Rafael Márquez ist Mexikos bekanntester Nationalspieler. Seit nunmehr sechs Jahren trägt der Defensivspezialist, der als einer der besten Verteidiger der Welt gilt, die Kapitänsbinde der Tricolor. Zudem zählt der Abwehrstratege seit der Saison 2003/04 zu den wichtigsten Stützen des spanischen Spitzenklubs FC Barcelona.
In jüngster Zeit sah sich der Topspieler jedoch mit herber Kritik wegen einer Roten Karte konfrontiert, die er sich im Qualifikationsspiel für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™ gegen die USA eingehandelt hatte. Im Exklusiv-Interview mit FIFA.com sprach der mexikanische Nationalverteidiger sowohl über seinen Platzverweis als auch über die aktuelle Situation der mexikanischen Nationalmannschaft.
Rafael Márquez, warum haben Sie sich entschlossen, Ihr Schweigen zu brechen?
Weil ich der Meinung bin, dass der richtige Moment dafür gekommen ist. Erstens konnte ich in dieser Woche nicht wie ursprünglich geplant nach Mexiko reisen, denn ich bin ja für ein WM-Qualifikationsspiel gesperrt. Trotzdem wäre ich gern vor Ort gewesen, um meinen Mannschaftskameraden wenigstens moralische Unterstützung zu leisten. Überdies empfinde ich es als ungerecht, dass man jetzt versucht, mich für die bislang eher schlechte Bilanz in der WM-Qualifikation verantwortlich zu machen. Nach meiner Auffassung liegen die Ursachen für die aktuelle Krise im mexikanischen Fussball viel tiefer. Es ist eine Tatsache, dass unser Fussball derzeit stagniert. Gerade deshalb meine ich, dass es nach all dem, was wir zuletzt erlebt haben, an der Zeit war, sich zu Wort zu melden. Denn so wie jetzt kann es nicht weitergehen, sonst werden alle Beteiligten darunter leiden müssen.
Könnten Sie das etwas näher erläutern?
In letzter Zeit haben viele Faktoren auf uns eingewirkt, was übrigens auch heute noch der Fall ist. Daher gilt es, all diese Dinge zu analysieren, um erst einmal festzustellen, woher das Ganze überhaupt kommt. Ich persönlich habe mitunter den Eindruck, dass wir uns schon fast selbst schaden. Mit 'uns' meine ich das gesamte Umfeld um den mexikanischen Fussball herum. Und natürlich auch die Medien, die, wenn auch nicht alle, eine regelrechte Jagd nach auflagenträchtigen Schlagzeilen entfacht haben und in ihrer Sensationsgier all jene, die in der einen oder anderen Weise mit unserer Nationalmannschaft in Verbindung stehen, in Misskredit bringen.
Welche Rolle kommt in dieser Situation den Nationalspielern zu?
Manchmal habe ich das Gefühl, dass man uns im Stich lässt. Andererseits bin ich der festen Überzeugung, dass es gerade unsere Verantwortung als Nationalspieler ist, auf dem bisher Erreichten aufzubauen und beharrlich weiter an uns zu arbeiten. Und wir wissen auch, dass wir uns keinen Fehltritt mehr leisten dürfen. Daher müssen wir alles daran setzen, die WM-Qualifikation zu schaffen. Wir sollten nicht vergessen, dass die letzte Qualifikationsrunde gerade erst begonnen hat. Wichtig ist, dass wir unsere Möglichkeiten voll ausschöpfen und so spielen, dass vorhandene Schwachpunkte durch unsere Stärken kompensiert werden.
Wie fühlen Sie sich heute, einen Monat nach Ihrem Platzverweis in der Partie gegen die USA?
Jetzt bin ich schon ruhiger. Die ersten Tage danach waren die schwersten, denn ich hatte einen Fehler begegangen, über den ich immer und immer wieder nachdenken musste und aus dem ich inzwischen gelernt habe. Im Moment konzentriere ich mich auf meine Aufgaben im Klub. Meine Form ist gut, und Barça liegt noch in drei Wettbewerben aussichtsreich im Rennen. Natürlich bleibt die Enttäuschung darüber, dass ich im nächsten WM-Qualifikationsspiel nicht dabei sein werde. Vor allem auch deshalb, weil ich trotz meiner Rot-Sperre um eine Reiseerlaubnis gebeten hatte, die jedoch nicht erteilt wurde.
In Mexiko wurden zuletzt Gerüchte laut, wonach die Nationalmannschaft für Sie keine absolute Priorität mehr habe...
Die Leute, die das behaupten, kennen mich überhaupt nicht. Die wissen gar nicht, was es heißt, für die Farben seines Landes zu spielen. Wenn es so wäre, wie sie sagen, hätte ich mich schon vor Jahren aus unserem Nationalteam zurückziehen können. Nein, ich betrachte es nach wie vor als eine große Ehre, im Nationaltrikot aufzulaufen und die Farben meines Heimatlandes zu repräsentieren. Ich habe in allen mexikanischen Auswahlteams gespielt und mein Land bereits im Jugend- und Juniorenbereich international vertreten. Jedenfalls werde ich Mexiko nie meine Dienste versagen, gar keine Frage. Sicher, ich habe einen Fehler gemacht. Einer meiner Schwachpunkte ist der, dass ich auf dem Platz ziemlich aggressiv bin. Leider verliere ich dabei manchmal nicht nur die Geduld, sondern auch die Kontrolle über mich selbst. Gleichzeitig bin ich aber auch lernfähig, was mich wiederum in die Lage versetzt, überschüssige Energie auch wieder abzubauen. Eben weil das so ist, stört mich das Gerede über mich nicht sonderlich, denn es stammt von Leuten, die vom Fussball keine Ahnung haben.
Derzeit stehen mehrere mexikanische Nationalspieler bei europäischen Klubs unter Vertrag. Ist das für die Tri von Vorteil?
Jahrelang wurde in Mexiko gefordert, unsere Nationalspieler bei ausländischen Klubs Erfahrungen sammeln zu lassen. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe mexikanischer Nationalspieler, die im Ausland aktiv sind. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist die, dass damit die allgemeinen Bedingungen für unsere Nationalspieler nicht unbedingt besser wurden. Hier besteht durchaus Nachholbedarf. Ich denke dabei vor allem an organisatorische Details, zum Beispiel die Reisestrapazen, die wir bei der Anreise zu Länderspielen auf dem amerikanischen Kontinent in Kauf nehmen müssen. Da sind jedes Mal etliche Zwischenstopps erforderlich, um an das jeweilige Ziel zu gelangen. Das geht dann zu Lasten der körperlichen Fitness. Ich frage mich, ob man das wirklich nicht anders regeln könnte. Wie gesagt, es sind im Prinzip nur kleinere Probleme organisatorischer Art. Letztlich kann aber gerade das zu einer wichtigen Frage werden.
Wird Mexiko trotzdem in Südafrika 2010 mit von der Partie sein?
Da habe ich keinerlei Zweifel, ganz klar ja. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir uns für das nächste FIFA WM-Turnier qualifizieren werden. Dazu müssen wir in erster Linie das vorhandene Potenzial nutzen, denn wir verfügen mittlerweile über einen wachsenden Bestand an jungen und talentierten Spielern, die ihrerseits von den Erfahrungen der Routiniers profitieren.
Demnach wird die heutige Mannschaft von Nationaltrainer Sven-Göran Eriksson die WM-Qualifikation erfolgreich meistern?
Es ist einzig und allein an uns, die WM-Qualifikation zu schaffen. Da gibt es keinen Zweifel.
Wie schätzen Sie Costa Rica, den nächsten Gegner der mexikanischen Nationalmannschaft, ein?
Gegen Costa Rica haben wir noch nie leichtes Spiel gehabt. Die Ticos sind für uns ein überaus ernst zu nehmender Rivale. Denken wir nur an das Jahr 2001, als sie uns im Azteken-Stadion besiegen konnten. Dennoch sind wir vor heimischem Publikum immer noch eine Macht. Von costa-ricanischer Seite war zwar zu hören, dass sie uns erneut schlagen würden. Aber ehrlich gesagt scheint es mir so gut wie unmöglich, dass wir ausgerechnet bei diesem Heimspiel den Kürzeren ziehen sollen.
Welche Botschaft möchten Sie an die mexikanischen Fans richten?
Dass sie uns weiter vertrauen sollen, zumal wir derzeit dringender denn je auf ihre Unterstützung angewiesen sind. Zudem möchte ich sie bitten, sich nicht zu sehr von der aktuellen Stimmungsmache seitens der Medien anstecken zu lassen. Ich weiß, dass wir in Mexiko eine wunderbare Fangemeinde hinter uns haben, die im Azteken-Stadion stets voll auf unserer Seite steht.
Hätten Sie für uns noch ein persönliches Schlusswort parat?
Ja natürlich. Obwohl ich hier und heute nicht versprechen kann, dass ich nie wieder vom Platz gestellt werde, kann ich zumindest versichern, dass ich künftig alles in meinen Kräften stehende tun werde, um Mexiko nicht noch einmal wegen einer Roten Karte zu fehlen. Ich habe eine schmerzliche Erfahrung machen müssen und daraus gelernt. Das allein war schwer genug. Aber es hat auch bewirkt, dass ich mir fest vorgenommen habe, so etwas in Zukunft möglichst zu vermeiden.
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