Auch wenn es, fussballerisch gesehen, nicht zu den besten Spielen aller Zeiten zählt, so wird das Endspiel der FIFA WM Argentinien 1978™ unvergesslich bleiben - wegen der Leidenschaft und des Einsatzes, mit dem beide Mannschaften kämpften, aber vor allem wegen der unvergleichlichen Atmosphäre, die an diesem Tag im Estadio Monumental von Buenos Aires herrschte.

Die gastgebende Mannschaft Argentiniens, die mit aller Macht den ersten Weltmeistertitel für das Land holen wollte, trat gegen ein ungemein erfahrenes niederländisches Team an, das zum zweiten Mal in Folge im Endspiel eines FIFA-Weltpokals stand. Zumindest auf dem Papier mussten die Niederländer als Favoriten gelten - aber das hätte bedeutet, den Einfluss des fanatischen argentinischen Publikums außer acht zu lassen. Vom Beginn an wurde deutlich, dass es für den Ausgang des Spiels von größter Bedeutung sein würde:

Als beide Teams aus dem Spielertunnel auftauchten, setzte ein nicht enden wollender Regen aus Konfetti und Papierstreifen ein, geschleudert von mehr als 70.000 Fans auf den Tribünen. Die Zuschauer hörten nicht auf, bis das ganze Spielfeld bedeckt war - völlig außer Rand und Band schrieen sie ihr Team zum Sieg und gaben sich erst zufrieden, als Kapitän Daniel Alberto Passarella die legendäre FIFA-Weltcup-Trophäe in den Himmel reckte.

Nicht schön, aber erfolgreich
Die ersten Minuten des Spieles waren nicht besonders hübsch anzusehen, aber der Einsatz der Heimmannschaft war Wasser auf die Mühlen der Fans, die heilig davon überzeugt waren, dass Cesar Luis Menottis Team den Titel holen würde.

Dennoch war es die Gastmannschaft, die nach einer Standardsituation die erste klare Chance hatte. Eine Hereingabe von der linken Seite landete punktgenau auf dem Kopf von Johnny Rep, dessen Kopfball quälend nahe am argentinischen Tor vorbei strich. Torhüter Ubaldo Fillol blieb keine Zeit zur Reaktion - wie angewurzelt stand er auf der Linie und sah dem Ball nach, während der weitaus größte Teil des Publikums einen kollektiven Seufzer der Erleichterung ausstieß.

Einen Augenblick lang schien die Heimmannschaft aus dem Konzept gebracht, aber schon kurz darauf überwand sie ihren Schock und stürmte umso energischer in Richtung des gegnerischen Tors, angetrieben von einer fanatischen Menge, die jeden erfolgreichen Pass bejubelte. Passarella war der erste, der mit einem Schuss den niederländischen Torwart prüfte, aber sein Freistoß stellte Jan Jongbloed vor keinerlei Probleme. Eine Minute später vergab Leopoldo Jacinto Luque frei vor dem Tor eine glasklare Einschussmöglichkeit.

Der argentinische Torhüter hatte bis zu diesem Zeitpunkt ein gutes Turnier gespielt, aber seine Leistung im Finale bewies, dass er wirklich im Zenith seines Könnens stand. In der 25. Minute brachte er bei einem knallharten Volleyschuss von Rep noch irgendwie seine Fingerspitzen hinter den Ball und drehte die Kugel noch um den Pfosten. Er war ganz offensichtlich in Glanzform, und seine Parade wirkte wie ein Signal an die niederländischen Stürmer - sie würden sich etwas Besonderes einfallen lassen müssen, wenn sie ihn an diesem großen Tag bezwingen wollten.

Das Monumental explodiert
Leidenschaft und Einsatz auf beiden Seiten sorgten für ein äußerst ausgeglichenes Spiel, doch gerade als es so schien, als ob die erste Hälfte torlos enden würde, schlug Argentinien zu. Osvaldo Ardiles' Pass auf Leopoldo Luque wurde von diesem zu Mario Kempes weiter geleitet, und Kempes schlängelte sich irgendwie durch die niederländische Verteidigung und schlenzte den Ball an Schlussmann Jongbloed vorbei ins Netz (1:0, 37. Minute). Es war kein schön herausgespieltes Tor, aber jeder Treffer zählt, und als die Halbzeit kam, war Argentinien der ersehnten FIFA-Weltpokal-Trophäe ein gutes Stück näher gerückt.

Die zweite Hälfte war ein Spiegelbild der ersten Halbzeit. Das eigentliche Spiel beschränkte sich auf das Mittelfeld, und die wenigen Chancen auf beiden Seiten ergaben sich entweder aus den seltenen Fehlern der Verteidigungsreihen oder gelegentlich aufflackernden Einzelaktionen.

Der Joker kommt
Als offensichtlich wurde, dass den Niederländern die Ideen fehlten, um die gute argentinische Verteidigung auszuhebeln, wurde es Zeit für Ernst Happel, sich auf der Bank nach Alternativen umzusehen - und er wurde fündig. In der 59. Minute schickte er Dick Nanninga auf den Platz in der Hoffnung, dass er das Spiel noch drehen könnte. Sein Joker sollte ihn nicht enttäuschen.

Doch auch lange nach Happels Wechsel gelang es den Niederländern nicht, den Widerstand von Passarella, Tarantini und scheinbar des gesamten argentinischen Volks zu brechen - aller Anstrengungen von Willy und Rene Van de Kerkhof, Rensenbrink und den anderen niederländischen Spielern zum Trotz. Die Sekunden verrannen, und Menotti schien mit dem Ergebnis zufrieden zu sein: Er gab seinen Spielern Anweisungen, sich zurückzuziehen und auf Konterchancen zu lauern. Tormöglichkeiten blieben Mangelware, und die Einwechslungen von Rene Houseman und Omar Larrosa waren auch nicht gerade dazu geeignet, etwas daran zu ändern. Luque rutschte an einer Flanke vorbei, und auf der anderen Seite hatte Fillol mit ein paar gefährlichen Hereingaben zu kämpfen, aber keine Mannschaft erspielte sich wirklich zwingende Torchancen.

Nanninga bringt das Estadio Monumental zum Schweigen
Je näher das Spielende rückte, desto lautstarker wurden die argentinischen Fans - überzeugt davon, dass der ersehnte Pokal endlich ihnen gehören würde. Doch die große Erfahrung der Niederländer und ihre Beharrlichkeit zahlten sich letztlich aus. Nach einer Flanke von rechts überwand ein völlig frei stehender Nanninga Fillol mit einem Kopfball und glich nur acht Minuten vor dem regulären Spielschluss aus (1:1, 82. Minute).

Sprachlos und geschockt mussten die argentinischen Zuschauer mit ansehen, wie ihre Idole in den letzten Minuten eines unglaublich spannenden Endspiels mehr und mehr ihre Linie verloren. Eine Nachlässigkeit in der Verteidigung schenkte den Niederländern die großartige Möglichkeit, das Spiel für sich zu entscheiden, aber das Glück war auf Seiten der Heimmannschaft - zur größten Erleichterung des bereits geschlagenen Fillol klatschte Rensenbrinks Schuss gegen den Pfosten. Der ganzen Nation stockte der Atem.

Verlängerung verleiht Argentinien Flügel
Da dieses Finale lange vor der Einführung des "Golden Goal" gespielt wurde, richteten sich die Teams nach dem Ende der regulären Spielzeit auf weitere dreißig Minuten Kampf und Dramatik ein. Die argentinischen Spieler schienen die aufrüttelnden Worte ihres Trainers Menotti sofort in die Tat umsetzen zu wollen und kamen mit Volldampf aus der Kabine. Die Niederländer dagegen wirkten nervös, als ob sie der Gedanke an ein erneutes Scheitern in einem FIFA-Weltpokal-Finale nicht mehr losließ. Aus welchem Grund auch immer - sie überließen der Heimmannschaft die Initiative und mussten ihr Zögern teuer bezahlen. Kempes, der in der zweiten Halbzeit kaum einen Ball bekommen hatte, erwies sich erneut als Mann für die entscheidenden Momente. Er erlief im Sechzehnmeterraum einen abgeprallten Ball, stolperte an zwei Verteidigern vorbei, umspielte Torhüter Jongbloed und schob den Ball zum 2:1 für sein Team über die Linie (105. Minute). Das Bild seiner langen, im Wind flatternden Haare und seiner in den Himmel gestreckten Arme wurde zum Symbol dieses historischen argentinischen Erfolgs. Doch dieses Spiel war noch nicht beendet.

Das Tor erwies sich als Gnadenstoß für die Niederländer, die danach vergebens das argentinische Tor berannten im vergeblichen Versuch, den Ausgleich zu erzielen, und dabei mehr und mehr ihre Verteidigung entblößten. Kurz vor Ende der Verlängerung sorgten ein weiterer günstiger Abpraller und ein blitzsauberer Doppelpass dafür, dass Jongbloed erneut chancenlos blieb: Der völlig ungedeckte Bertoni schob den Ball aus kürzester Entfernung ein und löste beim Publikum bisher ungekannte Begeisterungsstürme aus (3:1, 116. Minute). Es war und blieb der Tag der Argentinier - wenn auch in letzter Minute und mit viel Glück. Sie gewannen ihren ersten FIFA-Weltpokal gegen eine niederländische Mannschaft, der es gelungen war, auch ohne ihren großen Star Johan Cruyff wieder in ein Finale zu kommen - nur um dort erneut zu scheitern. Der Anblick Passarellas, der den Pokal mit ausgestreckten Armen über den Kopf reckte, war jedoch ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die Ära einer neuen Weltmacht im Fussball begonnen hatte.