Die Kulisse
Es gibt Fussballspiele, die einfach für ewig in Erinnerung bleiben. Unabhängig davon, ob sie eine äußerst freudige oder eine zutiefst traurige Stimmung auslösen, in jedem Fall hinterlassen solche Partien in den Köpfen der Spieler und Fans unauslöschliche Spuren. Dazu zählt auch das WM-Qualifikationsspiel zwischen Frankreich und Bulgarien vom 17. November 1993.

Damals hatten 48.402 Zuschauer für ein bis auf den letzten Platz gefülltes Prinzenpark-Stadion gesorgt. Sie alle waren in der Erwartung gekommen, dass ihr Team die Partie gewinnen und sich damit nach Mexiko 1986 erneut für eine Endrunde der FIFA-WM qualifizieren würde. Allerdings hatten auch die Bulgaren an jenem kühlen Mittwochabend deutlich zu erkennen gegeben, dass sie keinesfalls als Touristen in die französische Metropole gereist waren. FIFA.com schildert die Ereignisse jenes denkwürdigen und unvergesslichen WM-Qualifikationsspiels.

Das Geschehen
17. November 1993, Prinzenpark-Stadion, Paris
Frankreich - Bulgarien 1:2

Tore: Cantona (32.) für Frankreich; Kostadinov (37. und 90.) für Bulgarien

Frankreich: Lama, Desailly, Roche, Blanc, Petit, Le Guen, Deschamps, Sauzée (Guérin, 81.), Pedros, Papin (Ginola, 69.), Cantona. Trainer: Houllier

Bulgarien: Mikhailov, Kremenliev, Ivanov, Khubtchev, Tzvetanov (Aleksandrov, 82.), Yankov, Letchkov (Borimirov, 82.), Balakov, Kostadinov, L. Penev, Stoitchkov. Trainer: D. Penev

Die Ausgangslage
Zwei Monate vor jener Begegnung schien die Qualifikation der Bleus für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft USA 1994 schon so gut wie sicher. Schließlich führte Frankreich in Gruppe 6 mit 13 Punkten die Tabelle an und hatte zudem den Vorteil, die beiden restlichen WM-Qualifikationsspiele vor heimischem Publikum auszutragen. Um die Endrundenteilnahme perfekt zu machen, fehlte den Franzosen nur noch ein einziger Punkt.

Die Bulgaren hingegen rangierten zu diesem Zeitpunkt mit drei Punkten Rückstand auf die führenden Bleus sowie mit zwei Zählern hinter den zweitplatzierten Schweden nur auf Platz drei der Tabelle. Folglich konnten sich die Südosteuropäer keinen weiteren Punktverlust mehr leisten, wenn sie sich die Chance auf die WM-Qualifikation erhalten wollten. Dass sie fest dazu entschlossen waren, stellten die Schützlinge von Nationaltrainer Dimitar Penev dann am 13. Oktober 1993 unter Beweis, als sie Österreich mit 4:1 nach Hause schickten.

Zur gleichen Zeit ging das vorletzte Heimspiel der Franzosen gegen Israel über die Bühne. Bis in die Schlussphase sah es dabei ganz danach aus, als ob die gastgebende Mannschaft ihren Erfolg aus dem Hinspiel (4:0) zumindest bestätigen könnte. Doch nachdem die Franzosen bis zehn Minuten vor dem Abpfiff der Partie noch mit 2:1 geführt hatten, wurden sie plötzlich eiskalt erwischt und kassierten durch Eyal Berkovic (83.) und Reuven Atar (90. +3) noch zwei Gegentreffer, so dass es am Ende 3:2 für Israel stand. Damit bekam die Begegnung am 17. November den Charakter eines echten Endspiels in der WM-Qualifikation...

Die Handlung
Bei nahezu idealen äußeren Bedingungen waren an jenem Abend zahlreiche Fans samt ihrer Familien in den Pariser Prinzenpark geströmt, um ihrer Mannschaft die erforderliche Unterstützung zu geben. Trotz der enttäuschenden 2:3-Heimniederlage gegen Israel zweifelte niemand auch nur im Geringsten an der WM-Qualifikation der Franzosen. Passend zum Reiseziel ließ die Tonregie den Titel 'L'Amérique' von Joe Dassin, der damals in den Charts ganz oben stand, durch das Stadionrund schallen. Aber auch ohne diesen Hit waren die Zuschauer generell voller Zuversicht.

Was die Bulgaren anbelangt, so waren diese zu einer Art "Kommandounternehmen" nach Paris gereist. Sie fühlten sich durchaus in der Lage, dort für einen Paukenschlag zu sorgen. An Talent mangelte es dem bulgarischen Team jedenfalls nicht. Dennoch gingen die Franzosen als Favorit in die Partie und bestimmten in der Anfangsphase auch das Spielgeschehen. Dessen ungeachtet hatte man als Beobachter von Beginn an das Gefühl, dass die Mannschaft von Trainer Houllier trotz der optischen Dominanz eine gewisse Unsicherheit zeigte. Es lag auf der Hand, dass in dieser Situation nur ein Treffer der Bleus Abhilfe schaffen könnte.

In der 32. Spielminute war es dann soweit. Didier Deschamps kam auf der rechten Mittelfeldseite in Ballbesitz und schlug einen präzisen Pass auf Jean-Pierre Papin, der sich im gegnerischen Torraum postiert hatte. Anstatt es selbst zu versuchen, legte Papin per Kopf für den im vollen Lauf nachgerückten Eric Cantona auf. Die Bulgaren waren durch die mustergültig ausgeführte Dreierkombination sichtlich überrascht, und auch Borislav Mikhailov im bulgarischen Tor hatte gegen den platzierten Volleyschuss von King Cantona (1:0) keinerlei Abwehrchance.

Seltsamerweise entwickelten die Franzosen aber auch in der Folgezeit eine beunruhigende Hektik auf dem Spielfeld. Nach einem Eckball von Krasimir Balakov sprang Emil Kostadinov höher als alle anderen und beförderte das Leder per Kopf und ebenfalls unhaltbar in den Kasten von Bernard Lama (1:1, 37.). Seit dem Führungstor von Cantona waren also gerade einmal fünf Minuten vergangen, und schon fand sich Frankreich in einer beängstigenden Lage wieder.

Dieses beklemmende Gefühl wurden die Bleus dann auch bis zum Schlusspfiff nicht mehr los. Im Gegenteil: Die Situation wurde zusehends prekärer. Man spürte förmlich, wie die Franzosen immer mehr verkrampften. Bezeichnend dafür war die 69. Minute, als sich Papin wegen starker Muskelkrämpfe, die in einer solchen Phase des Spiels eher selten auftreten, durch David Ginola ersetzen ließ. Trotz allem war Frankreich zu diesem Zeitpunkt immer noch für die WM-Endrunde qualifiziert. Ganze 20 Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit bekam Ginola unweit der rechten Eckfahne der Bulgaren einen Freistoß zugesprochen.

Nachdem ihm Vincent Guérin das Leder zugeschoben hatte, warteten alle darauf, dass beide nur den Ball sichern und auf Zeit spielen würden. Stattdessen versuchte es der Flügelspieler von Paris St. Germain mit einer Flanke in Richtung gegnerisches Tor, wo allerdings kein französischer Spieler stand. Während die Bulgaren sofort zum Konterangriff übergingen, fiel die Abwehr der Franzosen in eine Art Schockzustand. Lyuboslav Penev spielte den Ball mit einem geschickten Heber auf den in Torraumnähe lauernden Kostadinov. Die Ballannahme schien schwierig, da die Kugel noch aufsprang. Trotzdem gelang es dem Bulgaren noch, das Leder halb volley zu nehmen und im Netz zu versenken. In diesem Augenblick waren in der zweiten Halbzeit exakt 44 Minuten und 58 Sekunden gespielt...

Der Star
Kostadinov wurde später in seiner Heimat zu einem der Idole des bulgarischen Fussballs, wobei er diesen Ruhm im Wesentlichen seiner Leistung in jenem WM-Qualifikationsspiel verdankte. Mit seinen beiden Toren, die seiner Mannschaft den fast für unmöglich gehaltenen Sieg bescherten, hatte der Stürmer zweifellos den größten Anteil an diesem sensationellen Erfolg. Der auf dem rechten Flügel im Zusammenspiel mit Lyuboslav Penev operierende Angreifer hatte ebenso wie Stoitchkov, der das von Trainer Dimitar Penev praktizierte 3-4-3-System auf der linken Seite umsetzte, die französische Abwehr über die gesamten 90 Minuten hinweg in Bedrängnis gebracht. Die Franzosen machten ihrerseits zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, die Partie zu ihren Gunsten entscheiden zu können. Für Kostadinov jedoch war dieses Spiel mit Sicherheit eines der besten in seiner gesamten Karriere.

Die Reaktionen
"Unser Traum von der WM-Qualifikation hat ein abruptes Ende genommen. Dabei waren wir nur knapp 30 Sekunden vom Ziel entfernt... Für uns ist das eine riesige Enttäuschung, die uns zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt trifft. Als Ginola in der Nähe der gegnerischen Eckfahne einen Freistoß bekam, hatte der Schiedsrichter den Abpfiff der Partie faktisch schon auf den Lippen. Doch statt den Ball zu halten, schlug Ginola eine sinnlose Flanke... Damit hat er den alles entscheidenden Konter der Bulgaren erst ermöglicht." Gérard Houllier (Nationaltrainer, Frankreich)

"Wir sind richtige Esel..." Didier Deschamps (Mittelfeldspieler, Frankreich)

"Noch vor einem Monat glaubten alle, dass wir uns nicht für die WM-Endrunde in den USA qualifizieren würden...Die Franzosen waren derart verunsichert, dass sie von Beginn an verkrampft wirkten. Uns war klar, dass sie sich so verhalten würden. Deshalb haben wir uns taktisch darauf eingestellt. Frankreich war nur auf das Remis bedacht und hat nie den Sieg im Auge gehabt. Daher haben es die Franzosen auch nicht verdient, zur WM zu fahren. Wir dagegen haben im absolut richtigen Moment zugeschlagen." Hristo Stoitchkov (Stürmer, Bulgarien)

Was geschah danach
Nachdem die WM-Qualifikation geschafft war, erlebte die bulgarische Nationalmannschaft bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft USA 1994 die erfolgreichste WM-Endrunde ihrer Geschichte überhaupt. Völlig unerwartet überraschten Stoitchkov und Co. zunächst in der Vorrunde, als sie sich in ihrer Gruppe mit 2:0 gegen Argentinien durchsetzten und sich schließlich - wiederum im letzten Gruppenspiel - den Einzug ins Achtelfinale sicherten. Etwas abgekämpft, dafür aber mit dem Glück des Tüchtigen, schalteten die Bulgaren dort Mexiko (1:1, 3:1 n. E.) aus, bevor sie dann im Viertelfinale erneut auftrumpften und mit 2:1 über die deutsche Mannschaft die Oberhand behielten. Erst im Halbfinale wurde der bulgarische Triumphzug gestoppt, als man gegen Italien mit 1:2 den Kürzeren zog. Am Ende belegte Bulgarien Platz vier des WM-Turniers, nachdem man im Spiel um Platz drei gegen Schweden deutlich mit 0:4 unterlag. Eine derart erfolgreiche Spielergeneration hat Bulgarien seither nicht wieder hervorgebracht.

Auf Seiten der Franzosen wurde Houllier unmittelbar nach der verpassten WM-Qualifikation von Aimé Jacquet, seinem bisherigen Assistenztrainer, abgelöst. Danach begann das bislang schönste Kapitel in der Geschichte des französischen Fussballs. Nachdem sie bei der UEFA EURO 1996 nur knapp im Halbfinale gescheitert waren (im Elfmeterschießen gegen die Tschechische Republik), wurden die Bleus bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1998 im eigenen Land erstmals Weltmeister und holten bei der UEFA EURO 2000 auch die kontinentale Krone. Und dennoch: Die Schmach von damals, als man die bereits sicher geglaubte WM-Qualifikation noch in letzter Sekunde aus der Hand gab, ist den französischen Fans bis heute in denkbar schlechter Erinnerung geblieben.