FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™

14 Juni - 15 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2018™

Nepomnyashchy: "Milla gehört zu den Besten aller Zeiten"

© Getty Images

Bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Italien 1990™ sorgte der afrikanische Fussball für Schlagzeilen. So erreichte Kamerun unter dem unerfahrenen russischen Trainer Valery Nepomnyashchy als erstes afrikanisches Team das Viertelfinale des wichtigsten Fussball-Turniers der Welt. Die Unzähmbaren Löwen sorgten gleich in ihrem Auftaktspiel mit einem 1:0-Sieg gegen Titelverteidiger Argentinien für eine echte Sensation. Die Westafrikaner stießen dann mit einem beeindruckenden Lauf bis ins Viertelfinale vor, in dem Gary Lineker mit seinen Treffern vom Elfmeterpunkt den Engländern einen 3:2-Sieg schenkte.

Der heute 72-jährige Nepomnyashchy ist immer noch im Fussball aktiv, nämlich als Trainer des sibirischen Klubs FC Tom Tomsk, mit dem er den Wiederaufstieg in die russische Premijer Liga schaffen will. Nepomnyashchy erinnert sich noch an Italien 1990, als wäre es gestern gewesen. In einem Exklusiv-Interview mit FIFA.com sagte der russische Trainer-Routinier kürzlich: "Ich hatte das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Um mich herum hatte ich ein Team mit erstklassigen Spielern. Ich musste nur noch ihr ganzes Potenzial zur Entfaltung bringen."

*Wie sehr mussten Sie sich anpassen, als Sie zum ersten Mal nach Kamerun kamen?
*
Ehrlich gesagt war ich am Anfang von der kamerunischen Mentalität regelrecht schockiert. Ich hatte eine strenge sowjetische Erziehung hinter mir und konnte mir so viele desorganisierte Leute gar nicht vorstellen. Alle sagten mir immer, man werde sich "morgen" um ein bestimmtes Problem kümmern. Wann morgen? Um welche Uhrzeit? Ich war es überhaupt nicht gewöhnt, dass es nie irgendwelche festen Planungen gab.

*Sie konnten damals kein Französisch. Wer hat denn für Sie übersetzt?
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Mein Dolmetscher war ein junger Mann namens Galius, der allerdings leider nie richtig russisch gelernt hatte. Früher einmal hatte er mit dem russischen Boxer Stanislav Stepashkin trainiert und ein paar Wörter aufgeschnappt, das war alles! Sein Russisch war nicht besser als mein Französisch! Außerdem war er ein wirklich sehr leidenschaftlicher Fan. Wenn ich während eines Spieles Anweisungen an meine Spieler übermitteln wollte, musste ich ihm regelrecht einen Fußtritt versetzen, damit er in die Gänge kam. Galius war völlig vertieft in das Spiel und saß mit weit aufgerissenen Augen da. Ich rief nach ihm, so laut ich nur konnte, aber er hörte mich nicht einmal.

Roger Milla der in Italien vier Tore schoss, war erst im letzten Moment in den Kader geholt worden.* **Welche Rolle haben Sie bei der Entscheidung gespielt, ihn im Alter von 38 Jahren wieder in die Nationalmannschaft zu holen?
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Ich spielte dabei nur eine minimale Rolle. Nach Kameruns schwachen Leistungen beim CAF Afrikanischen Nationen-Pokal 1990 schrieb die Presse immer wieder, wie gut es doch wäre, Roger Milla wieder ins Team zu holen und den Trainer auszutauschen. Vor der WM wurde ich dann im Trainingslager in Jugoslawien informiert, dass der Präsident im Namen des Landes angefragt hatte, ob Milla in Italien spielen könnte. Ich sagte dass ich da keine Probleme erwartete und so wurde er eingeflogen und am nächsten Tag absolvierten wir ein Trainingsspiel. Er kam 20 Minuten vor Schluss für die B-Mannschaft aufs Feld. Gleich bei seinem ersten Ballkontakt kontrollierte er die Kugel perfekt, ließ zwei Verteidiger aussteigen und schoss den Ball in die Maschen. Ich rief ihn zu mir und sagte ihm, er bräuchte nicht weiter zu spielen, weil er mir schon alles gezeigt hatte, was ich sehen wollte. Aber er spielte trotzdem bis zum Ende durch. Ich habe lediglich eine Planung mit Roger aufgestellt, wie wir ihn auf das Turnier vorbereiten und wie wir ihn einsetzen wollten. Ich sagte ihm, er könne nicht in der ersten Halbzeit gegen frische Verteidiger spielen, denn dann wäre er nach 15 bis 20 Minuten total platt. Und er antwortete: ‘Klar, Trainer, ich mache alles, was Sie sagen.’

Das Spiel gegen Argentinien ging als eine der größten Überraschungen in die WM-Geschichte ein.* **Wann wurde Ihnen klar, dass Sie den Weltmeister mit Superstar Diego Maradona besiegen konnten?
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Wir bekamen ein Video der letzten 15 Minuten des Abschlusstrainings der Argentinier in die Hände. Die Spieler erkannten sofort, dass Maradona und die anderen Stars das sehr locker nahmen. Das zeigte den Kamerunern, dass die Argentinier ihnen nicht den nötigen Respekt entgegen brachten. Und so haben wir beschlossen, so rustikal wie möglich zu spielen.

Das Spiel entwickelte sich dann zu einem echten Kampf, in dem zwei Ihrer Spieler vom Feld flogen. *War das auf Ihren Einfluss zurückzuführen?
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Ja, das stimmt. Ich habe den Spielern erklärt, dass die Argentinier das Finale erreichen wollten und sich daher auf sieben Spiele einstellten. Daher würden sie es im ersten Spiel vermutlich etwas ruhiger angehen lassen. Als wir dann aber die Panik in ihren Augen sahen, wussten wir, dass wir gewinnen können. Und selbst als wir nur noch zu neunt waren, sind wir nicht in Panik verfallen.

Der 2:1-Sieg im Achtelfinale gegen Kolumbien ist vor allem wegen des Tores von Roger Milla in Erinnerung geblieben, der einen Fehler von Torhüter Rene Higuita beim Herauslaufen aus dem Strafraum nutzte.* **Hatten Sie sich darauf vorbereitet, dass der kolumbianische Torhüter so etwas machen würde?
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Sie werden es vielleicht nicht glauben, aber vor dem Spiel sagte Roger zu mir: 'Dem Typen werde ich es zeigen.’ Er kannte Higuitas Spielweise und wartete geduldig auf die richtige Gelegenheit. Das beweist einmal mehr, was Roger für ein fussballerisches Genie war. Ich persönlich rechne ihn zu den besten Fussballern aller Zeiten.

Im Viertelfinale standen Sie kurz vor einem Sieg gegen England.* **Was hat Kamerun in diesem Spiel gefehlt?
*
Die Enttäuschung über dieses Spiel wird mich auch noch den Rest meines Lebens begleiten. Es fühlt sich an, wie ein Dolch in meinem Herzen. Ich denke, das war mein Fehler, denn es ist mir nicht gelungen, den Spielern zu vermitteln, dass wir umstellen mussten und nicht mehr mit Mann und Maus angreifen durften, als wir 2:1 in Führung lagen. Kamerunische Spieler wollen immer angreifen; Verteidigen liegt ihnen nicht so sehr. Unsere Innenverteidiger waren beide nicht sonderlich schnell und das hat Lineker zwei Mal ausgenutzt. Wir hätten den Impuls zum Offensivspiel unterdrücken und besser verteidigen müssen.

Senegal konnte 2002 den Erfolg Kameruns wiederholen, ebenso Ghana 2010. Doch noch nie ist ein afrikanisches Team noch eine Runde weiter, also bis ins Halbfinale, gekommen.* **Wie erklären Sie sich das?
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Es ist keine Frage, dass afrikanische Spieler sehr talentiert sind. Ich will nicht prahlen, doch in meinem Team standen damals elf Profis und nur einer spielte in einer europäischen Topliga. Der Rest waren Amateure. Seitdem hat sich das Niveau afrikanischer Spieler enorm verbessert. Heute spielen sie überall. Und trotzdem fehlt noch etwas, und das ist wohl die Disziplin.

*War Kameruns Erfolg in Italien ein Wunder?
*
Nein, das war kein Wunder. Das Potenzial der afrikanischen Teams ist größer als die bisher erreichten Resultate.

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