Fernando Meligeni: Auch im Fussball Brasilianer

Viele sagen, Fernando Meligeni sei vielleicht brasilianischer als die meisten Brasilianer. Das liegt daran, dass der heute 41-jährige ehemalige Tennisprofi nicht als Brasilianer geboren wurde, sich aber als solcher fühlt.

Der in Buenos Aires geborene und unter dem Spitznamen "Fininho" bekannte Ex-Tennisspieler zog im Kindesalter mit seinen Eltern nach Brasilien, kehrte aber als Jugendlicher nach Argentinien zurück, um dort die Tennisschule zu besuchen. Dennoch ließ er nie Zweifel daran aufkommen, dass er sich als Brasilianer fühlt. Davon zeugen neben den 29 Davis-Cup-Begegnungen für seine Wahlheimat und der Goldmedaille, die er bei den Panamerikanischen Spielen 2003 für Brasilien gewann, auch die Tatsache, dass er im Anschluss eingehüllt in die brasilianischen Nationalfarben seinen Freudentränen freien Lauf ließ.

In der Interviewreihe von FIFA.com mit Persönlichkeiten aus anderen Bereichen sprachen wir mit der ehemaligen Nummer 25 der Weltrangliste und dem Gewinner von drei ATP-Turnieren über seine Beziehung zum Fussball – dem Sport, der sowohl in seinem Geburtsland als auch in seiner Wahlheimat große Leidenschaften weckt.

Sprechen wir zunächst über das Thema, mit dem Sie immer wieder konfrontiert werden. Dieses Mal aber aus der Sicht des Fussballs. Halten Sie bei einer WM zu Brasilien oder Argentinien?
(lacht) Ich halte zu Brasilien. Ich bin Brasilianer, so einfach ist das. Natürlich hege ich große Sympathien für Argentinien. Dort bin ich geboren und es ist das Land meiner Eltern. Der Mensch entwickelt sich aber weiter und meine Wandlung zum Brasilianer ist sicherlich etwas ganz Besonderes. Für meine Schwester, die damals ebenfalls mit uns umgezogen ist, steht beispielsweise außer Frage, dass sie für Argentinien ist. Ich denke, dass der große Unterschied darin besteht, ob man ein Land repräsentiert, wie ich es so oft für Brasilien im Davis Cup und den Panamerikanischen Spielen getan habe.

Ihre erste WM-Erinnerung bringen Sie aber eher mit Argentinien in Verbindung?
Ja, das stimmt. Ich kann mich noch sehr gut an die überschwängliche Freude meines Vaters beim Titelgewinn 1978 erinnern und daran, wie wir alle gemeinsam den WM-Sieg 1986 gefeiert haben. Danach bringe ich die WM aber eher mit meiner Wahlheimat in Verbindung. Noch heute muss ich zuhause immer wieder kleine Sticheleien ertragen, wenn die Seleção spielt: "Schau mal, 'Deine Mannschaft' spielt". (lacht)

Fussball zu spielen ist eine der liebsten Freizeitbeschäftigungen vieler professioneller Tennisspieler, nicht wahr?
Zweifelsohne. Das ist bei ganz vielen Leuten der Fall. Insbesondere bei den Brasilianern, Argentiniern und Spaniern. Das sind drei Länder, die fussballverrückt sind und viele Tennisspieler haben, die vorzugsweise Sandplatzturniere spielen. Lange Zeit gab es bei vielen dieser Turniere, so auch bei den Brasil Open, sofern diese an der Costa do Sauípe ausgetragen wurden, ein obligatorisches Fussballspiel unter den Tennisspielern. Da man aber zunehmend härter zur Sache ging, hat sich der eine oder andere auch mal verletzt (lacht). Inzwischen ist der Einsatz nur selten so groß. An fussballverrückten Tennisspielern mangelt es aber auch heute nicht.

Nicht nur, wenn es darum geht selbst zu spielen, sondern auch als Zuschauer. Das ist einer der großen Vorteile unserer ständigen Reisen: Die Turnierorganisation weiß, dass wir diesen Sport lieben. Folglich besorgt sie uns auch immer wieder Eintrittskarten für die Spiele. Im Laufe meiner Karriere habe ich so schon einige Top-Begegnungen gesehen: Spiele des FC Bayern München, das Derby zwischen Rom und Lazio, zwei Mal Barcelona gegen Real Madrid...  Das war schon fast eine Pflichtveranstaltung. Damals schwamm ich auf der Erfolgswelle von Guga (dem Brasilianer Gustavo Kuerten, ehemalige Nummer eins der Weltrangliste) mit und kam ganz schön in der Welt herum. (lacht)

Gibt es ein besonderes Erlebnis aus dieser Zeit?
Es gibt eine schöne Geschichte von 1998, die sich beim ATP-Turnier im schweizerischen Gstaad ereignete. Ich und Guga schieden im Einzel jeweils in der zweiten Runde aus. Kurz darauf sollte er ein Angebot erhalten, das er einfach nicht ablehnen konnte: Er wurde zum WM-Endspiel in Paris eingeladen. Am Sonntag, dem Tag des Endspiels, standen wir aber im Doppelfinale! Wir gingen also auf den Platz und hatten ein Auge auf den Ball und das andere auf die Uhr gerichtet. Schließlich wollten wir rechtzeitig das Flugzeug erreichen, um Frankreich gegen Brasilien im Endspiel zu sehen. Unsere Gegner waren damals der Tscheche Cyril Suk und der Argentinier Daniel Orsanic, mit dem wir seit langem befreundet waren. Das wurde dann ein richtiger Spaß: Guga und ich wollten die Sache so schnell wie möglich zu Ende bringen. Doch Orsanic ließ sich bei eigenem Aufschlag immer ganz viel Zeit und sagte uns: "Ich spüre da so einen leichten Schmerz. Ich denke, dass ich eine Auszeit zur Behandlung nehmen sollte. Ihr habt es doch nicht eilig, oder?" (lacht) Am Ende haben Guga und ich in zwei Sätzen gewonnen und waren noch rechtzeitig zum Anstoß im Stadion. Das Spiel wollten wir unter keinen Umständen verpassen. (lacht)

Sie haben bereits so oft für Brasilien gespielt. Glauben Sie, dass 2014 der Heimvorteil für Brasilien entscheidend sein wird?
Sicherlich, obwohl es da einen großen Unterschied zwischen Tennis und Fussball gibt. Für mich war es immer ein großer Ansporn zu spielen. Auch wenn es mal nicht so gut lief, wie bei der Davis Cup-Niederlage in Florianópolis gegen Australien: Ich habe niemals einen besonderen Druck verspürt, wenn ich vor heimischer Kulisse gespielt habe. Ich war traurig, wenn ich die Fans enttäuscht hatte, verspürte aber niemals Druck. Im Fussball sieht das aber anders aus: Der Druck wird enorm sein. Den Fussball lebt der Brasilianer mit einer extremen Leidenschaft. Ich denke, dass keine andere Mannschaft jemals zuvor so sehr unter Druck stand, ein Turnier zu gewinnen, wie die Seleção 2014.

Was für eine Stimmung erwarten Sie bei der WM in Brasilien?
Es wird eine gigantische WM werden. Es wird ganz anders sein als das, was man aus Europa kennt: Die Situation hier ist eine andere. Ich denke aber, dass es eine herausragende Gelegenheit ist, um eine ganz besondere Eigenschaft des brasilianischen Volkes in den Vordergrund zu rücken: und das ist ihre sympathische, liebenswerte und gastfreundliche Art – immer mit einem Lächeln im Gesicht. Das ist aber noch nicht alles: Das Land wird sich komplett der WM unterordnen. Wer hier herkommt, wird neben den eigentlichen Spielen richtig viel Spaß haben.