Der Erfolg der ersten FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ 1930 in Uruguay war seinerzeit weltweit auf ein positives Echo gestoßen, das sich vor allem in einem rasch wachsenden Interesse bezüglich der Teilnahme an diesem Turnier widerspiegelte. Dies wiederum führte dazu, dass für die zweite Turnierauflage 1934 in Italien bereits ein Teilnehmerfeld von 16 Mannschaften vorgesehen wurde. Seitens der FIFA wurde daher der Entschluss gefasst, erstmals eine WM-Qualifikation zur Ermittlung der Endrundenteilnehmer durchzuführen.

Am Start waren insgesamt 32 Nationalteams von drei Kontinenten. Der Gruppe 1 gehörten mit Litauen, Schweden und Estland drei Mannschaften an, von denen keine einzige bei der ersten Auflage des Turniers vertreten war. Für zusätzliche Brisanz sorgte die Tatsache, dass in dieser Qualifikationsgruppe mit Schweden und Estland zwei damals politisch zerstrittene Nationen aufeinandertrafen. Das Schicksal wollte es, dass die beiden Teams das erste WM-Qualifikationsspiel überhaupt bestritten.

Die Fakten
11. Juni 1933, Stockholmer Stadion
Schweden - Estland 6:2

Tore: Knut Kroon (SWE) – 7. Min., Lennart Bunke (SWE) – 10., Bertil Ericsson (SWE) – 13., Torsten Bunke (SWE) - 43., Leonhard Kaas (EST) – 47., Richard Kuremaa (EST) - 61., Bertil Eriksson (SWE) – 70., Sven Andersson (SWE, Elfmeter) – 79. Minute.

Schweden: Gösta Krusberg, Otto Andersson, Sven Andersson, Walfrid Persson, Harry Johansson, Ernst Andersson, Gunnar Olsson, Torsten Bunke, Bertil Ericsson, Lennart Bunke y Knut Kroon
Trainer: John Petterson

Estland: Evald Tipner, Eugen Einman, Artur Neumann Tarmiäe, Otto Reinfeldt Reinlo, Karl Rudolf Silberg Sillak, Egon Parbo, Georg Siimenson, Richard Kuremaa, Leonhard Kaas, Heinrich UUkkivi y Friedrich Karm
Trainer: Bernhard Rein

Die Ausgangslage
Zu dem Zeitpunkt, da sich beide Mannschaften zum ersten Mal gegenüberstanden, waren bereits zwei Jahrhunderte vergangen, seit Schweden seine Herrschaft über Estland an das russische Zarenreich hatte abgeben müssen. Was den Fussball anbelangte, so hatten die Esten ihr erstes offizielles Länderspiel im Jahr 1920 bestritten. Ihr bis dahin wichtigster Auftritt war die Teilnahme am Olympischen Fussballturnier 1924 in Paris, wo sie lediglich ein Spiel gegen die USA absolvierten und verloren. Bernhard Rein war seinerzeit erst der zweite Este, der die Nationalmannschaft seines Landes als Trainer betreute.

Die Schweden hingegen hatten bereits deutlich mehr an Erfahrung vorzuweisen. Schließlich waren sie schon beim ersten Olympischen Fussballturnier 1908 in England mit von der Partie gewesen, und hatten bei der zweiten Auflage dieses Turniers im Jahr 1912 selbst als Gastgeber fungiert. Zuletzt hatte Schweden 1924 in Paris sogar Bronze geholt. Nachdem sie bis 1930 lediglich Freundschaftsspiele absolviert hatten, beteiligten sich die Skandinavier fortan auch an regionalen Turnieren mit anderen nordeuropäischen Mannschaften. Da sie bei der ersten Weltmeisterschaft in Uruguay nicht unter den eingeladenen Mannschaften waren, entschieden sich die Schweden zur Teilnahme an der WM-Qualifikation für Italien 1934.

Das Spiel
Die Geschichtsbücher weisen Schwedens Stürmer Knut Kroon als Schützen des historischen ersten Treffers in einem WM-Qualifikationsspiel aus, wenngleich dazu anzumerken ist, dass jenes Tor auch eine erste Polemik bezüglich der Statistik in der WM-Qualifikation auslöste, weil dieser Treffer damals in einigen Zeitungen nicht dem Schweden, sondern dem estnischen Torhüter und Kapitän Evald Tipner zugeordnet wurde. Davon abgesehen wurden die Gäste aus Estland gleich in der Anfangsphase der Partie eiskalt erwischt, denn die Heimmannschaft machte sofort Druck und lag schon nach einer Viertelstunde durch zwei weitere Treffer von Lennart Bunke und Bertil Ericsson mit 3:0 in Front.

Als Torsten Bunke, der Bruder von Lennart, noch vor der Halbzeitpause auf 4:0 erhöht hatte, schien das Spiel bereits gelaufen. Doch trotz der brütenden Hitze, die an jenem Tag über dem Stadion lag, stellten die beiden Gästetore von Leonhard Kaas und Richard Kuremaa den endgültigen Ausgang der Partie noch einmal in Frage. Allerdings nur für kurze Zeit, denn Bertil und Sven Andersson sorgten mit ihren beiden Toren für den alten Abstand, so dass die Schweden am Ende unter dem frenetischen Beifall von über 8.000 Zuschauern mit 6:2 die Oberhand behielten.

Wie ging es weiter?
Nach dem Sieg über Estland reichte Schweden im Auswärtsspiel gegen Litauen bereits ein Unentschieden, um die Qualifikation für Italien 1934 perfekt zu machen. Die Partie fand am 29. Juni vor 6.000 litauischen Fans in Kaunas statt. Doch die Schweden zeigten sich von der für damalige Verhältnisse großen Kulisse überhaupt nicht beeindruckt und setzten sich durch zwei Tore von Knut Hansson mit 2:0 durch. Damit sicherten sie sich nicht nur den Gruppensieg, sondern auch ihre erste Endrundenteilnahme an der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™. Da für Estland und Litauen keine Möglichkeit mehr bestand, sich zu qualifizieren, wurde die noch ausstehende Partie zwischen beiden Mannschaften abgesagt.

Beim WM-Turnier selbst sorgte Schweden dann mit einem 3:2-Sieg gegen Argentinien, das vier Jahre zuvor im Endspiel gestanden hatte, für eine faustdicke Überraschung. Den Siegtreffer erzielte kein Geringerer als Kroon, der damit erneut ein bedeutendes Kapitel für die Fussballgeschichte seines Landes schrieb. Im Viertelfinale endete jedoch der schwedische Traum, denn dort mussten sich die Skandinavier der deutschen Mannschaft mit 1:2 beugen.