FIFA.com führte mit Deutschlands Torjäger Miroslav Klose, der sich viel für die FIFA WM 2010 in Südafrika vorgenommen hat, ein Exklusiv-Interview. Der Stürmer von Bayern München und Torschützenkönig der FIFA WM 2006 will WM-Rekordtorschütze werden und sprach außerdem über seine Zeit mit Deutschlands Rekordmeister.
Miroslav, Sie spielen seit Sommer 2007 für Bayern München. Was können Sie uns über das Leben in der bayerischen Landeshauptstadt sagen?
Über das Leben in München kann man nur Positives verlieren. Es ist eine super schöne Stadt, es gibt viel zu sehen, und die Berge sind nah. Man fühlt sich dort wirklich wohl. Die Freizeit als Bayern-Spieler ist natürlich begrenzt, aber wenn man mal einen Nachmittag frei hat, verbringt man den mit der Familie und kann dabei auch die Stadt genießen.
Wie kann man sich Ihren Job als Fussball-Profi beim deutschen Rekordmeister vorstellen?
Das Arbeiten bei Bayern München ist sehr angenehm. Wer den Klub kennt weiß, dass dort viel Druck herrscht, aber das ist normal. Damit muss man klarkommen. Das Klima bei uns im Verein, unter den Spielern und Trainern ist hervorragend. Und wenn man dann noch sieht, wie viele Fans uns täglich auf dem Trainingsgelände besuchen, ist das faszinierend. Vor allem wenn man bedenkt, woher manche anreisen.
Sie sind täglich in Kontakt mit Stars wie Franck Ribéry, Arjen Robben und anderen Profis. Wie sieht der Umgang untereinander aus?
Bei uns geht es sehr freundschaftlich und fair zu. Jeder Spieler weiß, dass alle gebraucht werden. Auf dem Trainingsplatz will sich jeder mit Leistung empfehlen, der Konkurrenzkampf ist groß. Da ist schon Schärfe in jeder Einheit drin, aber das muss auch so sein. Dadurch steigert man sein eigenes Potenzial, was unheimlich wichtig ist. Ich pflege zu jedem Spieler ein freundschaftliches Verhältnis. Aber man muss schon differenzieren. Wenn man jeden Tag miteinander trainiert, muss man nicht noch abends miteinander essen gehen. Das kommt zwar auch mal vor, aber nicht täglich.
Seit dieser Saison heißt Ihr neuer Trainer Louis van Gaal. Wie kann man sich den Niederländer vorstellen?
Ich hatte schon viele gute Trainer in meiner Karriere. Jeder Coach ist anders und hat seine eigene Philosophie. Was Louis van Gaal auszeichnet, ist seine Direktheit und seine Dominanz, mit der man als Spieler erst einmal klarkommen muss. Für mich ist das jedoch kein Problem. Er ist fair und gibt jedem Spieler eine Chance. Auf dem Trainingsplatz ist er auch sehr direkt und laut. Da muss man in allen Bereichen alles richtig machen.
Welche persönlichen Ziele verfolgen Sie in dieser Spielzeit und in der Zukunft als Fussball-Profi?
Ich möchte Titel sammeln, das ist bei Bayern in jeder Saison das Ziel. Das will nicht nur ich, sondern die gesamte Mannschaft. Jeder weiß, dass es nur miteinander geht.
In einem solch großen Verein wie Bayern München gibt es nicht nur die Spieler und die Trainer, sondern auch das Team hinter dem Team. Wie wichtig sind die Mitarbeiter im Hintergrund?
Auch die Leute hinter uns sind enorm wichtig. Meiner Meinung nach werden diese Leute zu oft vergessen. Wir brauchen sie. Wenn man sieht, was beispielsweise unser Zeugwart leistet, so dass wir uns auf das Wesentliche konzentrieren können. Wir als Mannschaft versuchen, den Leuten den gebührenden Respekt entgegen zu bringen.
Wie wichtig sind Ihnen Titel?
Titel sind für mich schon wichtig. Man spielt Fussball und lebt auch dafür, um Titel zu gewinnen. Ich bin zu Bayern München gekommen, um Meisterschaften und Pokale zu holen, und ich denke, es gibt keinen besseren Verein, bei dem man so oft die Chance hat, diese Erfolge zu erreichen.
Sie sind bekannt für Ihr hervorragendes Kopfballspiel. Woher rührt dieses Talent?
Vieles, was ich in Sachen Kopfball heute kann, wurde mir in die Wiege gelegt. Aber natürlich habe ich auch hart an meinem Kopfballspiel gefeilt. Das war wichtig, da ich dort meine große Stärke erkannt habe. Mittlerweile trainiere ich es nicht mehr jeden Tag, aber im Training versucht man schon, die eine oder andere Flanke richtig zu treffen, damit man das Gefühl nicht verliert.
Als Weltklasse-Stürmer haben Sie schon in vielen Partien gegen knallharte Verteidiger agieren müssen. Wer war bislang der beste Gegenspieler, den Sie je hatten?
Ich habe jetzt ein- oder zweimal gegen Alessandro Nesta gespielt. Er ist ein cleverer, zweikampf- und kopfballstarker Spieler. Er steht immer gut, und das ist unheimlich wichtig. Als Abwehrspieler ist er immer dort, wo der Stürmer hinlaufen will. Das hat er in den Spielen gegen mich schon sehr gut gemacht.
Wie schätzt Miroslav Klose seine eigene Persönlichkeit ein?
Ich bin ein gelassener und ehrlicher Typ, aber das kann sich auch ganz schnell ändern. Wenn ich auf dem Platz stehe, kann es auch vorkommen, dass ich sehr direkte Worte finde, aber meistens versuche ich, Dinge unter vier Augen zu regeln. Probleme möchte ich möglichst schnell und direkt aus der Welt schaffen und spreche sie deshalb auch gleich an, jedoch nicht in der Öffentlichkeit.
Wie wichtig ist Selbstvertrauen für einen Stürmer im Allgemeinen und für Sie persönlich im Speziellen?
Selbstvertrauen ist für einen Stürmer unheimlich wichtig, denn wenn man eine gute Phase hat, kommt man auch zu den Aktionen vor dem Tor. Ich brauche meine körperliche Fitness und muss bei 100 Prozent sein, um meine volle Leistung abrufen zu können. Wenn man auf die gesamte Saison blickt, ist es immer so gewesen, dass ich in den Phasen, in denen ich kleine Wehwehchen hatte, nicht 100 Prozent ins Spiel finde. Da schleppe ich mich durch, bin nicht präsent und gerade da gilt es dann Konstanz reinzubringen. Sicher spielt der Kopf auch eine Rolle, aber ich bin ein Spieler und ein Mensch, der seine Fitness braucht und darüber ins Spiel kommt.
Bevor Sie Fussball-Profi wurden haben Sie eine Ausbildung als Zimmermann gemacht. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?
Fussball habe ich ja schon immer gespielt, aber letztendlich kam dann der Moment, in dem ich gesagt habe: "Die Lehre ist fertig, ich arbeite weiter als Geselle, aber versuche im Fussball voran zu kommen". Damals bin ich in die Verbandsliga gewechselt und habe gemerkt, dass ich es noch höher schaffen, in dem Fall jedoch meinen Beruf nicht weiter ausüben kann. Gott sei Dank habe ich damals in Homburg schon so gut verdient, dass ich davon leben konnte. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, den Weg zu gehen und wäre sonst in meinen alten Beruf zurückgegangen. Das war mit meinem Arbeitgeber so abgesprochen.
Sie haben bereits zehn Tore bei FIFA Weltmeisterschaften erzielt und liegen fünf Treffer hinter WM-Rekordtorschütze Ronaldo. Was haben Sie sich persönlich für die FIFA WM 2010 vorgenommen?
Wenn mir im kommenden Jahr sechs Tore gelingen würden, wäre ich nicht nur Deutschlands bester WM-Torschütze, sondern der Beste weltweit. Das ist mein Ziel, aber am wichtigsten ist natürlich der Erfolg unseres Teams. Primär will ich jetzt topfit werden und zu meinen 100 Prozent finden. Über den Klub will ich mich für die Nationalmannschaft und die WM empfehlen. Ich freue mich schon jetzt auf Südafrika.
Und wie sehen die WM-Ziele der deutschen Nationalmannschaft aus?
Es ist jetzt schwer zu sagen, wie die WM-Ziele aussehen. Da kommt es zum einen auf die Gruppenauslosung an, die wir abwarten müssen. Dann spielen Tagesform und Glück eine Rolle. Zuerst will ich gesund bleiben. Der Rest kommt von alleine.
Zuletzt wurde viel über die Spielweise der DFB-Elf diskutiert. Wie schätzen Sie die Anlagen des Teams ein?
Die deutsche Nationalmannschaft war schon immer dafür bekannt, aus Arbeitern zu bestehen. Wir kommen durch das Laufen ins Spiel, wollen aber auch Fussball spielen. Wenn man sieht, über welche Qualität wir im Kader verfügen, welche fussballerischen Möglichkeiten wir haben, dann muss man schon sagen, dass wir eine gute Mischung aus Kämpfern und Technikern haben. Wenn man etwa Mesut [Özil] als Beispiel nimmt, muss man sagen, dass es schon von Vorteil ist, einen solchen Spieler im Kader zu haben. Wir dürfen nicht nur über den Kampf ins Spiel kommen, dass kann heutzutage jedes Team. Wir müssen diese Tugend so oder so abrufen und dann durch unsere Qualität überzeugen und Fussball spielen. Wir sind auf einem guten Weg.
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