Er gilt als absoluter Kenner des südafrikanischen Fussballs: Ernst Middendorp hat fast zwei Jahre als Trainer des elfmaligen nationalen Champions Kaizer Chiefs in Johannesburg gearbeitet, ehe er im vergangenen März zum insgesamt dritten Mal in seiner Karriere bei Bundesligist Arminia Bielefeld in seiner deutschen Heimat anheuerte, um den Verein vor dem Abstieg zu retten.

Der von seinem aktuellen Arbeitgeber zum "Trainer des Jahrhunderts" gekürte 48-Jährige schwärmt nach wie vor von seinen Erfahrungen in Südafrika und erinnert sich zudem auch gerne an seine Engagements in Ghana, wo er zwischen 1999 und 2004 mit einer kurzen Unterbrechung als Coach von Kumasi Asante Kotoko und von Accra Hearts of Oak Sporting Club tätig war.

Dass Middendorp auch in Bielefeld weiterhin von der Qualität des südafrikanischen Fussballs überzeugt ist, beweist die Tatsache, dass er in seinem Kader für die kommende Saison mit Torhüter Rowen Fernandez und Stürmer Sibusiso Zuma auf zwei Akteure aus dem Gastgeberland der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™ setzt. FIFA.com nutzte die Gelegenheit, um mit Middendorp ein Exklusiv-Interview mit Blick auf die Bedeutung der ersten Weltpokal-Endrunde auf dem afrikanischen Kontinent zu führen.

Herr Middendorp, Ihr Leben in Südafrika liegt nun schon eine Weile zurück. Der Bundesliga-Alltag mit Arminia Bielefeld hat Sie längst wieder eingeholt. Wo liegt der größte Unterschied zwischen Ihrer damaligen Arbeit in Johannesburg und Ihrem aktuellen Job in Ostwestfalen?
Grundsätzlich unterscheidet sich die Arbeit vor allem darin, dass der Fussball und somit auch die Vereine in Deutschland eher profit-orientiert denken, während es sich in Südafrika auf und neben dem Platz mehr um Entertainment dreht. Dort steht der Beifall des Publikums im Vordergrund, es geht häufig zuerst um den Applaus. Während eines Spiels spiegelt sich das auch darin wider, dass nicht immer der direkte Weg zum Tor gesucht wird.

Das klingt so, als würde dadurch die Arbeit eines Trainers nicht unbedingt leichter fallen...
Es sind einfach verschiedene Mentalitäten. Die Frage ist allerdings, wo man eigentlich hin will. Und dabei blicke ich auch auf die Perspektiven in der CAF Champions League [Anm. der Red.: Seit 1964 triumphierte erst ein Mal ein südafrikanischer Klub, Orlando Pirates 1995] und in der Nationalmannschaft. Ich bin mir sicher, dass unter Nationaltrainer Carlos Alberto Parreira ein Riesenschritt nach vorne gemacht wird.

Während Ihres Engagement bei den Kaizer Chiefs hatten Sie das Tsiki Tsiki, wie die Südafrikaner das zur Schau gestellte Dribbling nennen, kritisiert. Ist es das, was Ihrer Meinung nach geändert werden muss?
Ja, genau. Das geht in diese Richtung. Auf dem Feld muss effizienter gespielt werden, mehr am Ergebnis orientiert. Die Mamelodi Sundowns sind diesbezüglich in Südafrika im Moment führend. Man ist völlig zu Recht Meister geworden, und man kann wirklich sagen, die haben es verstanden.

Wie war Ihr Leben in Südafrika? Hat es Ihnen gefallen?
Und wie! Eines ist klar: Südafrika ist ein fantastisches, wunderbares Land, dass mir auch persönlich sehr ans Herz gewachsen ist. Ich habe mich während meiner Zeit dort sehr wohl gefühlt und habe sogar in Johannesburg immer noch eine Wohnung. Wer weiß, vielleicht kehre ich ja in der Zukunft wieder dorthin zurück. Das kann ich nicht ausschließen.

Was genau hat dazu geführt, das Sie von Südafrika so begeistert sind?
Man muss sich doch bloß mal diese unglaublichen Dimensionen dort ansehen. Ich setzte mich ins Flugzeug und war innerhalb von zwei Stunden in Kapstadt, einem wundervollen Ort am Meer. Von Deutschland aus braucht man zwar auch nur zwei Stunden, um zum Beispiel auf die spanische Insel Mallorca zu fliegen, aber in Südafrika hat man alles unter einem Hut, es ist alles in einem Land. In Südafrika habe ich definitiv eine hohe Qualität an Leben kennen und schätzen gelernt.

Haben Sie sich gefreut, als die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ 2010 nach Südafrika vergeben wurde?
Ich habe ein riesiges Glücksgefühl verspürt und mich unglaublich gefreut. Vier Jahre zuvor war ich gerade in Ghana und hatte mitbekommen, wie groß die Enttäuschung war, als die WM 2006 nicht nach Südafrika vergeben wurde. Und diese Enttäuschung war nicht nur in Südafrika zu spüren, sondern auf dem gesamten Kontinent. Deshalb weiß ich genau, wie viel es für Afrika bedeutet, nun erstmals das Turnier selbst ausrichten zu dürfen.

Was denken Sie persönlich, welche Auswirkung diese Entscheidung haben wird?
Es ist genau der richtige Zeitpunkt für die erste WM in Afrika. Man hat damit exakt das richtige Zeichen gesetzt. Und ich bin absolut sicher, dass damit eine tolle Entwicklung in Gang gesetzt wurde, sowohl sportlich als auch wirtschaftlich.

Im Bezug auf die fussballerische Qualität wird die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™ sicherlich auch auf dem gesamten Kontinent einen weiteren Sprung nach vorne auslösen, oder?
Ja, auch in dieser Hinsicht wird es eine Entwicklung geben. Man wird erkennen, dass man auch mit Effizienz spielen muss. Und es wird sich ein weiterer Fortschritt in der Professionalisierung einstellen. Im vergangenen Jahr haben bereits europäische Topklubs wie Manchester United in Südafrika gespielt. Das ist ein klarer Hinweis dafür, dass es mit dem Fussball in Südafrika immer weiter bergauf geht.