Große Siege gehen naturgemäß in die Fussballgeschichte ein. Gleichzeitig gräbt sich aber auch die Niederlage in einem solchen Spiel für immer in die Erinnerungen ein. Als die Uruguayer am 16. Juli 1950, also vor genau 66 Jahren, das 2:1 erzielten und zum zweiten Mal Weltmeister wurden, haben sie natürlich einen ganz großen und unvergesslichen Sieg errungen. Die verdienten Siegesfeiern wurden jedoch von den Konsequenzen, die dieses Ergebnis für die besiegten Brasilianer hatte, vollkommen in den Schatten gestellt. Die Geschichte des Finales der vierten Auflage der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft ist vor allem auch die Geschichte einer unerwarteten Niederlage, die ein ganzes Land in den Schockzustand versetzte. Es ist die Geschichte einer kollektiven Stille, die im Fussball ihresgleichen sucht.

Selbst die Uruguayer, die hier eigentlich enthusiastisch ihren zweiten Titel feiern wollten und aus ihren beiden WM-Teilnahmen ungeschlagen hervorgegangen waren, fanden sich von einem Augenblick zum nächsten plötzlich bei einer überdimensionalen Trauerfeier wieder. "Ich habe noch nie im Leben ein Volk gesehen, das so traurig war wie die Brasilianer nach dieser Niederlage. Da lief es einem eiskalt den Rücken runter", erinnert sich Jahre später Alcides Ghiggia, der Schütze des entscheidenden Tores, das den Uruguayern den Titel brachte. "Nur drei Personen ist es bisher mit einer einzigen Geste gelungen, das mit 200.000 Menschen vollbesetzte Maracanã-Stadion zum Schweigen zu bringen: Frank Sinatra, Papst Johannes Paul II. und mir."

Schon gewonnen?
Wenn man verstehen will, warum dieses Spiel später solchen Symbolcharakter erhielt und einen Beinamen bekam, unter dem es in der ganzen Welt bekannt ist (Maracanazo), reicht es nicht aus, nur die Geschehnisse auf dem Spielfeld zu analysieren. Man könnte ein ganzes Buch darüber schreiben – was in der Tat auch geschehen ist: veröffentlicht unter dem Namen "Anatomia de uma Derrota" (Anatomie einer Niederlage) von Paulo Perdigão 1986 in Brasilien. Für die Brasilianer schien nämlich nicht nur der Weltmeistertitel bereits in trockenen Tüchern zu sein, sondern ein ganzes Volk hatte aus dem vermeintlichen Titelgewinn bereits reichlich Selbstwertgefühl getankt. Die Niederlage in diesem entscheidenden Spiel war wie ein heftiger Schlag ins Gesicht, der die ganze Nation abrupt aus ihren Träumen riss und ihr die Illusion nahm, Brasilien sei das Land der Zukunft, das sein Talent und seine Kreativität am besten über den Fussball zum Ausdruck bringen könnte.

Es handelte sich hier um die letzte Partie in der alles entscheidenden, vier Mannschaften umfassenden Endrunde. Den Brasilianern hätte zum Titelgewinn ein Unentschieden gereicht. Wobei es den Gastgebern noch nicht einmal in den Sinn gekommen war, dass die Partie tatsächlich mit einem Remis enden könnte. Schließlich hatte man die Schweden kurz zuvor mit 7:1 besiegt und sich mit 6:1 gegen Spanien durchgesetzt. Die Uruguayer hatten hingegen nur knapp gegen Schweden gewonnen (3:2) und sich gegen Spanien sogar mit einem 2:2-Unentschieden zufriedengeben müssen. Der Mittelfeldspieler Zizinho berichtet: "Am Vorabend der Partie habe ich mehr als 2.000 Autogrammkarten mit dem Schriftzug 'Weltmeister Brasilien' versehen." Der brasilianische Nationaltrainer Flávio Costa räumt später ein: "Dieser Schicksalsschlag hat uns wirklich umgehauen. Entscheidend war dabei, dass für die Fans, die Presse und die Funktionäre bereits im Vorfeld feststand, dass wir gewinnen würden."

Das Drehbuch
Das Gefühl, den Sieg bereits in der Tasche zu haben, beschränkte sich nicht auf die Tage vor der entscheidenden Partie: Diese Einstellung herrschte auch fast während des gesamten Spielverlaufs im Maracanã-Stadion vor. Nach drei Minuten hatte die Seleção den uruguayischen Torwart bereits zu zwei Glanzparaden gezwungen – einmal nach einem Schuss von Ademir und ein weiteres Mal nach einem Versuch von Jair. Genau wie bei den fünf vorherigen WM-Spielen dominierten die Brasilianer die Partie und spielten offensiver. Das hieß jedoch nicht, dass die Celeste keine Chancen hatte. Die beste davon kam in der 38. Minute mit einem Distanzschuss von Oscar Míguez, der ans Gebälk ging. Wäre dieses Tor die Rettung für Brasilien gewesen? Vielleicht. Dieser Ansicht ist jedenfalls der Uruguayer Máspoli: "Durch die Abfolge und den Zeitpunkt der Tore waren wir im Vorteil. Hätten wir bereits in der ersten Halbzeit einen Treffer erzielt, dann hätten die Brasilianer die 15 Minuten Halbzeitpause dazu nutzen können, ihre Nerven zu beruhigen, die Taktik zu ändern und das Spiel im zweiten Durchgang herumzureißen."

Tatsächlich gingen die Mannschaften aber mit einem torlosen Unentschieden in die Kabine, obwohl die Brasilianer 17 Torchancen und die Uruguayer immerhin sechs gehabt hatten. "In der ersten Halbzeit herrschten klare Verhältnisse. Das Team Uruguays war in die Defensive gedrängt, und nichts deutete auf diese schnellen Konter hin, mit denen sie uns in der zweiten Hälfte überraschen sollten", so die Analyse des brasilianischen Trainers Flávio Costa, der die Uruguayer nach den ersten Sekunden des zweiten Durchgangs als noch weniger gefährlich einstufte.

Es waren gerade einmal eine Minute und 18 Sekunden gespielt, als Zizinho sich in Richtung Strafraum auf den Weg machte und dann Ademir anspielte. Dieser legte für Friaça auf, der dann den Treffer erzielte, der für die 52 Millionen Brasilianer das Tor zum Titelgewinn war. "Alle waren sicher, dass damit nun die Toreflut einsetzen würde, an die sich die Fans bereits gewöhnt hatten", erinnert sich Costa. "Das Tor hätte uns eigentlich beruhigen sollen, aber das Gegenteil war der Fall, weil die Menschen bereits begannen, den Sieg zu feiern."

Der Wendepunkt
Den uruguayischen Mannschaftskapitän Obdulio Varela schienen all diese Ereignisse nicht im Geringsten zu beeindrucken. Oscar Míguez dazu: "Obdulio brüllte eine Minute lang alle Leute an: den Schiedsrichter, die Assistenten, die Brasilianer und die eigenen Mannschaftskameraden. Und er rückte den Ball nicht mehr raus. Als er ihn sich holte, um die Partie fortzusetzen, schrie er: 'Entweder wir gewinnen hier, oder sie machen uns nieder'. Das war ein Befehl."

Und den Befehl eines Mannschaftskapitäns dieses Kalibers missachtete man natürlich nicht. In der 66. Minute wiederholte sich zum 13. Mal eine Zweikampfsituation auf der rechten Angriffsseite der Uruguayer: Ghiggia kontrollierte den Ball und stand nun Bigode gegenüber. Der talentierte Stürmer schaltete seinen Gegenspieler aus, lief bis zur Grundlinie vor und legte dann mit einem flachen Zuspiel für Juan Schiaffino auf. "Plötzlich war es ganz still", erinnert sich Torhüter Máspoli. "Ich bin ganz sicher, dass in diesem Augenblick alle Brasilianer Angst vor einer möglichen Niederlage bekamen."

Obwohl das Unentschieden zum Titelgewinn gereicht hätte, griff die Seleção weiterhin an. Von dieser Spielweise verstand man etwas, und so war man bisher auch immer zum Erfolg gekommen. Zu diesem Zeitpunkt schien das Schicksal bereits vorgezeichnet zu sein. "Wir haben nicht durch das zweite Tor verloren, sondern durch das erste", gestand Flávio Costa nach der Partie. Trotzdem erwartete zu diesem Zeitpunkt sicherlich niemand wirklich das, was in der 79. Minute geschehen sollte. Einmal mehr sahen wir Ghiggia und Bigode im Zweikampf. Und wieder einmal setzte sich der Uruguayer durch. "In der Mitte kam wieder Schiaffino angelaufen und erwartete einen Rückpass, wie beim ersten Tor", berichtet Ghiggia. "Barbosa rechnete ebenfalls mit einer Wiederholung des vorherigen Spielzugs und kam aus dem Kasten, um die Hereingabe abzufangen. Da sah ich die Chance, direkt aufs Tor zu schießen."

Und er schoss. Das war sein einziger Torschuss im gesamten Spiel. Der Ball senkte sich zwischen dem linken Pfosten und dem brasilianischen Schlussmann in die Maschen. Das Unmögliche war geschehen, und Barbosa wurde vielfach als Sündenbock abgestempelt und trug fortan eine schwere Bürde. "So habe ich es geschafft, in die brasilianische Fussballgeschichte einzugehen", so der ehemalige Torhüter Jahre später mit Galgenhumor. "In diesem Land beträgt die Höchststrafe für Kriminelle 30 Jahre. Ich bin nicht kriminell und habe trotzdem schon über zehn Jahre mehr verbüßt. Ich habe das Recht, ruhig zu schlafen", betonte er 1994 in einem Interview. Sechs Jahre später verstarb er.

"Ein bewegender Augenblick"
Die Brasilianer versuchten sich auch weiterhin in der Offensive, hatten damit angesichts der allgemeinen Erstarrung jedoch wenig Erfolg. Um 16:45 Uhr, als der Engländer George Reader die Partie abpfiff, legte sich eine solche Ungläubigkeit und Trauer über das Maracanã-Stadion, dass selbst die Uruguayer im Nachhinein eher von einem bewegenden Augenblick als von explosiver Freude sprachen. "Ich habe mehr geheult als die Brasilianer, weil sie mir so leid taten. Es war, als hätte man um sie geweint. Auf dem Spielfeld, als wir darauf warteten, dass man uns den Pokal überreichte, wäre ich am liebsten in die Kabine gerannt. Das war ein sehr bewegender Augenblick", meint Schiaffino rückblickend.

Der damalige FIFA-Präsident, Jules Rimet, schrieb in seinem Buch "Die wunderbare Geschichte des Weltpokals" einen interessanten Absatz über diese Augenblicke nach dem Abpfiff der Partie: "Wenige Minuten vor Spielende (Spielstand 1:1) verließ ich meinen Platz auf der Ehrentribüne und machte mich auf den Weg in Richtung Kabinen. Die Mikrofone wurden bereits vorbereitet, und um mich herum machten die Zuschauer einen ohrenbetäubenden Lärm (...) Ich ging weiter in Richtung Spielfeld und als ich gerade am Ausgang des Tunnels angekommen war, verstummten die Jubelrufe plötzlich und eine trostlose Stille legte sich über das Stadion. Es gab keine Ehrengarde, keine Nationalhymne, keine feierliche Übergabe des Pokals. Ich fand mich mit dem Pokal unter dem Arm allein inmitten der Menschenmenge wieder, wurde hin- und hergeschoben. Schließlich fand ich den uruguayischen Mannschaftskapitän und überreichte ihm den Pokal – fast schon heimlich."

Mit dieser Geste wurde offiziell einem großen Sieg Tribut gezollt, der für immer in Erinnerung bleiben sollte. Rund um diese Geste herum herrschte jedoch große Trauer über eine niederschmetternde Niederlage, die ebenfalls niemals in Vergessenheit geraten sollte und die noch nicht einmal durch die fünf Weltmeistertitel, die die Brasilianer inzwischen erobert haben, vollständig ausgelöscht werden konnte.