wie jeder in seinem Klub spielt, wo er sich am wohlsten fühlt. Und ihn dann in der Nationalmannschaft auf der bestmöglichen Position einzusetzen und gleichzeitig das kollektive Gleichgewicht zu respektieren. Man muss Kontinuität gewährleisten. Ich habe ein 4-3-3 etabliert, denn meiner Meinung nach passt es am besten zu dieser Mannschaft. Man muss die Grundlagen legen, auf denen die Orientierungspunkte und Automatismen aufbauen.

Bevor Sie in Ihrem Amt bestätigt wurden, leiteten Sie zwei Partien gegen Montenegro und England offiziell als Interimstrainer. Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen?
Zwischen dem Abschied von Leekens und meinem ersten Spiel lag nur eine Woche, ich hatte also nichts geändert. Ich habe mich auf die Grundlagen gestützt, die vorhanden waren. Ich war offen zu den Spielern. Ich habe ihnen gesagt: "Nun, ich mache diese zwei Spiele gratis, und wenn es danach nicht auf meine Weise gemacht wird, ist es für mich beendet. Aber ihr, ihr habt ein Ziel, und das ist Brasilien." Letztlich haben sie große Lust und eine exzellente Reaktion gezeigt. Sie sind diese zwei Spiele mit dem nötigen Ernst angegangen, taktisch und physisch. Am Montag nach dem zweiten Spiel rief mich der Verband an, um mir zu sagen, dass die Spieler wünschten, ich solle weitermachen.

Seit 2008 hat das Versprechen dieser "goldenen Generation" vor allem zu Bedauern und Frustration geführt. Ist nun die Zeit der Bestätigung gekommen?
Das Talent ist vorhanden, aber unsere Gegner, wie zum Beispiel Kroatien, sind hinsichtlich ihrer Reife und Erfahrung weiter als wir. Diese Generation wird vor allem in den kommenden Jahren golden sein, sie ist noch jung und verbesserungsfähig. Spieler wie Eden Hazard, Kevin de Bruyne oder Christian Benteke sind erst 20 Jahre alt und in ihren Klubs nicht unumstritten. Man muss realistisch sein und ihnen Zeit geben. Und das sage ich nicht um meinetwillen, denn wie gesagt: wenn ich morgen nicht mehr da bin, ändert das mein Leben nicht. Es ist uns gelungen, einen Kader von 25 Spielern zusammenzustellen, der Fortschritte macht, doch es wird bis zum Ende hart bleiben. Es stehen uns zehn Endspiele bevor, um uns zu qualifizieren. Wir müssen demütig bleiben und wissen, dass die Entscheidung in den Spielen neun und zehn fällt. Wenn wir in die Playoffs müssen, werden wir über mehr kollektive Erfahrung verfügen, und unsere Chancen, nach Brasilien zu kommen, werden steigen.

Sind der souveräne Sieg gegen Wales (2:0) und die Überlegenheit gegen Kroatien (1:1) Zeichen einer neuen Reife?
Man darf nicht vergessen, dass wir gegen die Niederlande (4:2) zwei Tore innerhalb von zehn Minuten kassiert haben. Und als die ganze Presse hier in Belgien nach dem Sieg aus dem Häuschen war, habe ich schnell alle beruhigen müssen. Man darf nicht überdrehen. Auf hohem Niveau muss man perfekte Spiele machen, um zu gewinnen, und das ist schwierig. Doch die Lust ist vorhanden. Ich habe enorm viel Freude daran, die Jungs weiterzubringen, mit Timmy Simons und Daniel Van Buyten als Helfer. Sie kennen mich, sie haben mit mir zusammen gespielt und mich als Kapitän gehabt.

Kann das nächste Spiel gegen Serbien Aufschluss über den Reifeprozess geben?
Kein Spiel ist entscheidender oder aufschlussreicher als das andere. Es geht überall und immer um die drei Punkte. Ich erwarte, in Serbien von den Spielern eine Reaktion zu sehen, doch danach stehen immer noch viele Punkte auf dem Spiel, deshalb ist es nicht entscheidend. Wir müssen die gleiche Einstellung bewahren und den Ehrgeiz haben, das Spiel zu machen. Wir fahren dort hin, um zu gewinnen und unser Spiel durchzuziehen. Das ist mit dieser Generation das einzig mögliche Ziel.