Er wird gehasst oder geliebt, aber dazwischen scheint es nichts zu geben. Gleichgültig ist Raymond Domenech wohl niemandem. Seine Anhänger hätten seine Spielweise als Aktiver wohl als "robust" bezeichnet, seine Gegner als "brutal". Und so geht das letztlich auch mit dem Trainer Domenech. Je nachdem, ob man nun ein Fan von ihm ist oder eben nicht, ist der französische Nationaltrainer wahlweise detailversessen und leidenschaftlich oder arrogant und provokativ. Domenech ist ein Paradoxon: Er eint die Franzosen, weil er ihre Nationalmannschaft führt, aber er spaltet sie mit der Art und Weise, wie er dies tut.

Schon zu seiner Zeit als Spieler, die in seinem Geburtsort Lyon begann, brachte ihm seine rustikale Gangart den Beinamen "Metzger" ein, was eigentlich alles sagt. Domenech sah allein durch seinen Schnauzer damals schon einschüchternd aus. Er war die Art Verteidiger, die man gern in den eigenen Reihen hat, über die man aber schimpft, wenn man gegen sie spielen muss. Dennoch oder gerade deswegen stieg Domenech bis zum Nationalspieler auf und wurde mit Straßburg und Bordeaux zwei Mal französischer Meister.

Beim Wechsel vom Rasen auf die Bank legte er einen Zwischenschritt als Spielertrainer beim FC Mulhouse ein, ehe er 1986 die Fussballschuhe endgültig an den Nagel hängte. 1988 wurde er der erste Trainer in der Ära von Jean-Michel Aulas bei Olympique Lyon, das seit fünf Jahren in der Zweitklassigkeit vor sich hin dümpelte. Domenechs Rückkehr zu den Wurzeln gelang. Mit ihm stieg Olympique sofort in die erste Liga auf und hielt sich dort fünf Jahre lang. Anschließend wechselte der Trainer in die "Direction Technique Nationale" und übernahm dort die Betreuung des französischen Nachwuchses. Durch seine Schule gingen fortan gleich mehrere so genannte "goldene Generationen" an Spielern, ohne dass Domenech je einen Titel gewonnen hätte, von zwei Erfolgen beim Juniorenturnier von Toulon abgesehen.

Als Domenech 2004 Nachfolger von Roger Lemerre und Jacques Santini bei der A-Nationalmannschaft wurde, brachte er zunächst frischen Wind, weil er im Gegensatz zu seinen Vorgängern auch gewandt mit der Presse parlieren konnte. Rein sportlich jedoch übernahm Domenech eine nach Rücktritten, wie dem von Zinédine Zidane, geschwächte Mannschaft. Es gelang ihm aber, den Weltmeister von 1998 zum Rücktritt vom Rücktritt zu überreden, und Lilian Thuram und Claude Makélélé gleich mit. Die alten Recken wieder an Bord, versprach Domenech ganz Frankreich noch vor Beginn der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006™ ein Wiedersehen am 9. Juli, dem Tag des Endspiels. Er hielt sein Versprechen. Die französische Mannschaft reiste zum Finale gegen Italien nach Berlin, doch im Elfmeterschießen verhinderte die Latte, dass Domenech den gleichen Heldenstatus erlangte wie Aimé Jacquet acht Jahre vor ihm.

Stattdessen prasselte sogar von allen Seiten Kritik auf ihn ein. Der Vorwurf: Frankreich habe in zu vielen Partien schlecht gespielt. Die schon desaströs zu nennende UEFA EURO 2008 war da Wasser auf die Mühlen der Kritiker. Domenech wurde wegen seiner taktischen Entscheidungen, seiner Mannschaftsführung und seiner Kaderzusammenstellung angezählt. Einige Spieler waren verletzt oder außer Form. Manchem wollte es angesichts dessen ins Bild passen, dass Domenechs erste Worte nach dem Ausscheiden aus der Europameisterschaft seiner Verlobten galten, der er einen Heiratsantrag machte.

Ein denkwürdiger Medienauftritt, der einiges aussagt über den Menschen Domenech, der ein Gespür hat für Formulierungen, sich gerne gewählt ausdrückt und mit dem jede Pressekonferenz ein Ereignis ist. "Manchmal denke ich: Wenn ich mich vor mir hätte, würde ich mich hassen", "Wenn ich mich aufstellen könnte, würde ich spielen" oder "Einzig das Resultat zählt - am Ende bin ich der Held oder der Depp", lauten einige seiner berühmtesten Aussprüche.

Und trotz aller Kritik hat Domenech als französischer Nationaltrainer einen neuen Rekord an ungeschlagenen Spielen aufgestellt – die zwölf Partien auf dem Weg nach Südafrika eingeschlossen. Kurz vor der WM-Endrunde nehmen sein System und sein Kader Gestalt an. Es gibt feste Größen, Routiniers und Talente, aber auch noch offene Fragen. Aber die gab es auch 2006.