Die auf der ganzen Welt für ihre fussballerischen Fähigkeiten gerühmte brasilianische Nationalmannschaft reiste nur mit einem einzigen Ziel zum FIFA-Weltpokal USA 1994 ™: die Seleção wollte den Pokal erringen. Der dreimalige Titelträger wartete zu diesem Zeitpunkt seit 24 langen Jahren auf einen weiteren Erfolg auf Weltebene, wobei Trainer Carlos Alberto Parreira die Mannschaft mit viel Arbeit so eingestellt hatte, dass bei aller traditionellen Spielfreude und Ballverliebtheit doch noch eine gehörige Portion taktische Disziplin und Entschlossenheit hinzu kam. Diese Mischung, so hoffte man am Zuckerhut, sollte den Erfolg bringen.

Die Hoffnungen ruhten dabei auf dem Sturm-Tandem Romario und Bebeto; der eigentliche Anführer im Team aber war Mittelfeldabräumer Dunga. Romario und Bebeto hatten einst bei Vasco da Gama zusammen gespielt, waren nun aber in Spanien bei Barcelona und Deportivo La Coruña in Lohn und Brot. In der Nationalmannschaft bildeten die Rivalen aus der Primera Division jedoch ein treffsicheres Paar, das bis zum Spiel gegen die Niederlande bereits für fünf der sieben brasilianischen Tore verantwortlich zeichnete - darunter auch Bebetos Siegtreffer gegen die Gastgeber im Achtelfinale.

Es war das erste Aufeinandertreffen zwischen Brasilien und den Niederlanden seit 1974. Damals hatten Cruyff und Co. in der Zwischenrunde gewonnen und waren bekanntlich ins Endspiel eingezogen. Von diesen glorreichen Zeiten war die "Oranje" von 1994 durchaus ein gutes Stück entfernt. In der Gruppenphase nur Platz 2 hinter Saudiarabien belegt, Marco van Basten verletzt und Ruud Gullit nach einem Streit mit Trainer Dick Advocaat abgereist - all das waren letztlich Indizien dafür, dass der Mannschaft der Zusammenhalt früherer Tage fehlte.

Der Sturm der Niederländer mit Dennis Bergkamp und Marc Overmars konnte sich nach wie vor sehen lassen. Die Frage war vielmehr, wie sich die in die Jahre gekommenen Defensiv-Haudegen wie Ronald Koeman und Jan Wouters gegen die leichtfüßigen wie gedankenschnellen brasilianischen Angreifer aus der Affäre ziehen würden. Zumindest in der ersten Hälfte lautete die Antwort darauf: Gut. Koeman und Wouters hatten ihre Gegenspieler weitgehend im Griff und wenig deutete auf das Feuerwerk hin, das im zweiten Durchgang folgen sollte.

Vor dem Seitenwechsel wurden den Zuschauern in Dallas nur wenige Torchancen geboten. Nach einem Foul von Aldair an Peter van Vossen köpfte Bergkamp den Ball freistehend über das Gehäuse von Taffarel. Mauro Silva verfehlte auf der anderen Seite das Tor nur knapp. Doch obwohl sich beide Mannschaften größtenteils neutralisierten, lauerte Romario immer auf seine Chance. Kurz vor der Halbzeit war es dann so weit: Romario und Bebeto kombinierten sich brillant durch die niederländische Hintermannschaft, verpassten es jedoch, diese feine Aktion mit einem Torerfolg zu krönen.

Doch die Erleichterung bei den Niederländer währte nur kurz. Die in blauen Trikots spielenden Brasilianer kamen wie aufgedreht aus der Kabine und benötigten nur acht Minuten zur Führung. Die Niederländer hatten den Ball nach einem schlampigen Pass von Frank Rijkaard in der Vorwärtsbewegung verloren. Bebeto nahm den langen Ball an der linken Außenlinie auf und spielte ihn sofort weiter in die Mitte auf Romario, der das Leder noch einmal vor sich aufspringen ließ, ehe er an Ed de Goey vorbei lässig verwandelte. Und die Seleção legte nach: Bebeto setzte sich durch und den Ball anschließend an den Außenpfosten, dann vereitelte de Goey eine Chance von Romario.

Das zweite Tor fiel in der 64. Minute. Der Torschütze hieß Bebeto. Den zurücklaufenden Romario im Abseits wähnend, verschlief die niederländische Hintermannschaft einen Ball, der nach de Goeys langem Abschlag in ihre Hälfte zurück befördert wurde. Bebeto nutzte die sich ihm so unverhofft bietende Gelegenheit. Erst ließ er Wouters ins Leere grätschen, dann umrundete er den Torwart, um den Ball im leeren Tor unterzubringen. Der anschließende Torjubel an der Eckfahne mit Romario und Mazinho zu Ehren seines neugeborenen Kindes in Brasilien hat inzwischen tausendfach Nachahmung gefunden.

Für die Niederländer schien alles verloren, und doch reichten ihnen 60 Sekunden, um wieder im Spiel zu sein. Nach einem langen Einwurf schlich sich Bergkamp in den Strafraum, tankte sich mit dem Ball am Fuß zwischen drei Verteidigern hindurch und schlenzte das Leder schließlich sogar noch an Taffarel vorbei ins Tor. Es war der sprichwörtliche Treffer aus dem Nichts, und er küsste die Niederländer wieder wach. In der 75. Minute forderte Bergkamp lautstark Elfmeter, nachdem der Ball an die Hand von Marcio Santos gesprungen war. Nur Sekunden später feierten die Niederländer jedoch erneut: Overmars brachte eine scharf getretene Ecke herein und Aron Winter war vor Taffarel am Ball und köpfte ein.

Die Brasilianer ließen sich aber auch davon nicht aus dem Konzept bringen. Neun Minuten vor dem Ende gelang ihnen prompt der Siegtreffer durch einen Mann, den wohl keiner auf der Rechnung hatte. Außenverteidiger Branco, der nur in die Mannschaft gespült worden war, weil Leonardo nach einem Ellenbogenschlag gegen den Amerikaner Tab Ramos im vorangegangenen Spiel gesperrt war, zeigte, warum er nach Mexiko '86 und Italien '90 zum dritten Mal im WM-Kader stand. Nachdem Brasilien einen Freistoß aus 25 Metern zugesprochen bekommen hatte, schaffte der 30-Jährige eines der schönsten Tore des Turniers. Er nahm einen großen Anlauf und zirkelte den Ball dann ebenso hart wie präzise an der Mauer vorbei ins lange Eck. Brasilien stand zum ersten Mal seit 1970 wieder in einem Halbfinale.

Acht Tage später und 1500 Meilen entfernt in Pasadena sollte es wieder Brancos starker linker Fuß sein, der Brasilien gute Dienste leistete. Denn er verwandelte seinen Schuss im Elfmeterschießen gegen Italien sicher und die Südamerikaner konnten den ersehnten vierten Titel bejubeln. Dass Romario und Co. in den torlosen 120 Minuten zuvor nicht unbedingt viel von ihrem Können gezeigt hatten, störte danach bei den Brasilianern niemanden mehr. Für Parreira und seine Mannschaft hieß es: Mission erfüllt!