Die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ ist das größte Sport-Spektakel der Welt und für Fussballer aus allen Teilen der Erde das höchste aller Ziele. Doch bevor die internationale Elite überhaupt zur WM antreten kann, werden oftmals wahre Schlachten geschlagen, um überhaupt dabei sein zu dürfen. Während die Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™ in vollem Gange ist, blickt FIFA.com zurück auf individuelle Glanzleistungen und unvergessliche Partien aus früheren Qualifikationsrunden.

Heute schauen wir auf einen Tag im Oktober 1973, eine Zeit also, in der Englands Gewinn des WM-Titels von 1966 noch gar nicht so lange her war. Die Engländer benötigten in ihrem letzten Qualifikationsspiel gegen Polen unbedingt einen Sieg, um den Sprung zur Endrunde in der Bundesrepublik Deutschland 1974 zu schaffen.

Das Geschehen
17. Oktober 1973, Wembley-Stadion, London
England - Polen 1:1

Torschützen: England (Clarke, 63. Elfm); Polen (Domarski, 55.)
England: Shilton, Madeley, Hughes, Bell, McFarland, Hunter, Currie, Channon, Chivers (Hector 85.), Clarke, Martin Peters (K)
Polen: Tomaszewski, Szymanowski, Gorgon, Musial, Bulzacki, Kasperczak, Lato, Cmikiewicz, Denya (K), Domarski, Gadocha

Die Kulisse
England war mit einem 1:0-Sieg gegen Wales, das dritte Team in der Dreiergruppe 5, in die Qualifikation gestartet. Im Rückspiel in London waren die Engländer indes nicht über ein 1:1-Unentschieden hinaus gekommen. Sir Alf Ramsey, der England 1966 zum Titelgewinn geführt hatte, sah sich wachsender Kritik ausgesetzt. Man warf ihm eine zu zögerliche Taktik und ein schlechtes Händchen bei den Einwechslungen vor. Das Auswärtsspiel in Polen hatte England glatt mit 0:2 verloren. Wales und Polen hatten ihre Heimspiele gegeneinander jeweils gewonnen, wobei die Osteuropäer eine bessere Tordifferenz vorweisen konnten. Somit mussten die Engländer gegen Polen unbedingt gewinnen, um sich einen Platz bei der WM-Endrunde in der BR Deutschland zu sichern.

Die respektiertesten Fussballexperten Englands zeigten sich überzeugt, dass England diese Aufgabe ohne Probleme lösen werde. Die Erläuterungen des legendären Trainers Brian Clough im Vorfeld des Spiels genießen bis heute Kultstatus. Er verglich den polnischen Verteidiger Jerzy Gorgon mit einem "Boxer in Fussballstiefeln" und bezeichnete Torhüter Jan Tomaszewski, der mit langen Haaren, gelbem Trikot, roter Hose und weißen Stutzen spielte, als "Zirkusclown mit Handschuhen." Diese spitze Bemerkung sollte Clough und England noch lange Zeit verfolgen...

Die Handlung
Das Tor der Polen stand vom Anpfiff an unter englischer Dauerbelagerung, doch Tomaszewskis akrobatische Glanztaten und die oft schwachen Abschlussversuche der Engländer sorgten dafür, dass bis zur 55. Minute kein Treffer fiel - und dann geschah das Undenkbare: Norman Hunter verlor einen Zweikampf gegen Grzegorz Lato, der auf dem linken Flügel auf und davon ging, während die englische Verteidigung sich erst neu formieren musste. Lato spielte quer auf den sträflich ungedeckten Jan Domarski, der Peter Shilton mit einem Flachschuss überwand.

Als Martin Peters wenige Minuten später bei einem weiteren Vorstoß der Engländer kurz hinter der Strafraumgrenze zu Boden ging, gab es Elfmeter. Clarke ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen und verwandelte den Strafstoß zum Ausgleich. Doch ein Remis reichte nicht für England, und so setzten die Platzherren ihre Angriffe fort. Für Polen ergaben sich allenfalls noch ein paar Konterchancen. Die Statistik spricht eine überdeutliche Sprache: auf die 35 Torschüsse der Engländer kamen gerade einmal zwei der Polen.

Als letzten Versuch, doch noch die Wende herbeizuführen, wechselte Ramsey wenige Minuten vor Schluss Kevin Hector ein, der Martin Chivers ersetzte. Eine derart späte Einwechslung war allerdings sehr ungewöhnlich - es lag schlicht daran, dass Ramseys Uhr stehen geblieben war und er dachte, es wäre noch reichlich Zeit. Trotzdem hätte sich diese Einwechslung fast noch bezahlt gemacht. Doch in den letzten Sekunden der Partie wurde ein Kopfball von Hector gerade noch auf der Linie geklärt. Englands Traum war zerplatzt.

Noch heute denken die Polen mit Wohlwollen an das Spiel in London. Der polnische Verbandspräsident Grzegorz Lato hat die Partie immer noch klar vor Augen. "Ich erinnere mich sehr gut an das Spiel. Nicht nur unser Torhüter Tomaszewski war klasse, auch unsere Defensive war fantastisch. Die letzten drei Minuten waren die längsten meiner Karriere. Jede Sekunde fühlte sich wie eine Stunde an. Die Uhr schien quasi still zu stehen", sagte er exklusiv gegenüber FIFA.com.

Der Star
Der angebliche "Clown" war der große Star des Abends. Tomaszewski zeigte die ungewöhnlichste und gleichzeitig beste Torhüterleistung, die Wembley jemals gesehen hatte. Er hielt alles, was auf seinen Kasten kam, und zeigte dabei immer wieder exzentrische Einlagen, die tatsächlich jedem Zirkusdirektor Freude bereitet hätten. Sportredakteur Frank Keating von der angesehen Tageszeitung "The Guardian" war regelrecht überwältigt und schrieb: "Er warf sich mit Armen, Beinen und allem was er hatte im gesamten Strafraum immer wieder mitten ins Getümmel und wirkte dabei oft schlaksig wie eine Marionette. Und das alles mit einem halb spöttischem, halb überraschten Grinsen im Gesicht, bei dem man denken konnte, das wäre sein allererstes Fussballspiel."

Die Reaktionen
"Ich erinnere mich noch genau an die letzten Worte unseres Trainers [Kazimierz] Gorski vor dem Spiel: Er sagte: 'Du kannst 20 Jahre lang Fussball spielen und tausend Mal für die Nationalmannschaft auflaufen, doch niemand wird sich an dich erinnern. Aber heute Abend, in diesem einen Spiel, hast du die Chance, deinen Namen in die Geschichtsbücher einzutragen.' Er hatte Recht. Das war sicher nicht meine beste Leistung, und ich hatte während des Spiels eine ganze Menge Glück." Jan Tomaszewski (Torhüter, Polen)

"Wir waren in einer verzweifelten Situation, und unter diesen Umständen sind manchmal verzweifelte Maßnahmen nötig. Er [Jerzy Gorgon] hat mich kaum berührt, aber ich ließ mich fallen. Ich habe simuliert. Das war kein Strafstoß, aber der Schiedsrichter hat das nicht so gesehen." Martin Peters (Kapitän, England)

Was geschah danach?
Die Schlagzeilen der Zeitungen am nächsten Tag fielen vernichtend aus. "The Sun" beschrieb das Ergebnis als 'das Ende der Welt', während der "Daily Telegraph" 'Sir Alfs Zukunft hängt in der Schwebe' titelte. Tatsächlich wurde der Nationaltrainer sechs Monate später seiner Aufgaben entbunden und durch Don Revie ersetzt. England verpasste auch die Qualifikation für Argentinien 1978 ganz knapp und musste noch sieben Jahre warten, bis endlich wieder die Teilnahme an einer FIFA WM-Endrunde gefeiert werden konnte.

Polen bestätigte beim Turnier in Deutschland die starken Leistungen und schaffte es (nach einer knappen 0:1-Niederlage gegen den Gastgeber und späteren Weltmeister BR Deutschland) bis ins Spiel um Platz drei, in dem die Osteuropäer Brasilien mit 1:0 schlugen.