Glauben Sie an die zweite Chance? Michael McGlinchey tut dies auf jeden Fall, und er hat guten Grund dazu. Der ehemalige Wunderknabe, der ein Angebot von Manchester United ausschlug und im Alter von 15 Jahren der jüngste Debütant aller Zeiten im Team von Celtic Glasgow wurde, fand sich zu Beginn des Jahres unvermittelt auf dem Abstellgleis wieder. Doch nun kämpft sich der mittlerweile 22-Jährige mit dem australischen Klub Central Coast Mariners wieder ins Geschehen zurück. Ihn und die neuseeländische Nationalmannschaft trennen darüber hinaus nur noch 90 Minuten von der Teilnahme an der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™.

Auch das bedeutet für McGlinchey eine zweite Chance, denn er hat bereits bei der Endrunde eines FIFA-Turniers gespielt, allerdings für ein anderes Land. Michael wurde im neuseeländischen Wellington geboren, wo sein aus Schottland stammender Vater für einen kleinen Fussballklub spielte. Doch als er neun Monate alt war, kehrte seine Familie nach Glasgow zurück. Wenn er im kommenden Monat zum WM-Playoff-Spiel nach Wellington reist, ist dies sein zweiter Besuch in der Stadt seiner Geburt - und der erste ist erst wenige Wochen her, als er mit den Central Coast Mariners zum Auswärtsspiel gegen Wellington Phoenix reiste.

Angesichts der riesigen Entfernung, die McGlinchey von Neuseeland trennte, und der Tatsache, dass er in Glasgow aufwuchs, war es keine große Überraschung, dass der vielversprechende Youngster sich anfänglich für Schottland entschied, als seine internationale Karriere in Gang kam. In den Medien wurde viel über eine großartige Zukunft spekuliert und McGlinchey spielte auch in der schottischen U-19-Auswahl, die das Finale der Europameisterschaft erreichte. Doch dann äußerte er Kritik an der defensiven Grundeinstellung von Trainer Archie Gemmill bei der folgenden FIFA U-20-Weltmeisterschaft und verlor daraufhin seinen Platz im Team. Als sein Vertrag in Glasgow Anfang des Jahres auslief und nicht verlängert wurde, schien es bereits, als würde die Karriere des einstigen Wunderkindes im Sande verlaufen. Doch Neuseelands Nationaltrainer Ricki Herbert, der den Nachwuchsspieler schon lange wohlwollend beobachtet hatte, nutzte die Gunst der Stunde.

"Ich bin dankbar"
"Es ist ganz schön verrückt, wie sich das alles entwickelt hat", meinte McGlinchey im Gespräch mit FIFA.com. "Ich war gerade aus dem Flugzeug gestiegen und auf dem Weg zu meinem Probetraining bei den Mariners, als Ricki mich anrief und fragte, ob ich nicht für Neuseeland spielen wolle. Ich hatte in dem Moment nicht einmal einen Vertrag bei einem Klub und wusste auch nicht, ob aus den Probetraining etwas werden würde. Es war wirklich fantastisch, dass mir in dieser Situation jemand ein derartiges Vertrauen schenkte. Ich bin sehr dankbar, dass er es noch einmal versucht hat."

"Denn Ricki hatte bereits kurz vor meiner Abreise zur FIFA U-20-Weltmeisterschaft versucht, mich ins neuseeländische Team zu holen. Aber damals war ich voll und ganz darauf fixiert, nach Kanada zu fahren und dort für Schottland zu spielen. Jetzt aber bin ich begeistert, wie sich alles entwickelt hat. Die Jungs haben von Anfang an dafür gesorgt, dass ich mich als Teil des Ganzen sehe. Natürlich ziehen sie mich immer wegen meinem schottischen Akzent auf, aber das macht alles einen Riesenspaß und ich genieße es sehr, dass ich dazu gehöre."

McGlinchey, der in der A-League regelmäßig mit starken Leistungen glänzt, hat sich bereits als wertvolle Verstärkung der Mannschaft erwiesen. Das torlose Auswärts-Hinspiel gegen Bahrain war erst sein zweites Länderspiel für Neuseeland, doch seine Leistung war so stark, dass er im Rückspiel am 14. November wohl in der Startformation stehen wird. Der Mittelfeldspieler bezeichnet die bevorstehende Partie in Wellington natürlich als "das wichtigste Spiel meiner Karriere", doch er gibt auch gern zu, dass er sich mit dem Begriff der 'Heimkehr' noch etwas schwer tut.

Hoffen auf das Happy End
Er sagte: "Es ist schon kurios, dass dieses Spiel ausgerechnet in Wellington stattfindet. Ehrlich gesagt kann ich mich noch immer nicht richtig an den Gedanken gewöhnen, dass das mein Geburtsort ist. Ich verließ Neuseeland schon als Baby, ich habe mein ganzes Leben in Glasgow verbracht und war bis letzten Monat kein einziges Mal nach Neuseeland zurückgekehrt. Trotzdem will ich mich hier wie zu Hause, und das ist nicht nur eine leere Phrase. In Australien fühle ich mich wie im Ausland, obwohl es mir auch dort sehr gut gefällt. In Wellington war das ganz anders. Ich weiß nicht warum, vielleicht wegen der Menschen in Neuseeland und weil das Wetter und die Landschaft so ähnlich sind wie in Schottland. Ich habe mich einfach wie zu Hause gefühlt."

Dabei hat McGlinchey ohnehin keine Zeit und wohl auch gar nicht die Absicht, den emotionalen Aspekt der Rückkehr an seinen Geburtsort in den Mittelpunkt zu stellen. Denn zwischen Neuseeland und seiner ersten Teilnahme an einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft seit 1982 stehen nur noch 90 Minuten. Daher gilt die volle Konzentration McGlincheys dem Wunsch, Fussballgeschichte zu schreiben und Herbert auf diese Weise für seine zweite Chance zu danken. "Natürlich geht mir das nicht aus dem Kopf", gibt er unumwunden zu. "Ich denke in jeder freien Minute an das Playoff-Spiel. Das ist das wichtigste Spiel meiner Karriere, das ist ja ganz klar. Ich denke, dass es bei all den anderen Jungs genauso ist. Doch wir empfinden es alle als besonderen Ansporn und nicht so sehr als Grund für große Nervosität. Wir sind alle sehr zuversichtlich."

"Die letzte Teilnahme Neuseelands an einer WM-Endrunde liegt schon 27 Jahre zurück. Wir wissen also sehr genau, wie wichtig all das für das Land ist. Vor dem ersten Spiel gegen Bahrain hat Ricki uns ein paar Filme und Videos von der Qualifikation für die WM-Endrunde 1982 gezeigt, wo man die Begeisterung darüber sehen konnte. Wenn man so etwas sieht, dann will man unbedingt dazu gehören und etwas Ähnliches erreichen. Ich hoffe nur, dass wir die Gelegenheit auch nutzen können. Es ist einfach unglaublich, so kurz vor der WM-Teilnahme zu stehen."

Das Wort "unglaublich" ist wohl ohnehin die beste Beschreibung für die letzten Monate in der Karriere von McGlinchey, die einem modernen Fussballmärchen ähneln. Und wie bei jedem guten Märchen fehlt jetzt nur noch ein Happy End...