Der heutige Kapitän Ricardo Gardner gehörte 1998 in Frankreich als junger Spieler bereits der einzigen jamaikanischen Mannschaft an, die es je zu einer FIFA WM-Endrunde schaffte. Doch nach dieser erfolgreichen Ära sind die Reggae Boyz in der FIFA/Coca-Cola-Weltrangliste bis auf den 105. Platz abgerutscht und verpassten sogar die jüngsten Auflagen des Karibik-Cups und des CONCACAF Gold Cups.
In einem Exklusiv-Interview mit FIFA.com erklärte Bibi Gardner, warum er Jamaika trotzdem noch für das beste Team der Karibik hält. Außerdem freute sich der knapp 30-jährige Spieler mit den charakteristischen Dreadlocks über die Rückkehr des Brasilianers Rene Simoes als Nationaltrainer und sprach über seine große Hoffnung auf das Erreichen der nächsten WM-Endrunde 2010 in Südafrika.
Gardner sprach auch die sehr gute Stimmung an, die im Vorfeld des ersten Qualifikationsspiels am 14. Juni gegen die Bahamas im Trainingslager vor den Toren von Kingston herrscht.
Nachdem Jamaika kürzlich die Endrunde des Karibik-Cups und
auch den letzten CONCACAF Gold Cup verpasste, hat die Mannschaft in
der Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika
2010
™ wohl einiges wieder gut zu machen?
Wir haben ein paar schwierige Jahre hinter uns,
aber ich würde das nicht unbedingt Krise oder etwas ähnliches
nennen. Wir sind eine starke Mannschaft mit einigen sehr guten
Spielern. Wenn man sich anschaut, wie viel Talent in unserer
Mannschaft vorhanden ist, dann sehe ich nicht viele Mannschaften in
der Region, die uns schlagen könnten.
Ist Jamaika immer noch das beste Team der Karibik?
Wir wurden in jüngster Zeit von einigen anderen Mannschaften
in der Karibik unter Druck gesetzt, beispielsweise Haiti und
Trinidad und Tobago. Trotzdem denke ich, dass wir immer noch die
beste Fussballnation der Karibik sind, wenn man sich die Spieler
ansieht, die im Kader stehen, und die Talente, die immer wieder
nachrücken.
Im ersten Spiel im Rahmen der Qualifikation treffen Sie auf
die Bahamas. Sie sind dabei der hohe Favorit. Wird dadurch der
Erfolgsdruck größer?
Wir werden so in das Spiel gegen die Bahamas gehen,
als ob es die USA oder Mexiko wären. Da gibt es keinen Unterschied.
Es ist alles möglich. Wenn wir nicht gut vorbereitet in die Partie
gehen, dann können die Bahamas uns einen ganz schönen Tanz bereiten
und uns das Leben wirklich schwer machen. Die Stimmung in unserem
Trainingslager ist sehr gut und wir sind optimistisch [Anm.d.Red.:
Die Jamaikaner haben in ihren letzten drei Freundschaftsspielen
keine Niederlage eingesteckt.]. Wir haben eine Aufgabe zu
erledigen, und genau das werden wir tun.
Welche Bedeutung hat die Rückkehr des früheren Cheftrainers
Rene Simoes aus Brasilien im Hinblick auf die bevorstehenden
Qualifikationsspiele für Südafrika?
Dass [Rene] Simoes wieder da ist [Anm.d.Red.: Er
wurde Nachfolger von Bora Milutinovic, der Ende 2007 entlassen
worden war.] und die Mannschaft führt, ist etwas ganz besonderes.
Er ist in Jamaika eine echte Legende und die Spieler sprechen sehr
gut auf seine Arbeitsweise an. Es ist sehr gut, dass der
Fussballverband ihn zurückgeholt hat. Daraus können sich nur gute
Dinge entwickeln.
Und für Sie selbst wird es bestimmt ein schönes
Wiedersehen...
Ja, ich habe schon bei der WM-Endrunde 1998 unter ihm
gespielt. Ich bin begeistert, dass er wieder da ist. Ich weiß, dass
er der richtige Mann ist, um uns wieder zu einer WM zu bringen,
dieses Mal nach Südafrika.
Wie sehr müssen Sie als Mannschaftskapitän Ihre Mitspieler
motivieren?
Wenn man Kapitän ist, blicken die anderen Spieler immer zu
einem auf. Aber wie ich schon gesagt habe, die Stimmung im Camp ist
derzeit sehr gut, also brauche ich wohl kaum jemanden wirklich sehr
zu motivieren. Wir sind alle bereit, loszulegen.
Sie spielen seit 1998 für die Bolton Wanderers in der
englischen Premier League und hatten einige sehr erfolgreiche
Jahre. In dieser Saison aber sind Sie nur um Haaresbreite dem
Abstieg entgangen...
Ja, es war ein schweres Jahr für uns, aber wir haben uns alle
reingehängt und unseren Kampfgeist gezeigt, und letztlich den Kampf
auch gewonnen. In den letzten vier Spielen haben alle gezeigt, aus
welchem Holz sie geschnitzt sind, und so haben wir die Ergebnisse
erkämpft, die wir brauchten. Das war eine riesige Erleichterung.
Die nächste Saison müssen wir mit neuer Frische beginnen und uns
wieder auf unsere mannschaftlichen Stärken besinnen.
Bei Bolton werden Sie normalerweise in einer eher
defensiven Rolle eingesetzt. In der jamaikanischen
Nationalmannschaft dürften Sie hingegen die Chance bekommen, im
Mittelfeld zu spielen...
Es ist einzig und allein Sache des Trainers, auf welche
Position er mich stellt. In jedem Fall liebe ich das
Fussballspielen. In der Abwehr oder im Mittelfeld, mit oder ohne
Ball, ich bin auf jeden Fall glücklich, mein Land zu vertreten und
dazu beizutragen, dass wir es zur WM schaffen.
Was würde es für die Menschen in Jamaika bedeuten, wenn Sie
tatsächlich wieder eine WM-Endrunde erreichen?
Glauben Sie mir, es gibt keine passenden Worte mit denen man
beschreiben könnte, was es den Menschen in Jamaika bedeuten würde,
wenn wir uns wieder für die WM qualifizieren. Es bedeutet unendlich
viel für alle Menschen im Land und auch für alle Jamaikaner, die
nicht auf der Insel leben. Jamaika durchlebt im Moment schwere
Zeiten. Es wäre ein fantastisches Geschenk, das wir den Menschen
machen könnten. Wir sind alle bereit, unseren Teil beizutragen.
Und für Sie persönlich?
Nun, für mich wäre es die Gelegenheit, nach über einem
Jahrzehnt wieder bei einer WM-Endrunde dabei zu sein. Ich bin jetzt
ein viel reiferer Spieler. Das wäre die Erfüllung eines
Traumes.
Es scheint, dass es in Jamaika eine ganz besondere
Leidenschaft für den Fussball gibt. Woran liegt das
Fussball gehört in Jamaika einfach zum Leben dazu. Schon
von kleinauf ist für jeden von uns Fussball einfach überall
präsent, im Fernsehen, auf den Straßen, in allen Gesprächen. Es
gibt eine ganz besondere Beziehung zwischen unserer Insel und dem
Fussballspiel.

