Nach offiziellen Angaben füllten an diesem 13. Juni 1950 152.772 Zuschauer die Ränge des Maracanã-Stadions, dazu kamen noch Tausende von Personen, die in letzter Minute auf inoffiziellem Wege Zugang gefunden hatten. 152.711 von ihnen taten sich zehn Minuten nach Beginn der zweiten Halbzeit der Partie zwischen Brasilien und Spanien zusammen, um einen der mächtigsten Stadiongesänge anzustimmen, von denen man bis heute Kenntnis hat. Einer von ihnen weinte währenddessen.

Als Brasilien mit 4:0 in Führung ging, beschloss die begeisterte Fangemeinde, dem Gegner Ehre zu erweisen, indem sie weiße Tücher in der Luft schwenkte und das Karnevalslied "Touradas em Madri" anstimmte, das im Karneval des Jahres 1938 ein Riesenerfolgshit gewesen war.

Das ganze Stadion sang mit, außer Carlos Alberto Ferreira Braga. Er hatte das Stück gemeinsam mit seinem Freund Alberto Ribeiro komponiert. Braguinha, der auch unter dem Pseudonym "João de Barro" bekannt war, war so bewegt, als sein Lied aus so vielen Kehlen gleichzeitig schallte, dass er die Tränen nicht zurückhalten konnte.

Das war einfach alles zu schön, zu perfekt an diesem Abend im Maracanã. Es war, als bräuchte das Stadion einen solchen kollektiven Freudenausbruch, um die kollektive Trauer zu kompensieren – und das nachfolgende Trauma – die drei Tage später dort Einzug halten sollten.

Die Kulisse
Es handelte sich um das fünfte Spiel der brasilianischen Seleção bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft und die zweite Partie des Teams in der vier Mannschaften umfassenden Endrunde. [Anm. d. Red.: 1950 gab es kein Finale im eigentlichen Sinne, sondern eine Endrunde, in der jeder gegen jeden antrat] Der Gastgeber trat im Maracanã mit drei Siegen im Rücken an. Lediglich ein Unentschieden bildete einen kleinen Schönheitsfleck. Im Pacaembu-Stadion von São Paulo hatte man nur 2:2 gegen die Schweiz gespielt. Ansonsten konnten die Brasilianer auf eine beeindruckende Turnierleistung mit einer Torbilanz von 15:3 verweisen.

Auf der anderen Seite präsentierten sich die Spanier als der vermeintlich schwerste Gegner der Endrunde. Die zentralen Figuren des bereits damals als Furia Roja bezeichneten Teams waren Antonio Ramallets, Agustín "Piru" Gaínza und Telmo Zarra. Spanien hatte eine makellose Vorrunde mit drei Siegen gegen die USA, Chile und England hingelegt und gegen Uruguay 2:2-Unentschieden gespielt.

Die Handlung
Doch auch diese großartige Bilanz half den Gästen nicht. Die Seleção spielte völlig unbeeindruckt vom Gegner auf und zelebrierte Fussball auf allerhöchstem Niveau. Nachdem das Team von Nationaltrainer Flávio Costa bereits in seiner ersten Partie der Endrunde einen 7:1-Triumph gegen Schweden gefeiert hatte, gelang auch gegen Spanien ein 6:1-Kantersieg.

Das Endergebnis an sich ist bereits beeindruckend genug, doch sein Zustandekommen war nicht minder beachtlich. Die Brasilianer waren einfach von Grund auf überlegen. Nach 15 Minuten gingen sie durch ein Eigentor in Führung und lagen zur Halbzeit bereits mit 3:0 vorne. Die Iberer konnten Torhüter Barbosa erst nach 71 Minuten überwinden, nachdem sie schon sechs Gegentreffer kassiert hatten.

Diese Partie war gewissermaßen der Gipfel der Euphorie, die das Land während der Weltmeisterschaft fest im Griff hatte. Wenn das Team um Jair, Zizinho, Chico und den Torjäger Ademir in der Lage war, Spanien mit einem Kantersieg vom Platz zu fegen, dann würde Uruguay den Traum sicher nicht mehr zunichte machen und das Maracanã würde die Schaubühne des brasilianischen Erfolgs bleiben. Oder?

Die Reaktionen
"Ich glaube, Brasilien hat den WM-Titel bereits bei diesem vorletzten Spiel verloren, weil einfach schon zu viel gefeiert wurde, im gesamten Land. Brasilien hatte die Weltmeisterschaft schon gewonnen. Aber am vorletzten Spieltag gewinnt niemand die WM."
Mário Jorge Lobo Zagallo gegenüber FIFA.com.
Der spätere zweifache Weltmeister (als Spieler) und Trainer der legendären Seleção von 1970, befand sich an jenem Tag als junger Militärpolizist im Stadion und war für den Sicherheitsdienst im Maracanã tätig.  

Das geschah danach
Am 16. Juli übte Zagallo erneut seinen Dienst im Stadion aus. Doch, wie er selbst sagte, gab es keinen Grund zur Freude. Er gehörte zu den Augenzeugen der traumatischen Partie, die als Maracanazo in die Geschichte eingehen sollte, und in der Brasilien nach eigener Führung mit 1:2 unterlag. "Es ist schwer zu glauben, dass es dasselbe Stadion war. Das war ein unbeschreibliches Panorama, und später habe ich gedacht: die kleinen weißen Tücher sind alle zu einem riesigen Laken zusammengewachsen, mit dem die Tränen der Niederlage getrocknet werden mussten", sagte er im Gespräch mit FIFA.com.