FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™

12 Juni - 13 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™

Ghiggia: "Der Fussball ist wie eine Braut für mich"

  • ​FIFA unterhielt sich kurz vor seinem Tode mit Alcides Ghiggia
  • Er sprach über sein Mitleid für die untröstlichen Brasilianer
  • Ghiggia erhielt danach eine Menge Zuneigung

"Nur drei Menschen haben je das Maracana zum Schweigen gebracht: der Papst, Frank Sinatra und ich", grinste Alcides Ghiggia als er bei der Endrundenauslosung zur FIFA Fussball-WM Brasilien 2014™ mit FIFA.com sprach. Es war kurz vor seinem 88. Geburtstag - mit diesem Alter sollte er dann auch sterben - und er war zurück in jenem Land, das er in tiefe Trauer gestürzt hatte - dennoch liebten die Brasilianer den ehemaligen Flügelspieler.

Im Interview sprach Ghiggia über das Tor, mit dem Uruguay Weltmeister wurde, sein Mitleid gegenüber den Brasilianern, ihre Zuneigung danach, warum seine Frau ihm verbot, sich die Audio-Übertragung zum WM-Endspiel 1950 anzuhören und seine tiefe Liebe für den Fussball.

Würden Sie diese entscheidende Partie der WM 1950 als größte Heldentat aller Zeiten betrachten? Es war auf jeden Fall eine Heldentat, weil in der WM-Geschichte zuvor noch nie eine Heimmannschaft das Entscheidungsspiel verloren hatte. Es war das erste Mal. Und außerdem hatte ich noch das Glück, ein Tor zu erzielen. Ich sage immer, dass es im Laufe der Geschichte drei Personen geschafft haben, das Maracanã zum Schweigen zu bringen: der Papst, Frank Sinatra und ich. Das Stadion ist verstummt, es war nichts mehr zu hören.

Seitdem sind 64 Jahre vergangen. Erinnern Sie sich noch an Ihr Tor als sei heute der 16. Juli 1950?
Na klar. Der Torhüter Barbosa dachte, dass ich genauso spielen würde, wie beim ersten Tor, als ich nach hinten abspielte. Daher kam er heraus und ließ eine Lücke. Ich musste mitten im Lauf innerhalb von Sekunden entscheiden, was zu tun war. Ich zog ab, und der Ball schlug zwischen Pfosten und Torhüter ein. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich an meine Familie, meine Freunde gedacht habe... an die Umarmung meiner Teamkameraden. Ich hatte meinem Land eine Freude gemacht, aber gleichzeitig Brasilien in Trauer gestürzt.

Wie sah es nach dem Abpfiff auf den Tribünen aus?
Man sah die Leute weinen. Trotz der Freude über den Sieg in dieser Partie überkam einen eine Traurigkeit, wenn man auf die Tribünen blickte. Die Leute weinten voller Verzweiflung, wissen Sie? Aber so ist das nun einmal im Fussball. Man gewinnt und verliert. In Brasilien dachte man vor dem Spiel, man hätte den Sieg schon in der Tasche. In den Zeitungen stand bereits zu lesen: "Weltmeister Brasilien", nur das Ergebnis hatten sie noch nicht abgedruckt. Aber dieser Schuss ging nach hinten los [lächelt].

Es ranken sich viele Legenden um diese Partie. Unter anderem heißt es, der Mannschaftskapitän Obdulio Varela habe Sie alle mit dem Ausspruch motiviert, Außenstehende hätten nichts zu sagen. War das wirklich so?
Das kam, weil drei Funktionäre Uruguays am Samstagabend mit Obdulio, [Roque] Máspoli und [Schubert] Gambetta sprachen, den ältesten und erfahrensten Spielern im Team. Sie sagten ihnen, dass wir unser Ziel bereits erreicht hätten. Dass wir versuchen sollten, auf dem Spielfeld gut mitzuhalten, dass wir auch zufrieden sein könnten, wenn wir am Ende drei oder vier Tore kassierten. Das erfuhren wir auf dem Weg zum Platz. Obdulio hielt uns kurz auf, erklärte uns, was passiert war und sagte dann diesen Satz.

Außerdem wird erzählt, einige Spieler hätten sich nach der Partie betrunken und den Brasilianern in ihrer Trauer Gesellschaft geleistet. Gab es so etwas?
Das war auch Obdulio. Er ging in eine Bar, um die Ecke vom Hotel, um ein Bier zu trinken. Die Brasilianer erkannten ihn. Sie umarmten ihn sogar und brachen in Tränen aus. Davon hat er uns später berichtet. Und dann hat er noch zu mir gesagt: 'Hör mal, ich habe nichts bezahlt' [lacht].

Wie wichtig war Obdulio Varela in dieser Mannschaft?
Er war ein sehr ernster Kapitän. Wir Jüngeren duzten ihn nicht. Wir sagten 'Sie' und 'Señor Obdulio'. Und auf dem Platz war er ein Trainer, eine Führungspersönlichkeit. Er war sehr nett und mit allen Spielern gut Freund.

Am 20. November letzten Jahres wurden Sie vor dem Qualifikationsspiel gegen Jordanien im Estadio Centenario geehrt. Empfinden Sie das als Akt der Gerechtigkeit für sich selbst und Ihre Teamkameraden?
Ja, auf jeden Fall. In meinem Land hat man die Ereignisse des Jahres 1950 vielleicht ein oder zwei Jahre lang intensiv erlebt, aber dann traten sie langsam in den Hintergrund. Manchmal ist das einzige, was bleibt, die Erinnerung der Menschen. Die jungen Leute, die diese Zeit nicht miterlebt haben, die Geschichte aber von einem Vater oder Onkel kennen. Sie ist ein Anreiz für die Zukunft, aber man kann nicht von der Erinnerung leben. [Die Zeremonie] war sehr schön und bewegend, weil das Tor noch einmal am Großbildschirm gezeigt wurde und die Leute es feiern konnten. So etwas wurde in Uruguay zum ersten Mal gemacht. Ich bin viel durch die Welt gereist, und habe dort mehr Anerkennung erfahren als im eigenen Land. Deshalb war das eine große Freude.

Hatten Sie das Tor zuvor lange Zeit nicht mehr gesehen?
Zu Hause habe ich drei Audio-CDs mit dem Tor, mit den Berichten der drei uruguayischen Kommentatoren, die es damals gab. Aber meine Frau lässt sie mich nicht anschauen, weil sie meint, dass mich das zu sehr bewegt. Und ich sage dann: 'Was willst du? Früher war ich jung. Ich habe eine Weltmeisterschaft gewonnen, ein Tor erzielt, ein Mordsding. Aber im Laufe der Jahre kommen eben mehr Gefühle hoch.' Dann wird man traurig, wissen Sie? Da bekommt man Tränen in den Augen.

Wie wird die Fussballwelt den Spieler Ghiggia Ihrer Meinung nach in Erinnerung behalten?
Auf unterschiedliche Weise. Man erinnert sich als Held an mich, man nennt mich 'Maestro'. Ich sage den Leuten dann immer, dass ich kein 'Maestro' bin, ich bin ein Mensch wie alle anderen. Ich hatte das Glück, Fussball spielen zu können und im entscheidenden Spiel der Weltmeisterschaft ein Tor zu schießen - nicht mehr und nicht weniger. Ich bin kein Wesen von einem anderen Stern. Aber da kann man nichts machen. Die Leute bewundern einen, umarmen einen... das ist schön, ein schönes Gefühl.

Welche Bedeutung hat der Ball in Ihrem Leben?
Er ist wie eine Braut, die du einmal siehst und dann heiratest. Das bedeutet er für mich. Man muss ihn gut kennen, gut mit ihm umgehen können. Und man weiß ihn zu schätzen.

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