"Wir sind dieses Spiel mit seltener Klarheit angegangen. Die französische Nationalmannschaft war unschlagbar. Sie hatte einen Zustand der Erhabenheit erreicht. Das hat man so nur sehr selten." So sprach einst Aimé Jacquet, als er am 12. Juli 1998 freudestrahlend und triumphierend die wichtigste Trophäe des Weltfussballs in den Himmel über dem Stade de France reckte. Freudestrahlend deshalb, weil er gerade die 16. Auflage der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ gewonnen hatte, triumphierend, weil er als Trainer der Bleus noch einen Monat zuvor der wohl meistkritisierte Mann des Landes war. Ganz anders dann am Abend des in dieser Deutlichkeit nicht erwarteten 3:0-Erfolgs gegen Brasilien. Mit einem Schlag war Jacquet der Liebling der Grande Nation, von "la France qui gagne" – einem Frankreich, das gewinnt.

Der Fussball war um eines seiner Wunder reicher und in ganz Frankreich breitete sich nach dem ersten Titelgewinn überhaupt eine bis dato nicht gekannte Freude und Begeisterung aus. FIFA.com lässt die damaligen Ereignisse noch einmal Revue passieren und nimmt Sie mit ins damals noch brandneue Stade de France, das anlässlich der letzten FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ im 20. Jahrhundert zum Tempel des Fussballgottes werden sollte.

Die Kulisse
Um ins Endspiel zu gelangen, hatte Frankreich als Austragungsland unbeirrt seinen Weg verfolgt. Wie eine echte Turniermannschaft hatten sich die Gastgeber von Spiel zu Spiel gesteigert. Heraus kam eine fehlerlose erste Runde mit Siegen gegen Südafrika, Saudiarabien und Dänemark. Probleme gab es erst im Achtelfinale gegen Paraguay mit Teufelskerl José Luis Chilavert zwischen den Pfosten. Am Ende war es das erste und einzige "Golden Goal" der WM-Geschichte, erzielt von Abwehrchef Laurent Blanc in der 113. Minute, das den Sieg und damit das Weiterkommen bescherte. Doch die Spannung war noch zu steigern: Das Viertelfinale gegen Italien wurde in einem Elfmeterschießen entschieden, das nichts für schwache Nerven war. Luigi di Biagio setzte seinen Schuss schließlich an die Querlatte – Italien war raus, Frankreich jubelte. Im Halbfinale dann wartete mit Kroatien die Überraschungsmannschaft des Turniers. Der WM-Neuling hatte gerade Deutschland sensationell mit 3:0 aus dem Wettbewerb geworfen und strotzte nur so vor Selbstbewusstsein. Und auch in der Begegnung mit Frankreich ging Kroatien zunächst durch einen Treffer des späteren Torschützenkönigs Davor Suker in Führung, ehe sich eine Art kleines Wunder ereignete. Denn Liliam Thuram drehte die Partie mit zwei Toren in zwei Minuten quasi im Alleingang. Das Besondere daran: Es waren die beiden einzigen Tore in der langen Nationalmannschaftskarriere des Weltklasseverteidigers. Einziger Wermutstropfen war, dass die Franzosen "Präsident" Laurent Blanc durch Platzverweis verloren.

Titelverteidiger Brasilien war als ganz großer Favorit in das Turnier gegangen, gestützt wie immer auf eine grandiose Offensive, die Schwächen in der Hintermannschaft kompensieren sollte. Trainer Mario Zagallo setzte vor allem auf seinen großen Star Ronaldo, der auch tatsächlich zum besten Spieler des Turniers gewählt wurde. Auch Brasilien überstand die Vorrunde ohne Probleme und konnte sich dank frühzeitig feststehendem Weiterkommen sogar eine Niederlage gegen Norwegen (1:2) leisten. Im Viertelfinale gegen Chile (4:1) ließ der Favorit dann aber wieder die Muskeln spielen. Das sollte indes der letzte wirklich ungefährdete Sieg gewesen sein. Beim 3:2 gegen Dänemark gelang der Siegtreffer erst in der Schlussphase, das Elfmeterschießen im Halbfinale gegen die Niederlande (1:1, 4:2 n.E.) gewann der glänzend aufgelegte Torwart Taffarel seiner Mannschaft.

Für das Gastgeberland bedeutete diese Konstellation das ideale Endspiel. Auf der einen Seite Frankreich, das seinem ersten WM-Titel entgegen fieberte, auf der anderen Seite die erfahrene Seleçao, die nicht weniger wollte als ihren fünften Stern auf dem Trikot.

Das Spiel
Mit Ausnahme von Franck Lebœuf, der Laurent Blanc in der Innenverteidigung ersetzte, ließ Aimé Jacquet seine Mannschaft im gewohnten 4-3-2-1 antreten, mit Youri Djorkaeff als freischaffendem Künstler, Zinédine Zidane als Spielmacher und Stéphane Guivarc'h als formal einziger echter Spitze. Zagallo wiederum konnte auf seine beste Elf – und damit auch auf Ronaldo, der allerdings eine Stunde vor der Partie von einem rätselhaften Unwohlsein befallen wurde – zurückgreifen und schickte das Trio Ronaldo/Rivaldo/Bebeto aufs Feld.

Das von Aimé Jacquet zahlenmäßig verstärkte und dicht gestaffelte Mittelfeld war es, das letztlich den Ausschlag geben sollte. Dort hatten die Franzosen schlicht immer einen Mann mehr. Die Bleus hätten schon in der Anfangsphase in Führung gehen können, doch der glänzend freigespielte Guivarc'h scheiterte noch an Taffarel. Gerade, als die Auriverdes mehr vom Spiel zu haben begannen, fiel der Führungstreffer für Frankreich. Eine Ecke von Emmanuel Petit verwandelte Zidane per Kopf. Bewacher Júnior Baiano sah dabei schlecht aus. Doch Frankreich gab sich mit diesem Vorsprung nicht zufrieden und hielt den Druck weiter aufrecht. Zunächst vergab der an diesem Tag fleißige, aber glücklose Guivarc'h erneut gegen Taffarel, ehe Zidane sein zweiter Treffer gelang. Nach einer Ecke von links durch Djorkaeff war der eigentliche Spielmacher erneut per Kopf zur Stelle, obwohl er nicht gerade als Spezialist in dieser Disziplin galt. Kurz vor der Pause schien alles gelaufen zu sein.

Zagallo setzte in der Folge alles auf eine Karte und brachte mit Denilson einen vierten Stürmer, der mit seinen unvorhersehbaren Dribblings jede Abwehr aufreißen konnte. Damit schlug die Stunde von Fabien Barthez. Gegen Ronaldo rettete er gleich mehrfach, einmal in höchster Not im Herauslaufen per Faustabwehr, und auch sonst war bei "Glücksglatze" Barthez mit schöner Regelmäßigkeit Endstation. Spätestens ab der 67. Minute, als mit Marcel Desailly der Chef der französischen Defensive mit Gelb-Rot vom Platz musste, wurde der Druck der Südamerikaner immens. Mit Edmundo kam gar noch ein fünfter Offensiver. Aber es nützte nichts. Auch ohne die etatmäßige Innenverteidigung hielt die französische Abwehr sämtlichen Angriffen stand.

Besser noch. Kurz vor Ende der regulären Spielzeit leitete Christophe Dugarry nach einer Ecke für Brasilien einen mustergültigen Konter ein, spielte schnell auf Patrick Vieira und der weiter auf Petit. Taffarel eilte noch aus seinem Kasten, um den Winkel zu verkürzen, aber der Mittelfeldspieler schloss mit einem überlegten Linksschuss ins lange Eck unhaltbar ab. Es war die letzte nennenswerte Aktion im Spiel. Frankreich hatte es geschafft!

Der Star
In 45 Minuten zwei vorentscheidende Kopfballtore erzielt – das Leben des sonst so zurückhaltenden Zinédine Zidane änderte sich hernach grundlegend. Dem in Algerien geborenen Mann aus Marseille war damit nämlich gelungen, woran zuvor die goldenen Generationen von Raymond Kopa und Just Fontaine im Jahr 1958 und Michel Platini in den 80er Jahren gescheitert waren.

Von einem Tag auf den anderen war Zizou der gefragteste Mann im ganzen Land. Noch im gleichen Jahr wurde er FIFA Weltfussballer des Jahres und war damit endlich als einer der ganz Großen seiner Zunft anerkannt. Fernsehen, Öffentlichkeit und Zeitungen rissen sich um ihn. Die "New York Times" machte ihn sogar zum Michael Jordan des Fussballs. Sein Name zierte fortan Häusermauern ebenso wie Titelblätter, sein Lächeln strahlte von Plakatwänden herunter.

2000 wurde Zidane noch einmal FIFA Weltfussballer des Jahres – und 2003 noch ein drittes Mal – und Real Madrid sicherte sich seine Dienste. Sein Rücktritt vom Rücktritt aus der Nationalmannschaft verhalf Frankreich zur Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™, wo er wieder ein sensationelles Spiel gegen Brasilien machte und wieder das Endspiel erreichte. Es war das letzte Spiel seiner Karriere, gekennzeichnet von einem genial kaltschnäuzigen Strafstoß, einer unrühmlichen Roten Karte und einem Sieg Italiens im Elfmeterschießen.

Die Reaktionen
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Ich applaudiere Frankreich zu diesem Erfolg. Natürlich hat uns die fehlende körperliche Form von Ronaldo vor Probleme gestellt, aber das ändert nichts am herausragenden Sieg von Aimé Jacquet. Frankreich hatte ein Fussballgenie auf der Bank und ein weiteres, noch größeres, auf dem Platz: Zidane" Mario Zagallo (Trainer, Brasilien)

"Ich weiß nur zu gut, dass bei großen Spielen alles ganz schnell gehen kann. Erst als Manu Petit kurz vor Schluss das dritte Tor erzielt hat, dachte ich: 'Das war's! Wir sind Weltmeister!'" Aimé Jacquet (Trainer, Frankreich)

"Der Sieg Frankreichs beruhte auf einem dicht gestaffelten Mittelfeld und auf der Abwehr. Wenn eine Mannschaft gut vorbereitet ist und weiß, was sie zu tun hat, kann ihr nichts passieren. Alles eine Frage des Könnens, und daran hat es Frankreich nicht gemangelt." Dunga (Kapitän, Brasilien)

"Es war unser Abend. Wir hatten alle das Gefühl, dass uns nichts geschehen konnte. Es sind immer die großen Spieler, die in großen Spielen den Ausschlag geben. Das war bei uns mit Zidane der Fall." Didier Deschamps (Kapitän, Frankreich)

Das geschah danach
Nach dem ersten WM-Titel schwamm Frankreich weiter auf der Erfolgswelle. Als erster amtierender Weltmeister gewannen die Bleus danach einen EM-Titel. Im Finale der UEFA EURO 2000 besiegten sie Italien mit 2:1. Als dann 2000 jedoch Kapitän Didier Deschamps und "Präsident" Laurent Blanc zurücktraten, kam es zu einer Zäsur. Die Verletzung von Zinédine Zidane vor dem FIFA Weltpokal Korea/Japan 2002™ riss eine nicht zu schließende Lücke bei den Tricolores. Der Titelverteidiger bekleckerte sich in Fernost nicht gerade mit Ruhm und schied schon in der Vorrunde aus.

Nach und nach und vor allem in der Folge einer enttäuschenden UEFA EURO 2004 gaben die Weltmeister von 1998 ihren Abschied. Auf Bitten des neuen Nationaltrainers Raymond Domenech kehrten schließlich Zinédine Zidane, Claude Makelele und Lilian Thuram noch einmal in die Nationalmannschaft zurück und erreichten auch prompt das Endspiel 2006 in Deutschland. Es war das letzte Hurra einer Generation, deren letzte Aktive Thierry Henry und Patrick Vieira sind.

Brasilien seinerseits gewann vier Jahre nach der Finalniederlage von Paris das erste FIFA WM-Turnier auf asiatischem Boden. Herausragender Akteur war dabei Ronaldo, trotz zweier in der Zwischenzeit erlittener schwerer Knieverletzungen. 2006 kreuzten sich die Wege der Seleçao und Frankreichs erneut, und wieder drückte ein grandioser Zidane dem Spiel seinen Stempel auf.