Fast auf den Tag genau vier Jahre nach dem WM-Viertelfinale zwischen Deutschland gegen Argentinien kommt es am Samstag zur Neuauflage des Duells. Die Erinnerungen an diesen 30. Juni 2006 sind besonders bei den deutschen Fans allgegenwärtig. Im Elfmeterschießen behielt der WM-Gastgeber mit 4:2 die Oberhand und einer stand besonders im Mittelpunkt: Jens Lehmann.

Der Torhüter der deutschen Nationalmannschaft parierte nicht nur zwei argentinische Strafstöße, sondern sorgte auch mit einer Kuriosität für Aufsehen: Ein Papierstück, auf dem die Schussgewohnheiten der Gegner standen, holte der Keeper vor den Augen der argentinischen Elfmeterschützen immer wieder aus seinem Stutzen. Der Zettel wurde später zugunsten einer Hilfsorganisation versteigert.

FIFA.com sprach kurz vor dem Duell gegen die Südamerikaner exklusiv mit Lehmann. Der 40-Jährige, der inzwischen zurückgetreten ist, äußerte sich dabei über das bevorstehende Viertelfinale, die Leistungen der Deutschen sowie seine Erinnerungen an 2006.

56 Spiele der WM sind vorbei. Wie lautet Ihr Fazit bis hierhin?
Das Fazit fällt durchaus positiv aus. Wir haben einige gute Spiele gesehen und natürlich auch einige Enttäuschungen. Aber das ist bei einem solchen großen Turnier normal.

Von den acht Viertelfinalisten sind vier aus Südamerika [Brasilien, Paraguay, Uruguay, Argentinien], aber nur drei aus Europa [Spanien, Deutschland, Niederlande]. Überrascht Sie das?
Es ist schwierig, dafür Gründe zu finden. Vielleicht sind die Südamerikaner einfach hungriger in diesem Turnier. Die Leistungen von Italien und Frankreich waren enttäuschend, aber nun sind mit Spanien und Deutschland die beiden aktuell besten Mannschaften Europas, was sie bei der Europameisterschaft 2008 gezeigt haben, noch im Rennen.

Sind Deutschland und Spanien bereit für den WM-Titel?
Meiner Meinung nach, können beide Teams auch den Titel holen. Die Chancen, vor allem für die deutsche Mannschaft, sind da. Zwar haben Argentinien und möglicherweise auch die Spanier eine reifere Mannschaft, aber wir sind eine Turniermannschaft. Und gerade da könnte die Erfahrung des Trainers den Ausschlag geben.  Ein tolles Finale wäre natürlich ein Duell gegen die Brasilianer, die ich stärker einschätze als die Niederlande, aber eines ist auch klar: Ein Endspiel gegen die Niederlande wäre interessanter. 

Angesichts der Ausfälle im Vorfeld der WM von Simon Rolfes, René Adler und vor allem Michael Ballack waren viele unsicher, wie das Turnier aus deutscher Sicht laufen würde. Nun sorgt das Löw-Team für Furore. Sind Sie überrascht?
Sicherlich hat die Art und Weise, wie die deutsche Mannschaft sich bisher präsentiert, überrascht. Sie spielen einen schönen Fussball und hat vor allem gegen Australien und gegen England beeindruckt.

Lothar Matthäus erklärte kürzlich im FIFA.com-Interview, dass der Ausfall des "Capitanos " ein "Gewinn für die deutsche Mannschaft " sei. Sehen Sie das genauso?
Das ist natürlich schwer, im Nachhinein zu sagen. Wenn der Kapitän ausfällt, ist es immer so, dass die Last und die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt werden. [Philipp] Lahm und [Bastian]Schweinsteiger machen ihre Aufgabe aber bisher sehr gut. Letztendlich tut es den jungen Spielern vielleicht wirklich gut, da sie den Leitwolf auf dem Rasen nicht mehr zwingend anspielen müssen.

Nun geht es für die DFB-Elf gegen Argentinien. Was haben Sie gedacht, als die Paarung feststand?
Ich habe mich sehr gefreut. Jeder Fussball-Fan freut sich, wenn solche Duelle stattfinden, die die Massen begeistern.

Wie wird das Spiel laufen?
Argentinien ist sicherlich eine gute Mannschaft, aber Deutschland ist fitter.  Dazu dürfte auch das Trainerteam eine Rolle spielen, das mehr Turniererfahrung vorzuweisen hat. Das ist ein Nachteil für die Argentinier.

Welche Erinnerungen haben Sie an das Duell gegen Argentinien 2006?
Ich habe zum Glück nur gute Erinnerungen. Es war ein dramatisches Spiel vor fantastischer Kulisse und Gott sei Dank mit gutem Ausgang für uns.

Natürlich ist der "Zettel" die zentrale Erinnerung bei vielen Fans. Hätten Sie damals gedacht, dass es so ein Wirbel darum gegen würde?
Nicht im Entferntesten. Ich wollte den Zettel nach dem Spiel schon in den Papierkorb werfen, aber habe es mir dann doch anders überlegt. 'Ein schönes Erinnerungsstück für meine Kinder ' war mein Gedanke und habe ihn dann doch mitgenommen.

Sollte es wieder ein Elfmeterschießen geben, sollte Manuel Neuer auch einen Zettel rausholen - nur um die Argentinier zu irritieren?
Auf jeden Fall. Andreas Köpke wird sicherlich im Fall des Falles auch wieder einen Zettel bereithalten und ihm diesen dann geben. Bei mir hatte der Zettel keinen psychologischen Hintergrund. Ich konnte mir die ganzen Schützen einfach nicht schnell genug merken. Letztendlich muss  Manuel [Neuer] selbst entscheiden, in welche Ecke er springt.

Sollte Neuer dann tatsächlich einen Zettel rausholen – macht das die Schützen nervös?
(lacht) Ich hoffe doch. Vielleicht bringt ja die bloße Anwesenheit des Zettels schon etwas und die Schützen denken sich ‚ 'Oh, jetzt geht das schon wieder los '. Vielleicht reicht es, um Argentinien zu schlagen.

Wie gefällt Ihnen ihr Nachfolger im DFB-Tor bis jetzt?
Er hat bisher sehr mutig gespielt und einige gute Bälle gehalten. Natürlich hatte er auch zwei nicht ganz so glückliche Aktionen, die zu Gegentreffern führten. Aber das ist ganz normal für einen jungen Kerl. Ihn zur Nummer eins zu machen, war die richtige Wahl. Wichtig ist, dass die Mannschaft Erfolg hat und eine gewisse Euphorie vorhanden ist. Die Mannschaft präsentiert sich als Einheit, und er gehört dazu und profitiert davon.

Was halten Sie von Maradona als Trainer?
Maradona hat, soweit ich das beurteilen kann, einen sehr guten Umgang mit der Mannschaft. Und da er einer der besten Spieler der Geschichte ist, glauben ihm die Spieler viel. Da kommen einfach zwei Sachen zusammen. Er und die individuelle Klasse seiner Mannschaft. Aber ihm fehlt letztendlich die taktische und technische Reife, die unser Trainerteam besitzt. Maradona kommt sicherlich eher von der Motivationsseite.

Also wie Jürgen Klinsmann beim Sommermärchen 2006?
Nein, da wird ihm [Jürgen Klinsmann] zu oft Unrecht getan. Natürlich war er beim Turnier selbst als Motivator gefragt, was er großartig gemacht hat. Aber davor hat er uns optimal vorbereitet und auf allen Positionen die richtigen Entscheidungen getroffen.

Eine zweite Szene aus dem Argentinien-Spiel von 2006, die unvergessen ist, ist der Handschlag mit Oliver Kahn. Im Interview sagte er vor Kurzem, dass ihr Verhältnis vor allem von den Medien sehr hochgepusht wurde. Ist das richtig?
Das ist schwierig zu sagen. Ich kann seine Kommentare nur schwer einschätzen. Als ich nach Deutschland zurückgekehrt bin, waren seine Aussagen zu mir sehr negativ. Von daher will mich dazu lieber nicht äußern.

Bei einem Abschiedsspiel – laden Sie Oliver Kahn ein?
(lacht) Falls ich eins mache, werde ich dann entscheiden.

Wie sieht es bei Ihnen persönlich aus. Sie sind derzeit hier in Südafrika als Experte vor Ort, aber danach?
Noch ist nichts geplant. Ich habe ja erst vor ein paar Wochen meine Karriere beendet und bin nun als TV-Experte bei der WM im Einsatz. Danach mache ich erst einmal ein oder zwei Monate Urlaub mit meiner Familie und anschließend sehen wir weiter. Vielleicht mache ich auch den Trainerschein. Das wird sich alles ergeben.