FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™

14 Juni - 15 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2018™

Wales-Coach Coleman: "Eine neue Dimension erreicht"

© Getty Images

Chris Coleman musste seit seinem ersten Tag als walisischer Nationaltrainer zahlreiche Klippen umschiffen, ist jetzt jedoch auf Kurs und reitet im Augenblick auf einer Welle des Erfolgs. Die Waliser stehen seit langer Zeit zum ersten Mal wieder an der Schwelle zu einem großen Turnier, genauer gesagt seit sich John Charles und Co. für die FIFA WM 1958 in Schweden qualifizieren konnten.

Im Augenblick sieht die Lage für den ehemaligen Trainer des FC Fulham wirklich rosig aus. Wales fehlt nur noch ein Pünktchen zur Qualifikation für die UEFA EURO 2016 und das Land belegt in der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste den neunten Platz. Das ist die beste Platzierung aller Zeiten und sicher nicht schlecht für ein Team, das vor genau vier Jahren noch auf Platz 117 rangierte.

Kroatien, Paraguay und Serbien (damals noch als Jugoslawien) sind die einzigen anderen Teams, die den Sprung von außerhalb der Top 100 unter die ersten Zehn geschafft haben, wobei dies nur den Serben noch schneller gelang als Wales. Coleman spricht im Exklusiv-Interview mit FIFA.com über die wachsende Identität seines Teams und den Sturmlauf in der Weltrangliste.

Chris, die Stimmung im Lager dürfte angesichts der Fortschritte, die das Team gemacht hat, fantastisch sein...Ja, allerdings! Mit drei Punkten gegen Israel hätten wir uns den Startplatz für Frankreich 2016 gesichert, aber wir haben immerhin den einen Punkt geholt, und wenn uns vor dem letzten Trainingslager jemand vier Punkte aus den zwei Partien angeboten hätte, hätten wir sie genommen. Damit sind wir unserem Ziel vier Punkte näher gekommen. Wir haben noch zwei Spiele und brauchen noch einen Zähler. Wir liegen also gut im Rennen.

Wie würden Sie die Qualifikation für die EURO 2016 bislang bewerten?Wir haben uns im Turnierverlauf immer weiter gesteigert. Unser erstes Ziel war eine bestimmte Anzahl von Punkten nach fünf Spielen, damit wir eine Chance hatten, unter die ersten Drei zu kommen. Aus den ersten Drei wurden die ersten Zwei und dann wurde daraus der erste Tabellenplatz. Dort haben wir uns nun fast die Hälfte des Turniers gehalten.

Es heißt immer, der letzte Schritt sei der schwerste. Wie schwer wird es sein, so kurz vor dem Ziel konzentriert zu bleiben?Wir haben versucht, für diese Mannschaft Anforderungen festzulegen und ihr eine Identität zu geben. Das ist uns bzw. den Spielern mittlerweile gelungen. Wir repräsentieren Wales und das bedeutet uns alles. Unabhängig davon, gegen wen oder um was wir spielen, wir gehen immer mit demselben Einsatz, mit derselben Einstellung und Entschlossenheit an die Sache heran. Und das bedeutet wiederum, dass die Spieler alles geben. Wie das Ergebnis aussehen wird, bleibt abzuwarten. Jetzt geht es nur darum, dass wir uns richtig vorbereiten und unsere Leistung bringen, sodass uns am Ende im Hinblick auf das Ergebnis niemand etwas vorwerfen kann.

Sie haben die Identität angesprochen, die das Team gefunden hat. Welche Fortschritte hat die Mannschaft in den 40 Monaten seit Ihrem Amtsantritt gemacht?Die Spieler haben sich rasant entwickelt. Einige von ihnen haben wirklich eine neue Dimension erreicht. Wir haben einen sehr breit aufgestellten Kader und wie bei jeder Mannschaft ist es oft entscheidend, wie stark die Reserve ist. Der Kader wächst, wird stärker und besser. Selbst Spieler wie Gareth Bale, Aaron Ramsey, Ashley Williams oder Joe Allen, deren Namen in aller Munde sind, haben sich spielerisch verbessert. Und bei ihnen ist das in vieler Hinsicht noch schwieriger, weil sie ohnehin schon auf einem sehr hohen Niveau spielen. Es ist schön, dass wir in der Tabelle so gut dastehen. Wir sind Spitzenreiter, doch unser Ziel haben wir noch nicht ganz erreicht.

Als Sie im Oktober 2012 in der Qualifikation für Brasilien 2014 gegen Schottland angetreten sind, waren Sie neun Monate im Amt, hatten noch keinen einzigen Sieg zu verzeichnen und gerade eine 1:6-Niederlage gegen Serbien hinter sich. Hätten Sie je gedacht, dass Sie drei Jahre später in der Lage sein würden, ein solches Loblied zu singen?Wir werden oftmals zu schnell beurteilt, insbesondere auf internationaler Ebene. Beim ersten Turnier muss man häufig erst einmal Fuß fassen. Wenn man dann ein oder zwei Mal Pech hat, kann es ganz schnell bergab gehen. Doch das liegt in der Natur der Sache und die Medien nehmen einen dann leider gleich aufs Korn. Die Erwartungen sind oft sehr unrealistisch. Ich selbst fand mich in einer paradoxen Situation wieder. Wir hatten uns seit 1958 nicht mehr für eine WM qualifiziert und waren zehn bis 15 Jahre lang noch nicht einmal in die Nähe einer Qualifikation gekommen. Außerdem habe ich das Amt nach dem Tod [des vorherigen Nationaltrainers] Gary Speed unter furchtbaren Umständen übernommen. Und doch stand ich unter dem Druck, dass wir uns unbedingt qualifizieren sollten. Dabei waren wir im sechsten Lostopf!

Lastet das Vermächtnis der erfolgreichen Qualifikation für 1958 seitdem auf den walisischen Teams?Ich denke, das beste walisische Team, das ich je gesehen habe, war das von Terry Yorath, mit Ian Rush, Ryan Giggs, Neville Southall, Mark Hughes, Dean Saunders, Gary Speed - diese Mannschaft war einfach mit sehr, sehr guten Spielern gespickt. Es war bestimmt nicht Terrys Schuld, aber die Qualifikation für die WM 1994 in den USA haben wir im letzten Spiel verpasst. Er hat mit dem Team eine hervorragende Position erreicht, und wir haben gegen die wohl beste rumänische Mannschaft aller Zeiten über zwei Spiele den Kürzeren gezogen. Das letzte Gruppenspiel in Cardiff haben wir mit 1:2 verloren. Ich glaube, das war unser bestes Team seit 1958. Doch jetzt hat die aktuelle Mannschaft das Potenzial, die damalige Leistung zu überbieten - und das Team ist genau auf Kurs. Man nennt sie schon seit einiger Zeit die "Goldene Generation". Wenn wir uns qualifizieren, dann haben sie diese Bezeichnung wirklich verdient.

Vor vier Jahren rangierte Wales in der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste nur auf Platz 117.Jetzt haben Sie die beste Platzierung aller Zeiten erreicht. Was sagt das über das Team aus?Nun, die Weltrangliste spiegelt die fussballerischen Ergebnisse eines bestimmten Zeitraums wider, zwölf bis 18 Monate, knapp zwei Jahre - und in dieser Zeit haben wir nur ein einziges Spiel verloren, nämlich auswärts in den Niederlanden. Wir haben zehn Pflichtspiele ohne Niederlage hinter uns. Das ist eine Riesenleistung. Wir haben uns den Platz in den Top 10 redlich verdient und stehen kurz davor, etwas wirklich Bemerkenswertes zu erreichen. Und das gilt nicht nur für die Spieler, sondern für alle Beteiligten. Unser Motto lautet 'Gemeinsam stärker'. Bei uns kämpft jeder für jeden.

Die hervorragende Platzierung in der Weltrangliste hätte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen können. Schließlich waren sie dadurch bei der Vorrundenauslosung für Russland 2018 in Lostopf 1, nachdem Sie 2014 noch zu den hintersten Teams gehört hatten. Was sagen Sie zu der Auslosung?Die Teams in unserer Gruppe haben sich wahrscheinlich von allen gesetzten Mannschaften am ehesten Wales gewünscht. Was uns angeht, befinden wir uns in unbekannten Gewässern. Bei der Auslosung haben wir es genossen, zu den als Gruppenköpfen gesetzten Teams zu gehören und für diesen Moment mal im Rampenlicht zu stehen. Was die Gruppe selbst angeht, haben wir das Gefühl, dass wir es schaffen könnten, aber es wird natürlich nicht leicht. Österreich hat eine fantastische Qualifikation für die EURO 2016 hingelegt und sich ohne eine einzige Niederlage qualifiziert. Serbien hat zwar nicht gut abgeschnitten, aber leicht ist es gegen die Serben nie. Die Partie gegen die Republik Irland wird wie ein Derby, ganz klar. Die Spieler beider Mannschaften kennen sich in- und auswendig. Aber wir sind überzeugt, wenn wir weiter so gut als Gruppe funktionieren, hart trainieren und weitere Fortschritte machen, dann können wir eine weitere erfolgreiche Qualifikation spielen.

Gareth Bale beherrscht immer wieder die Schlagzeilen, doch er scheint die Verantwortung, die seine Rolle mit sich bringt, sehr zu genießen...Er kennt seinen Wert genau und weiß, wie wichtig er ist - schließlich ist er ein Weltklassespieler. Und auch wir wissen, was er beiträgt, wenn er das walisische Nationaltrikot trägt. Man erkennt seine Leidenschaft und die große Freude, die er empfindet, wenn er für Wales antritt. Er genießt einfach jede Minute, weil er unglaublich gern für Wales spielt. Natürlich ist er ein großer Publikumsliebling in Wales und er weiß, dass er andere Akteure übertreffen und es zu einem großen Turnier schaffen kann. Das ist die richtige Bühne für so großartige Spieler.

Wenn die Qualifikation für Frankreich gelingt und die Spieler dort Turnierluft schnuppern, wird dies den Willen, sich auch für Russland 2018 zu qualifizieren, noch einmal stärken?Wir wissen, dass die WM-Qualifikation unmittelbar nach dem Saisonende beginnt, [er meint nach der EM 2016], aber wir wenden unseren Blick keinen Moment lang von dem Ziel ab, uns zu qualifizieren und dann bei einem großen Turnier weiterzukommen. Wir haben darüber gesprochen, uns erfolgreich zu qualifizieren und es dann gleich noch einmal zu schaffen, die benötigte Konstanz zu entwickeln. Doch der erste Schritt auf dem Weg dorthin ist eben die erste erfolgreiche Qualifikation. Wenn wir das geschafft haben, dann werden wir sofort analysieren, wie wir die Strukturen weiter verbessern können, um sicherzustellen, dass dies kein einmaliger Erfolg bleibt.

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