In jedem Beruf ist es für einen Sohn schwer, aus dem Schatten seines Vaters zu treten. Im Fussball ist das genauso. Bei Ecuadors Auswahlstürmer Cristian Benítez, genannt Chucho, war es jedoch ein wenig anders.
Ermen, sein Vater, war ein großer Torjäger in den 80er Jahren, der heute noch die Bestmarke in Ecuadors Fussball mit 191 Toren hält. LaPantera, wie man ihn nannte, erzielte 154 dieser Treffer im Trikot von El Nacional, einer Mannschaft, mit der er drei heimische Meisterschaften und drei Mal die Torjägerkrone holte. Darüber hinaus war er der erste Spieler seines Landes, der in Europa sein Glück versuchte, als er 1986 zu Jerez in Spanien wechselte.
Genau in diesem Jahr, am 1. Mai, wurde Cristian geboren, der es mittlerweile geschafft hat, seinen ganz eigenen Weg zu gehen. Mit gerade einmal 22 Jahren hat er bereits an einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft teilgenommen, hat drei Ligatitel auf dem Konto und ist ein wichtiger Spieler, der Nationalmannschaft seines Landes, die 2010 in Südafrika zum dritten Mal in Folge dabei sein will.
Einfluss des Vaters
Welchen Einfluss hatte Ermen auf seine Karriere? "Einen
großen, natürlich. In Ecuador war er ein Pionier des Fussballs. Ich
würde gerne all das erreichen, was er erreicht hat", erklärte
er in Mexiko gegenüber
FIFA.com nur wenige Stunden, nachdem er mit Santos
Laguna das
Clausura-Turnier 2008 gewonnen hatte. Er fügte hinzu:
"Er hat nie Druck auf mich ausgeübt, sondern nur versucht, mir
mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, hat mir Ruhe vermittelt und
mir beigebracht, geduldig zu sein. Wegen ihm bin ich
Fussballspieler geworden!"
Cristián wurde in Esmeraldas (Provinz Pichincha) geboren und durchlief seine fussballerische Ausbildung in den Nachwuchsmannschaften von El Nacional, einem Verein, dem er sich im Alter von neun Jahren angeschlossen hatte. 2003 stand er in der U-17-Auswahl seines Landes, die an der Südamerika-Meisterschaft in Bolivien teilnahm. 2004 feierte er seinen Einstand in der ersten Liga des Landes. 2005 nahm er an der U-20-Südamerika-Meisterschaft in Bolivien teil, und im August feierte er dann sein A-Nationalmannschaftsdebüt in einem Freundschaftsspiel gegen Venezuela. Im selben Jahr war er bereits Stammspieler seines Vereins und trug mit sechs Toren zum Sieg beim Clausura-Turnier bei.
Er besitzt genügend fussballerische Tugenden, die seine rasante Entwicklung erklären: er ist schnell und technisch sehr stark und verfügt über die Fähigkeit, seine Tore - für Mitspieler und Gegner überraschend - aus dem Nichts zu erzielen. Darüber hinaus besitzt er die notwendige Spielintelligenz, um immer am richtigen Ort zu stehen. So hat er es trotz einer Körpergröße von gerade einmal 1,68 Meter schon auf einige Kopfballtore gebracht. "Romario habe ich immer schon bewundert", erklärt er dann auch mit einer gewissen Logik.
Gestern noch eine Überraschung, heute etabliert
Seine Leistungsexplosion ereignete sich 2006. Nach starken
Auftritten in den Freundschaftsspielen gegen Japan und die
Niederlande vor der FIFA WM in Deutschland überraschte Trainer Luis
Fernando Suárez die Fachleute, als er ihn in den Kader für das
Turnier berief. Auch wenn er nur auf wenige Spielminuten gegen die
Gastgeber kam, war es für Benítez doch eine große Erfahrung.
"Es war unglaublich, allein wegen der Stimmung, der
Erwartungen, all der Menschen... es war eine unvergessliche
Erfahrung. Leider sind wir dann gegen England ausgeschieden. Wir
hätten mehr verdient gehabt, aber so ist der Fussball nun einmal.
Ich hoffe, dass wir zurückkommen können und dann nicht noch einmal
diese Fehler begehen." Mit knapp 10.000 Stimmen in der
Internet-Abstimmung kam Cristian immerhin noch auf den zwölften
Platz bei der Wahl zum besten Nachwuchsspieler der FIFA
Fussball-Weltmeisterschaft 2006.
Nach seiner Rückkehr aus Deutschland steuerte er 16 Tore zur Titelverteidigung von El Nacional bei und wurde anschließend als bester Spieler der heimischen Meisterschaft ausgezeichnet. Nach 29 Toren in 83 Spielen für Nacional wechselte er Mitte des Jahres 2007 zu Santos Laguna in Mexiko. Chucho hat dort mittlerweile seine Ablösesumme mehr als hereingespielt, denn er trug mit zehn Toren maßgeblich zum dritten Titelgewinn in der Geschichte des Vereins bei, eines davon im Final-Hinspiel gegen Cruz Azul.
Nationalmannschaftsträume
Benítez, der mittlerweile Stammspieler der Nationalelf ist,
analysiert den schlechten Start Ecuadors in die Qualifikation für
Südafrika 2010, wo man es gerade einmal auf drei Punkte aus vier
Partien gebracht hat: "Wir hatten natürlich mehr erwartet,
alle Niederlagen haben weh getan. Aber ich glaube, dass wir nach
der hohen Niederlage gegen Paraguay aufgewacht sind. Wir hatten
nicht mehr genügend darauf geachtet, dass die Null hinten stehen
muss und teuer dafür bezahlt. Besser jedoch, dass uns das jetzt
passiert ist als im weiteren Verlauf der Qualifikation."
Der Weggang von Trainer Suárez war ein harter Schlag für Chucho. "Er hat mir sehr geholfen. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir ihn noch als Trainer. Aber ein Trainerwechsel setzt auch immer neue Kräfte frei. Und so haben wir im nächsten Spiel, völlig unabhängig davon, wer unser Trainer war, reagiert und Peru hoch geschlagen", erklärt er.
Für Benítez muss man nun "von Spiel zu Spiel denken und intelligent sein, sich in jeder Partie auf den jeweiligen Gegner besonders einstellen". Das wird schwer werden, denn mit Argentinien und Kolumbien stehen zwei harte Brocken auf dem Programm. "Die Argentinier haben eine große Mannschaft mit überragenden Spielern. Sie werden uns in Buenos Aires sicher das Leben schwer machen. Wir dürfen uns jedoch nicht schon vor dem Spiel verloren geben. Ein Unentschieden wäre ein gutes Ergebnis. Gegen Kolumbien dagegen müssen wir unseren Heimvorteil nutzen und unbedingt einen Sieg holen."
Nachdem man bei den letzten beiden WM-Turnieren in Korea/Japan 2002 und Deutschland 2006 dabei war, setzt Benítez darauf, dass die Tricolor sich auch für Südafrika 2010 qualifizieren wird. "Wenn wir das nicht schaffen, wäre es ein Rückschritt für den Fussball Ecuadors und ein harter Schlag für unsere Fans, die uns immer bedingungslos unterstützt haben. Mittlerweile sind wir wieder stärker geworden und ich kann mir - ehrlich gesagt - die nächste Weltmeisterschaft ohne Ecuador nicht vorstellen."

