FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™

14 Juni - 15 Juli

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Lahm: "Jogginghose und Couch hört sich sehr gut an"

Deutschlands Weltmeister-Kapitän Philipp Lahm dürfte derzeit in vielfacher Hinsicht richtig guter Laune sein. Das liegt unter anderem daran, dass er nach einer fast viermonatigen Verletzungspause am vergangenen Samstag sein Comeback gab, als er beim 4:0-Erfolg des FC Bayern München bei Werder Bremen acht Minuten vor dem Ende eingewechselt wurde. Im November hatte er sich im Training den Knöchel gebrochen. "Ich hatte keinerlei Probleme mehr, fühle mich wirklich gut. Jetzt brauche ich noch ein paar Trainingseinheiten, dann bin ich auch wieder bei 100 Prozent", gab er anschließend zufrieden zu Protokoll.

Ein weiterer Grund seiner guten Laune sind die Leistungen der Münchener Teamkollegen, die in seiner Abwesenheit der Bundesliga-Konkurrenz um elf Punkte enteilt ist. Dazu gelang ohne ihn der Einzug ins Viertelfinale der UEFA Champions League bzw. des DFB-Pokals.

Rechtzeitig zum Saison-Endspurt kehrt Lahm nun wieder in das hochkarätig bestückte Ensemble des Rekordmeisters zurück – eine Tatsache, die bei den Gegnern keineswegs Freudensprünge auslösen dürfte, schließlich agiert der 31-Jährige seit einer Ewigkeit in der Abwehr bzw. im Mittelfeld auf Weltklasse-Niveau.

Ob Deutscher Meister, Pokalsieger, UEFA Champions-League-Sieger, FIFA Klub-Weltmeister oder eben seit letztem Sommer FIFA Weltmeister – nur wenige deutsche Spieler können einen solche Trophäensammlung vorweisen. Und noch hat Lahm nicht genug, auch wenn er nach dem WM-Triumph von Brasilien seinen Rücktritt aus dem Nationalteam (113 Länderspiele, fünf Tore) bekanntgab. Mit FIFA.com lässt Lahm die letzten Monate Revue passieren und blickt voller Tatendrang in die Zukunft.

Herr Lahm, Sie haben Deutschland als Kapitän zum vierten WM-Titel geführt. Wann war Ihnen das erste Mal bewusst, dass Sie es schaffen werden?
Im Endeffekt ist man sich dieser Sache erst bewusst, wenn es soweit ist und der Schlusspfiff ertönt, weil dann die Sicherheit da ist. Vorher? Ich hatte nach der Europameisterschaft 2012 schon in einem Interview gesagt, unser Ziel müsse es sein, Weltmeister zu werden. Wenn man immer so nahe dran ist, dann will man irgendwann den Pokal in den Händen halten. Ich habe immer daran geglaubt, aber es gibt keine Garantie dafür.

* Aber gab es diesen einen Moment, bei dem Sie gemerkt haben, jetzt ist man reif für den Titel? *Es gab nicht diesen einen Moment, sondern es war eine Entwicklung, die diese Mannschaft über mehrere Jahre genommen hat. Als man zum Beispiel 2006 gegen Italien im Halbfinale ausgeschieden ist, hat man gemerkt, Italien ist bereit, den Titel zu gewinnen. Danach war es Spanien, gegen die man dann ausgeschieden ist. Und auch da hat man gemerkt, das ist die Mannschaft, die Weltmeister beziehungsweise Europameister wird. Diesmal hatten wir schon den Glauben, weil wir über mehrere Jahre gereift sind und weil wir die Erfahrung und durch die verlorenen Spiele auch den Zusammenhalt hatten.

*Die Italiener hatten bestimmte Merkmale, die sie erfolgreich gemacht haben. Die Spanier hatten ihren eigenen Stil und prägten damit sogar eine Ära. Welche Merkmale machen die deutsche Weltmeister-Mannschaft von 2014 so besonders? *Insbesondere die Geschlossenheit der Mannschaft. Das Team, das nicht nur die 23 Spieler betrifft, sondern alle, die drumherum sind. Ich glaube, das hat man immer gemerkt. Das war der große Trumpf, den wir hatten. Dazu gehört aber immer große Qualität, und auch die hatten wir in unserem Kader. Ich denke, dass sich wirklich jeder Spieler von der Nummer eins bis zur Nummer 23 in den Dienst der Mannschaft gestellt hat. Und das ist sehr, sehr wichtig bei so einem Turnier.

*2010 überraschte Deutschland mit einem sehr offensiven, attraktiven Spielstil. Könnte man sagen, dass man 2014 einen Mix aus den alten Tugenden und den neu hinzugewonnenen gefunden hat? Und dieser dann den Erfolg ausmachte? *Definitiv! Ich glaube schon, es war der Mix, der uns ausgemacht hat bei diesem Turnier. Wir konnten offensiv spielen und haben auch gerne früh attackiert. Wir hatten dann aber auch Phasen im Spiel, in denen wir uns zurückgezogen haben und mehr auf Konter agierten. Ich denke schon, dass wir eine gute Mischung hatten und dass die Spieler auch viel Erfahrung gesammelt hatten in den letzten Jahren im internationalen Vergleich. Das heißt auch in der [UEFA] Champions League, die wir mit den Bayern gewonnen haben.

*Sie waren der Kapitän. Damit hatten Sie unter anderem auch die Aufgabe, die Spieler über viele Wochen hinweg zusammenzuschweißen. Hat Ihnen das Spaß gemacht? *Ja, *absolut! *[lacht] *Sowas macht immer Spaß. Wenn das einem keinen Spaß macht, glaube ich, muss man dieses Amt auch ablegen. Dann sage ich: 'Danke, ich mache lieber etwas anderes!' Aber mir hat es riesigen Spaß gemacht. Es ist nicht immer einfach. Es ist teilweise viel Arbeit, weil ich dafür viel investiere. Ich wusste, es wird mein letztes Turnier sein, und deswegen habe ich noch umso mehr investiert. Aber es hat Riesenspaß gemacht. Wenn am Ende der Weltmeisterschafts-Titel rausspringt, dann macht man so etwas liebend gerne [grinst].*

*Gab es Momente, bei denen Sie intervenieren oder jemanden anstoßen mussten? *Nein! In erster Linie muss man sagen, dass wir eine Mannschaft hatten, die top gearbeitet und auf dem Trainingsplatz, aber auch außerhalb, gut harmonierte. Das Camp hat sicherlich viele positive Dinge gehabt. Ich weiß noch, als wir am ersten Tag ankamen, haben wir sofort einen Rundlauf an der Tischtennisplatte gestartet. Ich glaube, wir waren 15 Spieler. Aber das habe nicht ich organisiert. Es gibt viele kleine Sachen, die man als Kapitän macht. Vielleicht auch mal einen im Vorbeigehen aufmuntern.

Und wer war der Tischtennis-Champ der deutschen Fussball-Nationalmannschaft?
*[lacht] *Ach, da haben so viele gespielt. Ich glaube, die Spiele sind auch alle verschieden ausgegangen.

*Beim knappen Achtelfinalsieg gegen Algerien wechselten Sie aus dem zentralen defensiven Mittelfeld zurück auf die Position des Rechtsverteidigers und blieben dann auch für den Rest des Turniers dort. Eine schwierige Situation? *Nein, überhaupt nicht! Für mich war das ganze Turnier einfach schön. Traumhaft! Ich glaube, wir haben alle zusammen immer die richtigen Entscheidungen getroffen. Wir hatten am Anfang des Turniers einige angeschlagene Spieler, und ich habe immer gesagt, ich werde mich in den Dienst der Mannschaft stellen und dort spielen, wo der Trainer denkt, dass ich für das Team am wertvollsten bin. Das habe ich meine ganze Karriere lang betont und so war es jetzt auch. Im Nachhinein muss man einfach nur sagen, dass wir alles richtig gemacht haben.

Sie durften diesen bewundernswerten Moment genießen, als Erster die Trophäe im Maracanã hochzustemmen. War Ihnen in diesem Moment bewusst, dass gerade etwas Legendäres geschieht, bei dem die ganze Welt zuschaut?
Nein, nicht wirklich! Ich gehe ein bisschen weg von diesem 'den Pokal hochheben'. Abpfiff, zusammen jubeln, die Treppe hochzugehen, eine Medaille bekommen, den Pokal hochstrecken im Maracanã, was sicher etwas Besonderes ist, danach wieder runtergehen, zusammen ein Foto machen, wieder feiern. Das alles zusammen ist einmalig. Das weiß man auch in dem Moment. Aber man ist sich nicht dessen bewusst, dass jetzt Millionen Menschen zuschauen. Sondern eher in die Richtung: 'Jetzt haben wir etwas Besonderes geschafft'. Für mich war es einfach etwas Schönes. Die Stunde war einfach top!

Danach haben Sie Ihre Entscheidung mitgeteilt, aus der Nationalmannschaft zurückzutreten. Gibt es nicht auch die eine oder andere Situation, die Sie jetzt vermissen? *[überlegt] *Im Grunde nein. Das Einzige, was ich vermisse, ist, die Leute zu sehen. Nicht die Spieler, sondern auch den Betreuerstab. Und das ist schade, weil man in dem Moment, in dem man zurücktritt, weiß, dass man viele sehr, sehr selten, manche vielleicht sogar gar nicht mehr sieht. Das ist schade, weil mir das immer sehr viel Spaß gemacht hat und die Betreuer immer super waren. Ich war zehn Jahre da, ich habe mich so wohl gefühlt und hatte wirklich zu vielen Betreuern auch einen engen Kontakt. Das ist so das Einzige. Aber ich habe ja die Möglichkeit, mal wieder vorbeizuschauen. Deswegen geht’s mir im Grunde absolut gut und es war für mich einfach die richtige Entscheidung.

*Wofür haben Sie denn jetzt mehr Zeit, was Sie vorher nicht machen konnten? *Ganz klar, für die Familie. Ich habe eine Frau zuhause, wir haben einen Sohn. Und das ist schon was Schönes, dann mal öfters zuhause zu sein. Vor allem in der Hinrunde, drei Qualifikationsspiele, die dreimal zehn Tage sind. Aber es geht nicht immer nur um die Zeit. Ich hatte einfach schöne Jahre in der Nationalmannschaft, und irgendwann muss man den Absprung schaffen. Das muss man erkennen und das war für mich genau der richtige Zeitpunkt. Dass das Ende dann mit dem gewonnenen WM-Titel einhergeht, war vielleicht Glück, das mir so zugeflogen ist, weil ich ja weit vorher schon für mich die Entscheidung getroffen hatte.

Wie kann man sich Philipp Lahm jetzt während eines Länderspiels der deutschen Nationalmannschaft vorstellen? In der Jogginghose auf der Couch? *[lacht] *Jogginghose und Couch hört sich sehr gut an. Ja, so in die Richtung! Ich bin keiner, der sich das unbedingt alleine anschauen muss, sondern gerne auch mit anderen. Und das ist auch meistens der Fall. Schön Fussball anschauen, einen gemütlichen Abend zuhause haben, den Jungs die Daumen drücken. Das ist etwas Schönes!

*Sie haben sowohl mit der Nationalmannschaft als auch auf Vereinsebene die höchsten Titel gewonnen. Wie schwer fällt es Ihnen jetzt, den Fokus noch mal zu schärfen und sich Ziele zu setzen? Und vor allem, welche Ziele? *Ich finde das relativ einfach. Das hat man auch in dieser Saison wieder gesehen, wie es unseren Spielern bei Bayern München gelungen ist, den Schwung von der Weltmeisterschaft mitzunehmen in die Saison. Man ist Leistungssportler, man ist motiviert, und man will die größten Ziele erreichen. Wir haben es zwar schon mal geschafft, aber wir wollen es wiederholen. Man will das noch mal erleben. Bei uns bedeutet das natürlich, Meister und Pokalsieger zu werden, das steht außer Frage. Aber unser großes Ziel ist es, noch einmal die Champions League zu gewinnen. Das wäre noch mal ein Traum.

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