
Seit einem Monat verfolgt Clarence Seedorf täglich das Geschehen bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™. Für den Zeitraum der WM hat sich der Mittelfeldspieler von AC Mailand unter die Journalisten des britischen TV-Senders "BBC" gemischt. FIFA.com traf den niederländischen Fussballer zu einem exklusiven Gespräch, kurz vor seinem Interview mit Naomi Campbell.
Seedorf, der die Fussballschule von Ajax Amsterdam durchlief und es mit dem niederländischen Nationalteam bei der FIFA WM 1998 ins Halbfinale schaffte, kann drei UEFA Champions League-Titel mit drei verschiedenen Vereinsmannschaften auf seinem Konto verbuchen. Auch seinen Traum von der Rückkehr ins Team der Oranjes hat der aus Surinam stammende Spieler noch nicht aufgegeben.
Nachdem er von Bert van Marwijk nicht für die FIFA WM 2010 in Südafrika nominiert wurde, beobachtet Seedorf den historischen Auftritt der niederländischen Mannschaft nun als Fussball-Experte von der Außenlinie. Im Interview mit FIFA.com schwärmt er von der Leistung des Teams.
Überrascht es Sie, die niederländische Mannschaft im Finale zu sehen, oder haben Sie sich bereits vor Beginn der WM gesagt: "Dieses Mal sind wir an der Reihe"?
In einer sportlichen Analyse spielen Emotionen keine Rolle, daher ist es unwichtig, ob ich nun überrascht bin oder nicht. Tatsache ist, dass diese Mannschaft von Anfang an gute Voraussetzungen hatte, hier etwas zu erreichen. Ich habe schon zu Beginn der WM erklärt, dass die Niederländer als mögliche Titelanwärter in dieses Turnier gehen - ungefähr vergleichbar mit den Franzosen. Für mich galten Spanien, England und Brasilien als klare Favoriten, allerdings haben sich die Dinge im Laufe des Turniers etwas anders entwickelt. Und damit auch die Einschätzungen. Argentinien hat mir beispielsweise sehr gut gefallen und Deutschland hat für mich den besten Fussball des Turniers gespielt.
Was hat Bert van Marwijk bei dieser WM besonders gut gemacht?
Er hat an seinen Stammspielern festgehalten und keine großen Umstellungen vorgenommen. Er hat weder die Auswahl noch das Spielsystem geändert. Dadurch hat sich die Mannschaft zu einer stabilen Einheit entwickelt. Wenn man dann noch ein Spiel nach dem anderen gewinnt und unschlagbar scheint, festigt das noch zusätzlich das Selbstvertrauen. Wenn du Spiele gewinnst, ohne an deine Grenzen gehen zu müssen, und dich darauf verlassen kannst, dass da vier Spieler sind, die jederzeit ein Tor schießen können, dann hilft das unheimlich. Diese Mannschaft glaubt fest an sich und packt das Glück beim Schopfe. Das ist enorm wichtig, wenn du in einem großen Turnier Erfolg haben willst.
Ist es das, was Ihnen bei der WM in Frankreich 1998 gefehlt hat?
Da bin ich mir sicher. Wir waren einfach nicht von unseren Qualitäten überzeugt. Wenn man ein solches Turnier gewinnen will, sind die richtige Einstellung und Mentalität von enormer Bedeutung - das gilt für jede einzelne Mannschaft. Und die Oranjes bringen all diese Voraussetzungen mit. Ich bin schon sehr gespannt darauf, wie das Finale letztendlich ausgeht. Es kommt bei einem solchen Spiel natürlich auch auf das Timing an.
Im Gegensatz zu seinen Vorgängern Louis van Gaal, Frank Riijkard oder Marco van Basten ist van Marwijk auf der internationalen Fussballbühne weniger bekannt. Folglich stand der Trainer auch weniger unter Druck. Ist das als ein Grund für seine erfolgreiche Trainerarbeit anzusehen?
Es kann schon von Vorteil sein, wenn die Erwartungen nicht so hoch sind. Doch wir haben bereits bei der EM 2008 gesehen, dass diese Mannschaft in der Lage ist, guten Fussball zu spielen. Ihr größter Fortschritt liegt meiner Meinung nach in ihrem pragmatischen Spielansatz. Zudem verfügt der Trainerstab des Teams durchaus über große internationale Erfahrung.
Haben die Oranjes ihr traditionelles Spiel, das ja bekannt war für seine Eleganz und seinen Schwung, nun endgültig gegen diese eher pragmatische Spielweise eingetauscht?
Die Eleganz und der Wille nach einem technisch anspruchsvollen Spiel sind stets vorhanden. Wie ich bereits sagte, darf man den Faktor Glück nicht unterschätzen - und diese Mannschaft weiß einfach, wie man das Glück beim Schopfe packt. Bei der WM 1998 haben wir den schönsten Fussball gespielt, doch sind dann leider im Halbfinale im Elfmeterschießen ausgeschieden. Und dann die Niederlage bei der EM 2000 gegen Italien - dieses Spiel würden wir heute zehn Mal gewinnen! Bei beiden Turnieren haben wir eben genauso elegant und schwungvoll gespielt, wie es die Niederländer von uns erwartet hatten. Allerdings hat das nicht für den Titel gereicht.
Sie sind ja bestens mit dem spanischen Fussball vertraut. Was ist Ihrer Meinung nach besonders wichtig für die Partie am Sonntag?
Ich nehme mir nicht heraus, den Spielern zu sagen, wie sie am besten spielen sollen. Als Außenstehender ist es immer schwierig zu sagen: 'Ihr müsst so und so spielen und dies und das machen.' Ich weiß nur, dass die Spanier ihren Gegnern immer auch zwei, drei Chancen eröffnen, insbesondere durch Ballverluste im Mittelfeld. Außerdem denke ich, dass Robben auf seiner Außenbahn einiges bewirken kann, denn Capdevila ist vom Spielerprofil her nicht der optimale Verteidiger für Robben, auch wenn er ansonsten ein hervorragender Abwehrspieler ist. Ich würde mir wünschen, dass Robben für mächtig Unruhe in der spanischen Abwehr sorgt.
Bei den letzten drei Turnieren gehörten sie nicht zur niederländischen Auswahl. Erhoffen Sie sich dennoch eine Rückkehr in die niederländische Nationalmannschaft?
Auf jeden Fall! Ich träume immer noch davon, einmal einen Titelgewinn im Trikot der Oranjes zu feiern. Ich hatte fest damit gerechnet, einen Platz in dieser Mannschaft zu bekommen. Doch die Wahl ist anders ausgefallen und ich habe die Entscheidungen stets respektiert. Wenn man bedenkt, dass Van Bronckhorst mit 36 Jahren noch als Stammspieler aufläuft, dann sind meine Hoffnungen noch berechtigt.
Auch mit 34 Jahren scheinen sie körperlich extrem fit zu sein und strahlen auch mental eine unheimliche Energie aus. Wie machen Sie das?
Ich habe es mir zum persönlichen Ziel gesetzt, mich stets weiterzuentwickeln und zu verbessern - und an diesem Ziel halte ich fest. Nur so bleibt man im Kopf und in den Beinen fit. Ich achte sehr auf meine Gesundheit. Ich trinke nicht, rauche nicht und gönne mir Ruhephasen, wenn ich erschöpft bin. Außerdem trainiere ich einfach gern. Oft bleibe ich nach dem Training noch 30 Minuten länger auf dem Platz und trainiere ein wenig für mich allein. Nur wer die Lust am Fussball bewahrt, kann sich stets aufs Neue motivieren.
Sie sprachen davon, sich stets weiterzuentwickeln und zu verbessern. Was genau meinen Sie damit?
Ich würde mich selbst als einen Profi im Abgucken bezeichnen [lächelt]. Ich übernehme vieles, was ich bei anderen Spielern sehe. Konstruktives Abgucken, sozusagen [lacht]. Nein, im Ernst. Es ist sehr wichtig, als Spieler stets kreativ zu bleiben, seine Qualitäten immer weiter auszubauen und sich zu verändern. Beim Fussball spielt sich vieles im Kopf ab. Wenn dein Gegenspieler dich bei der nächsten Begegnung nicht genau einschätzen kann, dann ist das schon ein enormer Vorteil. Man muss sich daher stets Ideen von anderen Spielern holen, insbesondere von den jungen Spielern, die gerade erst anfangen und vieles ausprobieren.
Ihre Stiftung "Champions for Children" setzt sich für Kinder in Afrika ein. Es ist sicherlich ein ganz besonderes Gefühl für Sie, bei einer WM auf dem afrikanischen Kontinent dabei zu sein. Sie sind nun seit einem Monat hier in Südafrika. Welche Bilanz ziehen Sie aus ihrem Aufenthalt?
Ich möchte zunächst einmal der FIFA meinen Dank für die Organisation dieses Turniers aussprechen. Es war eine fantastische Erfahrung und ich habe zum ersten Mal erlebt, welchen organisatorischen Aufwand eine WM mit sich bringt. Als Spieler bekommt man gar nicht mit, was alles hinter den Kulissen passiert. Ich möchte mich auch bei den Sicherheitskräften, den Fans und den Menschen in Südafrika bedanken. Auch wenn die Stadien stets sehr gut besucht waren, ist es nie zu Ausschreitungen gekommen - auch nicht auf dem Stadiongelände. Die Menschen in Afrika waren sehr gastfreundlich. Als Fussball-Fan habe ich meine Zeit hier also sehr genossen. In meiner Rolle als Fussball-Experte muss ich allerdings gestehen, dass ich vom Turnier in fussballerischer Hinsicht ein wenig enttäuscht bin. Wir mussten uns bis zum Viertelfinale gedulden, um wirklich schönen Fussball zu sehen. Das liegt in erster Linie an den defensiven Spielstrategien.












