Wenn der Name Oliver Bierhoff fällt, denken Fussball-Fans auf der ganzen Welt unweigerlich an Kopfballtore. Der ehemalige deutsche Nationalstürmer lehrte in den 90er Jahren vor allem den Verteidigern in der italienischen Serie A das Fürchten und avancierte in der Saison 1997/98 im Dress von Udinese Calcio mit 27 Treffern zum Torschützenkönig.
Das wichtigste Tor seiner Karriere schoss der heute 41-Jährige aber mit dem linken Fuß. Es war das "Golden Goal" in der Verlängerung des Finales der UEFA EURO 1996 gegen die Tschechische Republik, das Bierhoff in die Fussball-Geschichtsbücher eingehen ließ. Dass der 70-malige Internationale zudem 1998 zu Deutschlands Spieler des Jahres gewählt wurde und ein Jahr später mit dem AC Mailand italienischer Meister wurde, spricht zusätzlich für die Extraklasse des gebürtigen Karlsruhers, der auf dem Feld ebenso explosiv wie neben dem Platz eloquent wirkte.
Bereits parallel zu seiner Profi-Laufbahn absolvierte Bierhoff ein wirtschaftswissenschaftliches Fernstudium. Seit nunmehr fünf Jahren fungiert er als Manager der deutschen Nationalmannschaft und bildet derzeit mit Bundestrainer Joachim Löw ein erfolgreiches Gespann. Für FIFA.com nahm sich Bierhoff Zeit, um exklusiv über Stimmungen und Leidenschaften in Südafrika, Hoffnungen und Ziele hinsichtlich der FIFA WM 2010 sowie über Weltstars im deutschen Fussball zu sprechen.
Herr Bierhoff, gemeinsam mit Joachim Löw waren Sie einige Tage beim FIFA Konföderationen-Pokal 2009 in Südafrika. Wie waren Ihre Eindrücke?
Ich war jetzt schon ein paar Mal dort, und es ist immer wieder schön, wenn man sieht, wie sich auch die Bevölkerung begeistert. Musik und Fussball: da werden sie fröhlich! Ich war auch überrascht, wie fließend die Organisation rund um die Stadien war. Man wurde von vielen Helfern angesprochen. Die Stimmung ist sicherlich etwas Neues, vor allem auch mit den Vuvuzelas, aber es ist interessant!
Man darf sich also auf eine stimmungsvolle und leidenschaftliche FIFA WM 2010 freuen?
Auf jeden Fall, das ist meine große Hoffnung. Man weißt ja, wie viel Fussball bewirken kann. Wenn dieses Turnier losgeht, können Südafrika und überhaupt der ganze Kontinent Afrika diese Nachricht rüberbringen. Es wird eine andere WM werden wie in Deutschland, schon wegen den Klimaverhältnissen. Aber ich finde, dass die Außenstehenden und die Fans sich darauf einstellen, auf die Südafrikaner zugehen und das so akzeptieren müssen. Und ich hoffe eben auch, dass gerade während der Fussball-WM eine ganz friedliche Zeit miteinander erfolgen wird.
Sie haben die Klimaverhältnisse angesprochen. Waren Sie überrascht?
Überrascht nicht! Aber wenn man es dann selbst erlebt, wird es einem noch einmal deutlich. Vor meinem jüngsten Besuch war ich im Winter noch nie in Südafrika. Gerade in Bloemfontein war es sehr kalt. Tagsüber ist es schön sonnig, man sieht einen blauen Himmel, wenn dann aber auf einmal die Dunkelheit einbricht, wird es sehr kalt. Aber auch darauf kann man sich einstellen. Und ich denke, gerade für uns Mitteleuropäer ist das ein größerer Vorteil als wenn wir zum Beispiel in Brasilien oder im texanischen Dallas in der Hitze spielen würden.
Es gibt dieses Sprichwort: 'Europäer gewinnen die WM in Europa, Südamerikaner gewinnen außerhalb von Europa'. Natürlich ist es nur ein Sprichwort, denn die Brasilianer konnten 1958 auch in Schweden Weltmeister werden. Aber dennoch: Diese vermeintliche Weisheit könnte nächstes Jahr in Südafrika außer Kraft gesetzt werden, oder?
Ich glaube schon. Es ist zumindest kein Nachteil. Und auf der anderen Seite ist es ja auch so, dass die Spieler der Top-Nationalmannschaften mittlerweile größtenteils in Europa spielen und dieses Klima sowieso gewohnt sind. Also ich glaube, aufgrund des Klimas wird es keine Heimvorteile oder irgendwelche Vorteile für Mannschaften aus bestimmten Kontinenten geben.
Also lässt der FIFA Konföderationen-Pokal 2009 auf eine wunderbare WM-Endrunde hoffen?
Der 'Confed Cup' ist erstmal vor allem deshalb wichtig, weil er ein guter letzter Test für das WM-Gastgeberland ist, um sich bezüglich der Organisation und den Abläufen zu testen. Außerdem haben auch die Mannschaften die Möglichkeit, alles einmal kennenzulernen. Und ganz wichtig ist, dass eben das gesamte Land merkt: 'Bald geht es los!' Wir haben nur noch ein Jahr, insofern ist es ein gutes Zeichen.
Darf man Deutschland als Mitfavorit auf den WM-Titel bezeichnen?
Ich denke schon, dass wir dazugehören. Denn: Wir sind bei der WM 2006 Dritter geworden und bei der EM 2008 sogar Zweiter. Die europäischen Mannschaften werden eine ganz bedeutende Rolle spielen. Man muss aber schauen, denn auch ein afrikanisches Team wird vielleicht eine gute Rolle spielen - je nachdem, wer dann dabei ist und einen guten Moment erwischt. Ägypten hat sich beim 'Confed Cup' ja auch schon gut präsentiert. Ansonsten sind es eigentlich wieder die typischen Mannschaften, mit Argentinien und Brasilien, die für mich zu den Favoriten zählen.
In der Europa-Gruppe 4 der WM-Qualifikation wird es im Rennen um Platz eins zwischen den Deutschen und den Russen ganz eng. Mit welchen Gefühlen wird das deutsche Team im kommenden Oktober zum wohl entscheidenden Spiel nach Russland reisen?
Die Situation ist auf der einen Seite gut, weil wir ja noch Tabellenführer sind, aber auf der anderen Seite naürlich auch ein bisschen angespannt, denn die Russen haben sich leider gegen die Finnen durchgesetzt. Deswegen sind wir gewarnt, in Russland nicht zu verlieren. Sie haben eine sehr gute Mannschaft. Man sieht ja auch bei den Vereinsmannschaften, dass die Russen immer mehr aufgeholt haben. Und sie haben mit Guus Hiddink einen ganz erfahrenen Trainer. Deswegen gehen wir mit sehr viel Konzentration und Respekt in diese Oktober-Länderspiele. Aber wir müssen Selbstvertrauen haben basierend auf der Gewissheit, dass wir Finalist bei der Europameisterschaft waren, und deshalb werden wir auch in Russland bestehen.
Die beiden deutschen Nationalstürmer Miroslav Klose und Mario Gomez werden in der kommenden Saison gemeinsam für Bayern München auf Torejagd gehen. Glauben Sie, dass dies für das deutsche Nationalteam hinsichtlich der FIFA WM 2010 positiv ist?
Es kann auf jeden Fall ein Vorteil sein, wenn sich beide gut einspielen und auch zu guter Form kommen. Ich denke auch, dass es für Mario gut ist, sich bei einem solchen Topverein wie Bayern München unter hohem Druck und auf international hohem Niveau in der Champions League auf die WM vorzubereiten.
Die gesamte Fussballwelt spricht derzeit über individuell herausragende Spieler wie Cristiano Ronaldo und Lionel Messi. In der Bundesliga hat in den letzten beiden Jahren mit Franck Ribéry ein ähnlicher Spielertyp für Furore gesorgt. Hätten Sie so einen Star auch gerne im deutschen Team?
[lacht] Ja, alle drei Spieler würde ich gerne zu uns holen! Aber wir haben auch ein paar interessante Spieler. Nun müssen wir aber auch mal zusehen, dass wir wie in den 90er Jahren wieder Weltstars hervorbringen. Das ist das Ziel des deutschen Fussballs. Zurzeit leben wir mehr vom Mannschaftsgeist. Wir haben sehr gute Spieler, aber diese Ausnahmespieler, wie eben erwähnt, sind zurzeit nicht bei uns in der Mannschaft.
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