Čech: "Mit dem nötigen Fingerspitzengefühl"
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Der inzwischen 30 Jahre alte Petr Čech hat mit dem FC Chelsea bereits alle möglichen Titel gewonnen. Acht Jahre nach seinem Wechsel zu den Londonern im Jahr 2004 konnte sich der Tscheche, der als einer der besten Torhüter der Welt gilt, in der vergangenen Saison endlich auch mit einem Titel schmücken, den sein Klub schon lange herbeigesehnt hatte - die Krone in der europäischen Königsklasse.

Der Triumph in der UEFA Champions League hat den Blues offenbar Flügel verliehen. Davon zeugt nicht zuletzt ihr furioser Start in die neue Saison, in der sie nicht nur ihren Meistertitel von vor zwei Jahren wiederholen, sondern auch ihren europäischen Titel verteidigen wollen.

Was seine Nationalmannschaft betrifft, in der er ebenfalls als sicherer Rückhalt dient, hofft der tschechische Keeper derzeit darauf, dass man an den ermutigenden Auftritt bei der UEFA EURO 2012 anknüpfen kann. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die Qualifikation für die FIFA WM 2014.

Allein der Gedanke an die Reise nach Brasilien, also in ein Land, das für den Fussball lebt und folglich ein ganz besonderes Turnier organisieren wird, ist für mich eine riesige Motivation.
Petr Čech

In einem Exklusiv-Interview mit FIFA.com sprach Čech über die größten Herausforderungen, die in diesem Jahr auf ihn zukommen.

Was sagen Sie zu ihrem diesjährigen Saisonstart mit Chelsea?
Ich glaube, der war nicht schlecht. Es ist immer gut, wenn man gleich zu Beginn drei Punkte einfährt, außerdem sind wir bisher meist ohne Gegentor geblieben. Das zeigt, dass unsere Abwehr ziemlich sattelfest ist. Und natürlich ist dies auch für mich als Torhüter eine erfreuliche Bilanz. Schade nur, dass wir bei dem Spiel um den UEFA Supercup in Monaco derart von der Rolle waren. Wir sind ein Team, dessen erklärtes Ziel der Gewinn von Titeln ist. Genau das haben wir in dieser Partie, die Atlético Madrid verdientermaßen gewonnen hat, klar verfehlt.

Da gerade von den europäischen Wettbewerben die Rede ist, wie beurteilen Sie den Start Ihres Teams in die laufende UEFA Champions League?
Ich finde es ärgerlich, dass wir zum Auftakt gegen Juventus Turin vor eigenem Publikum nicht über ein Unentschieden hinausgekommen sind. Vor allem deshalb, weil wir schon mit 2:0 geführt hatten. In der zweiten Hälfte hätten wir das Spiel besser kontrollieren und den vollen Punktgewinn sichern müssen. Aber es gibt auch viel Positives zu konstatieren, das es jetzt fortzusetzen gilt, um möglichst viele Punkte zu holen und unsere Gruppe am Ende als Sieger abzuschließen. Danach müssen wir einfach mit dem gleichen Elan weitermachen.

Worin liegen Ihrer Meinung nach in dieser Saison die Stärken der Blues?
Aufgrund zahlreicher Neuzugänge, deren Stärken eher im technischen als im physischen Bereich zu finden sind, haben wir dieses Jahr eine andere Mannschaft. Das hat sich auch auf unser Spiel ausgewirkt, denn dank der neuen Angriffstalente versuchen wir seither, mehr Schwung in die Offensive zu bringen. Vor allem die Verpflichtung von Eden Hazard hat sich bislang mehr als bezahlt gemacht! Er hat sich in kürzester Zeit auf seine Nebenleute wie Juan Mata oder Oscar eingestellt. Es macht wirklich Freude, einem Spieler wie ihm zuzusehen, der ja aus einer anderen Liga kam und sich dennoch derart rasch integrieren konnte.

Auch Oscar brauchte keine lange Anlaufzeit. Schließlich traf er gegen Juve gleich doppelt. Hat Sie das Leistungsniveau dieser beiden Neuverpflichtungen überrascht?
Beide sind sehr ehrgeizige Spieler, die trotz ihrer Jugend bereits über eine Menge Erfahrung verfügen. Hinzu kommt, dass sich junge Spieler generell schneller an ihre neue Umgebung gewöhnen. Die gehen auf den Platz, um Spaß am Spiel zu haben und auch ihr Umfeld daran teilhaben zu lassen. Eden führt bei uns das fort, was er in Frankreich schon seit Jahren gemacht hat. Was Oscar anbelangt, so freue ich mich wirklich sehr für ihn, zumal sein Wechsel aus der brasilianischen Liga, die mit unserer absolut nicht vergleichbar ist, für ihn sicher nicht einfach ist. Außerdem ist er noch sehr jung. Es dürfte für ihn nicht leicht sein, mit dem großen Erwartungsdruck umzugehen, der nach dem Wechsel auf ihm lastet. Mit seinem Doppelpack im ersten Gruppenspiel der UEFA Champions League hat er nachhaltig unter Beweis gestellt, dass er bei uns einen Stammplatz verdient hat. Das wird ihm viel Selbstvertrauen für die Zukunft geben.

Dass sich die Neuzugänge so schnell ins Team einfügen konnten, ist sicher auch ein Zeichen dafür, dass sich der FC Chelsea insgesamt in einer guten Verfassung befindet, oder?
Ja, das ist richtig. Allerdings ist der FC Chelsea bereits seit langem ein mannschaftlich geschlossenes Team, in dem die neu verpflichteten Spieler von Anfang an das Gefühl haben, dazuzugehören. Jeder von uns ist sich darüber im Klaren, dass die Mannschaft als Ganzes wichtiger ist als der Einzelne, und neue Spieler werden bei uns stets herzlich willkommen geheißen. Ich bin jetzt seit gut acht Jahren hier, und ich kann mich nicht erinnern, dass ein Spieler je gesagt hätte, er käme bei uns nicht zurecht und könne sich deshalb nicht integrieren. Ganz im Gegenteil!

Die Schwergewichte der Premier League sind alle recht vielversprechend in die neue Saison gestartet. Wird es dieses Mal besonders eng zugehen?
Ich denke, dass es eine hart umkämpfte und damit für die Fans sehr spannende Meisterschaft wird. Viele Mannschaften haben sich Verstärkung geholt. Manchester United hat einen guten Saisonauftakt hingelegt und ist einer der Titelfavoriten. Und während Manchester City seinen Titel verteidigen will, wollen auch wir es wieder nach ganz oben schaffen. Dazu kommt noch der FC Arsenal, bei dem es derzeit ebenfalls rund läuft und der bereits etliche Tore geschossen hat, ohne dabei die Defensive zu vernachlässigen. Wenn die Gunners so weitermachen, können sie den anderen noch sehr gefährlich werden. Daneben gibt es mehrere Klubs, die ebenfalls eine gute Saison spielen und sich so einen Startplatz in den europäischen Wettbewerben sichern wollen. In meinen Augen wird es genauso spannend werden wie in der vergangenen Saison, als bis zum Schluss nicht feststand, wer den Titel holen und wer absteigen würde. Das kann auch dieses Mal wieder sehr interessant werden.

Hat der Triumph in der UEFA Champions League beim FC Chelsea für einen mentalen Schub gesorgt?
Dieser Sieg hat uns allen eine riesige Freude bereitet und eine Menge Selbstvertrauen beschert, zumal diese Trophäe unserem Klub lange Zeit versagt geblieben war. Endlich ist es uns gelungen, diesen wunderbaren Pokal in die Höhe zu stemmen, und jetzt haben wir die Titelverteidigung im Visier. Das Ganze war wirklich ein tolles Gefühl, und wir haben nur noch einen Wunsch: es erneut zu spüren.

Sie waren einer der Helden im Finalsieg über Bayern München, vor allem wegen des gegen Arjen Robben in der Verlängerung gehaltenen Elfmeters. War dies für Sie persönlich einer der schönsten Momente Ihrer Karriere?
Mit Sicherheit! Denn diesen Augenblick werden alle noch lange in Erinnerung behalten, allen voran ich selbst. Es war einer der entscheidenden Momente dieses Finales, denn wenn sie zu diesem Zeitpunkt einen Treffer erzielt hätten, wären die Bayern auf der Siegerstraße gewesen. Dank des gehaltenen Strafstoßes konnten wir weiter hoffen und das Elfmeterschießen erreichen. Der Rest ist bekannt.

Mittlerweile haben Sie mit dem FC Chelsea nahezu alles gewonnen, was es auf Klubebene zu gewinnen gibt. Welche Ziele haben Sie hinsichtlich Ihrer Nationalmannschaft?
Ich bin 2002 U-21-Europameister geworden. Damals haben wir im Finale Frankreich geschlagen. Darauf bin ich noch heute sehr stolz, und mein Traum ist es, das Gleiche eines Tages mit dem A-Nationalteam zu schaffen. Ich ärgere mich immer wieder aufs Neue, wenn ich an die verlorene Halbfinalpartie bei der UEFA EURO 2004 gegen Griechenland zurückdenke. Denn damals hatten wir eine außerordentlich starke Mannschaft, mit der wir durchaus das Finale hätten erreichen können. Inzwischen haben zwei Spielergenerationen ihre Nationalmannschaftskarriere beendet. Überdies befinden wir uns derzeit in einem Umbauprozess. So gesehen ist allein die Qualifikation für die UEFA EURO 2012 bereits als Erfolg zu werten. Dass wir dann auch noch bis ins Viertelfinale vorstoßen konnten, ist mehr als zufriedenstellend. Wir können dies als einen ersten Schritt auf dem Weg zur Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™ betrachten.

Im ersten Spiel der laufenden WM-Qualifikation erzielte die Tschechische Republik ein Auswärtsremis gegen Dänemark. War das ein guter Auftakt?
Wenn man bedenkt, dass die Dänen ihre Gruppe in der Qualifikation für die WM 2010 als Sieger beendeten und vor allem zu Hause punkten konnten - unter anderem auch gegen solch große Mannschaften wie Portugal -, ist dies ein sehr gutes Ergebnis. Uns kommt dieses Unentschieden sehr gelegen, zumal uns zwei entscheidende Heimspiele bevorstehen, in denen wir unbedingt die volle Punktzahl holen müssen.

Wird Ihre Mannschaft in der Gruppe B ein entscheidendes Wort mitreden können? Momentan haben die Italiener Probleme, an das bei der UEFA EURO 2012 gezeigte Spielniveau anzuknüpfen, das ihnen zum Einzug ins Finale verhalf...
Jedermann weiß, dass Italien und Dänemark in dieser Gruppe favorisiert sind. Was uns betrifft, so haben wir uns vorgenommen, möglichst für eine Überraschung zu sorgen und eine der beiden Mannschaften aus dem Rennen zu werfen. Daher hoffen wir, mindestens Gruppenzweiter zu werden, um in die Playoff-Runde zu kommen. Allerdings werden wir, ohne den Blick für die Realität zu verlieren, alles daran setzen, die Gruppe zu gewinnen und uns die direkte Qualifikation zu sichern.

Sie haben Ihr Land bereits bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006™ in Deutschland vertreten. In welcher Rolle sehen Sie sich in der aktuellen WM-Qualifikation gegenüber den jungen Nationalspielern?
Ich gehöre inzwischen zu den erfahrensten Akteuren im Nationalteam, zumal ich aktuell die meisten Länderspieleinsätze auf dem Konto habe. Gleichzeitig zehre ich von meinen Erfahrungen beim FC Chelsea, dem amtierenden Titelträger der UEFA Champions League. Meine Aufgabe ist es, all meine Erfahrungen an die jungen Spieler weiterzugeben und ihnen den Weg in eine erfolgreiche Zukunft aufzuzeigen. Das Ganze natürlich mit dem nötigen Fingerspitzengefühl, damit sie sich in der Mannschaft von Beginn an wohlfühlen.

In einem Interview mit FIFA.com sagte Jaroslav Plašil kürzlich über die neue tschechische Spielergeneration, dass diese mit ihrem Talent etwas mehr Lockerheit und Mut zum Risiko ins Spiel Ihrer Mannschaft bringen würde. Sehen Sie das auch so?
Ja, und ich würde noch die guten Leistungen von Viktoria Pilsen vom vergangenen Jahr in der UEFA Champions League erwähnen, denn die Spieler aus diesem Klub haben dabei enorm dazugelernt, was wiederum der Nationalmannschaft zugutekommt. Unter dem Strich liegt unsere große Stärke darin, dass wir eine richtige Mannschaft und eine zusammengeschweißte Truppe sind, die dank ihres engen Zusammenhalts in der Lage ist, selbst schwierige Situationen zu meistern. Gerade diese Eigenschaften waren es letztlich auch, die uns in der Playoff-Runde der letzten EM-Qualifikation gegen Montenegro das Ticket für das kontinentale Turnier beschert haben.

Mit 30 Jahren sind Sie für einen Torhüter noch relativ jung. Planen Sie bereits über die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™ hinaus, oder haben Sie sich eine Grenze gesetzt?
Allein der Gedanke an die Reise nach Brasilien, also in ein Land, das für den Fussball lebt und folglich ein ganz besonderes Turnier organisieren wird, ist für mich eine riesige Motivation. Daher hoffe ich sehr, dass ich daran teilnehmen kann. Außerdem schlägt mein Herz nach wie vor für den Fussball und ich habe immer noch viel Spaß dabei. Wenn ich noch fünf, sechs oder sieben Jahre weiterspielen kann, werde ich es auch tun. Natürlich unter der Voraussetzung, dass ich gesund und in Form bleibe. Denn ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass ich nur deshalb weiterspiele, weil ich Petr Čech heiße und zehn Jahre für den FC Chelsea zwischen den Pfosten gestanden habe.