Der 16. Oktober 2012 wird dem Bolivianer Carlos Saucedo sicher für immer in Erinnerung bleiben. Und das aus gutem Grund! Denn wann kommt es schon mal vor, dass in Südamerika, wo es im Fussball häufig knappe Entscheidungen gibt, ein 33-Jähriger in einem WM-Qualifikationsspiel sein Nationalmannschaftsdebüt feiert und dabei gegen Uruguay gleich drei Treffer erzielt?

"Es war schon immer mein Traum, im Nationaltrikot meines Landes zu spielen. Als ich erfuhr, dass ich gegen Uruguay auflaufen würde, habe ich mir gesagt 'Jetzt musst du ein Tor schießen.' Schließlich habe ich schon etliche Angreifer erlebt, die mit fliegenden Fahnen in eine Partie gegangen waren und dann enttäuscht haben. Deshalb hatte ich zunächst Bedenken, ob ich die in mich gesetzten Erwartungen auch erfüllen könnte. Doch dass ich dann sogar drei Tore schießen würde, hätte ich niemals zu träumen gewagt", so der noch immer sichtlich bewegte Saucedo im Gespräch mit FIFA.com, wobei ihm neben der Freude über den 4:1-Sieg seiner Mannschaft gegen die Celeste, der Bolivien neue Hoffnung auf ein WM-Ticket für Brasilien 2014 bescherte, ein fast jugendlich anmutendes Staunen über sich selbst anzusehen ist.

Der Verlauf seiner Karriere unterscheidet den 1,80 Meter großen Angreifer von anderen Spielern, denn Saucedo gab erst 2006, also im Alter von 26 Jahren, bei Oriente Petrolero sein Profidebüt in der Primera División seines Landes. Und seine erste Torschützenkrone konnte er gar erst in diesem Jahr bei seinem aktuellen Klub San José de Oruro bejubeln, für den er in 22 Punktspielen der Clausura-Meisterschaftsrunde nicht weniger als 17 Mal traf.

Zuvor hatte sich Saucedo bereits 2007 für Bolívar (18 Tore in 33 Spielen) und 2010 für Aurora (15 Treffer in 41 Spielen) als Torjäger hervorgetan. Die Chance, seine Torgefährlichkeit auch in der Nationalmannschaft unter Beweis zu stellen, blieb ihm indes versagt. Warum, wollen wir von ihm wissen. "Es gab immer irgendeinen Angreifer, der bei einem ausländischen Klub unter Vertrag stand und zudem gut spielte. Also hat man sich am Ende für ihn entschieden", erläuterte der aus Santa Cruz stammende Stürmer, der in seiner bisherigen Klubkarriere auch für Deportivo Quito (Ecuador), Blooming, The Strongest und Independiente Medellín (Kolumbien) aktiv war.

Ein geborener Vollstrecker
Die 90 Minuten gegen Uruguay jedoch stellten all das, was Saucedo bisher in sportlicher Hinsicht geboten hatte, auf einen Schlag in den Schatten. Denn plötzlich fand er seinen Namen neben denen solcher Stars wie Lionel Messi, Luis Suárez und Radamel Falcao in der Torschützenliste der Südamerika-Qualifikation wieder. "Das ist ein wunderbares Gefühl und für mich eine zusätzliche Motivation. Ihr Vorsprung auf mich ist noch groß. Ich müsste also noch das eine oder andere Tor schießen, um es mit diesen Topstürmern aufnehmen zu können", meinte Saucedo scherzend, und fügte sofort hinzu: "Das Wichtigste für mich ist jetzt, nicht abzuheben und mir nicht zu sagen 'Ich werde kontinentaler Torschützenkönig dieser WM-Qualifikation'. Sicher, ich habe ein gutes Spiel gemacht und drei Treffer erzielt. Allerdings weiß ich nicht einmal, ob ich beim nächsten Spiel dabei sein werde. Mal abgesehen davon, dass ich den Trainer vielleicht nicht in allen Belangen überzeugen konnte, Vorrang hat die Mannschaft als Ganzes. Und deren Ziel lautet Brasilien 2014."

Nach Saucedos Einschätzung war Bolivien in der aktuellen WM-Qualifikation eigentlich noch nie ohne Chance. "Bei uns messen die Fans alles an den Ergebnissen. Wir dagegen nicht. Ebenso wie wir nicht das Gefühl hatten, dass wir nach dem Unentschieden gegen Peru bereits aus dem Rennen waren, sehen wir uns jetzt nach dem Sieg über Uruguay nicht schon wieder voll drin. Wir haben aktuell vier Punkte Rückstand auf einen Qualifikationsplatz, und wenn wir gegen solch starke Gegner wie Kolumbien (auswärts) und Argentinien (zu Hause) an die jüngste Leistung anknüpfen können, haben wir durchaus Chancen. Solange diese Partien noch nicht gespielt sind, glauben wir weiter an unsere Möglichkeiten", so Saucedo optimistisch. Seine Mitspieler aus dem Nationalteam haben ihm inzwischen den Spitznamen El Caballo (das Pferd) verpasst, weil er seinen dritten Treffer gegen Uruguay auf ihre Bitte hin mit einer Geste gefeiert hatte, bei der er sich so bewegte, als ob er in den Sattel eines Pferdes steigen würde.

Sich selbst bezeichnet der Angreifer als "geborenen Vollstrecker". Dass dies nicht übertrieben ist, demonstrierte er auf höchst eindrucksvolle Weise gegen eine derart gut gestaffelte Abwehr wie die von Uruguay. Das erste Mal traf er mit dem linken, beim zweiten Tor mit dem rechten Fuß und den dritten Treffer erzielte er per Kopf.

Zwischen Ambitionen und Anerkennung
Im Übrigen hofft Saucedo derzeit darauf, dass Trainer Xabier Azkargorta die bolivianische Nationalmannschaft ein weiteres Mal zu einer FIFA WM führen kann, so wie es ihm bereits 1994 für die WM-Endrunde in den USA gelungen war, die Saucedo damals im Fernsehen verfolgte. "Dieses Turnier ist mir noch in bester Erinnerung, und ich kann immer noch nicht so richtig glauben, dass ich jetzt unter dem gleichen Trainer mein Nationalmannschaftsdebüt geben durfte", so der bekennende Fan von Ronaldo und Martín Palermo.

Saucedo erzählte von einer persönlichen Geste des Nationaltrainers ihm gegenüber, die er nie vergessen wird: "Nach dem Spiel bin ich auf ihn zugegangen, um ihm zu sagen: 'Danke für die Gelegenheit, die du mir gegeben hast, Trainer.' Darauf erwiderte er: 'Du musst dich bei mir für nichts bedanken. All das, was gerade mit dir geschieht, hast du dir redlich verdient.' Diese Worte sind mir echt unter die Haut gegangen."

Spätestens bei der Erzählung von den Stunden unmittelbar nach seiner Glanzvorstellung scheinen die Emotionen den Angreifer endgültig zu überwältigen. "Als ich ins Mannschaftshotel kam, kamen mir die Tränen. Das Gleiche passierte mir dann auch zu Hause", so Saucedo mit stockender Stimme. Nach all den Opfern, die ich und meine Familie, die immer für mich da war und ist, gebracht haben, brach es einfach aus mir heraus. Ich war so überglücklich, dass ich fast nicht schlafen konnte."

Bevor er sich verabschiedete, kam Saucedo noch einmal auf seine Entschlossenheit und seine Schlagkraft im gegnerischen Strafraum zu sprechen. "Das alles hat mich eine Menge Kraft gekostet. Aber wie schon unserer Nationaltrainer sagte, habe ich das, was ich bisher im Fussball erreicht habe, auch durch meine eigene Arbeit verdient. Damit habe ich mir die nötige Anerkennung erworben, um in der Nationalmannschaft zu spielen. Und ich habe nicht enttäuscht. Jetzt hoffe ich, dass ich in Form bleibe und Bolivien zur Teilnahme an der nächsten WM verhelfen kann."