
Von Christian Karembeu - Ein WM-Finale ist ein Erlebnis, auf das man ein ganzes Leben lang wartet. Als Fussballer sehnt man ständig den Moment herbei, in dem man die Gelegenheit bekommt, in die Geschichte einzugehen. Die beiden Finalkontrahenten von Südafrika 2010 hatten seit langem angekündigt, dass ihr einziges Ziel der Gewinn des WM-Titels sei. Mit ihrem Finaleinzug kamen beide Mannschaften diesem Ziel dann auch ganz nahe. Da ich das Finale der FIFA WM 1998 in Frankreich selbst erlebt habe, weiß ich sehr gut, was die Spieler fühlen, wenn sie sich unmittelbar vor dem wichtigsten Spiel ihrer Karriere im Stadiontunnel formieren.
Im Gegensatz zu meiner persönlichen Erfahrung, die ich mit der französischen Nationalmannschaft im Finale von 1998 gegen Brasilien gemacht habe, gab es vor der heutigen Finalpartie zwischen Spanien und den Niederlanden keinen klaren Favoriten. Das war in meinem Fall anders. Denn als wir damals den Rasen des Stade de France betraten, war uns schon klar, dass wir es mit einem absoluten Schwergewicht im Weltfussball zu tun bekommen würden. Schließlich ging die Seleção, die bis dahin bereits vier WM-Titel geholt hatte, als ewiger Favorit in dieses Endspiel. Genau das hat uns vielleicht ein wenig von dem hohen Druck befreit, den ein solches WM-Finale mit sich bringt. Die Einstellung, dass wir eigentlich nichts zu verlieren hatten, sowie unser fester Vorsatz, vor heimischem Publikum ein gutes Spiel abzuliefern, haben uns sicher beflügelt, so dass unser Team am Ende eine perfekte Vorstellung bot.
Eine solche Ausgangslage hat dem heutigen Finale von vorn herein gefehlt. Weil es eben keinen eindeutigen Favoriten gab, konnte keine der beiden Mannschaften unbeschwert aufspielen. Hinzu kommt, dass bislang keines der beiden Teams Weltmeister war, und natürlich wollten sich beide diese historische Chance nicht entgehen lassen. Außerdem bestehen in punkto Erfahrung zwischen beiden Mannschaften kaum Unterschiede. Demnach ging keines der beiden Teams als großer Favorit in dieses Finale, obgleich die Spanier als amtierende Europameister leicht im Vorteil zu sein schienen. Im Übrigen war das auch der Grund dafür, dass Spanien den besseren Start erwischte und die Partie in der ersten Hälfte überwiegend dominierte. Was die Niederländer anbetrifft, so hatten sie zunächst Probleme, ihren Rhythmus zu finden. Nach der Pause sind sie dann besser ins Spiel gekommen. Vielleicht haben sie die längere Anlaufzeit auch benötigt, um sich von dem hohen Druck, der auf diesem Finalspiel lastete, nach und nach zu befreien.
Natürlich war die Partie weitestgehend ausgeglichen. Da kann der erste Treffer stets der entscheidende sein. Sobald das Spiel jedoch in die Verlängerung geht, kann man von beiden Teams nicht mehr erwarten, dass sie bedingungslos nach vorn agieren. Ich selbst habe mich im Verlauf meiner Karriere oft in einer solchen Situation befunden, so auch im Achtelfinale der FIFA WM 1998 gegen Paraguay und danach im Viertelfinale gegen Italien. In einem derartigen Fall wird ein Trainer seinen Spielern niemals abverlangen, auf volles Risiko zu spielen. Das Wichtigste dabei ist, die eigene Abwehr zu sichern. Wenn so viel auf dem Spiel steht wie bei einer Weltmeisterschaft, hat man schon Verständnis dafür, dass es erst einmal darauf ankommt, das Spiel nicht zu verlieren, und nicht um jeden Preis auf Sieg zu spielen. Der K.O.-Schlag für die Niederländer kam mit dem Platzverweis gegen John Heitinga, einem wichtigen Schlüsselspieler der Abwehr. Davon haben die Spanier sichtlich profitiert. Am Ende haben sie sich als das solidere Team erwiesen, das seine entscheidende Chance nutzen konnte. Genau das macht eine große Mannschaft aus.


