Ein Traum wird wahr
© AFP

Ein erwachsener Mann sollte eigentlich nicht weinen. Erst recht nicht, wenn es sich um einen breitschultrigen Hünen handelt, der normalerweise hart in die Zweikämpfe geht und kein Problem damit hat, sich mit dem Kopf voran in den Lauf seiner Gegenspieler zu werfen.

Aber als die neuseeländische Nationalhymne um 13:25 Uhr in Rustenburg durch das Royal-Bafokeng-Stadion schallte, sah man Ryan Nelsen mit den Tränen kämpfen. Der Grund dafür: Nach einer 11-jährigen Fussballkarriere stand er nun vor seinem ersten Auftritt auf der Fussballbühne, auf der bis vor einiger Zeit kaum jemand die Kiwis vermutet hätte. Er war bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ dabei.

"Es war sehr, sehr bewegend für mich", erklärte er im Anschluss an die Partie gegenüber FIFA.com. "Ich finde es immer sehr bewegend, für mein Land zu spielen, aber das hier ist die Weltmeisterschaft. Größer geht es einfach nicht. Davon habe ich schon seit langem geträumt."

Auch beim Abpfiff zeigte Nelsen sich von seiner emotionalen Seite. Dieses Mal war allerdings pure Freude und Begeisterung der Grund: Neuseeland, das vor dem Spiel gegen die Slowakei als krasser Außenseiter galt und über weite Strecken der Partie den schwächeren Eindruck machte, erzielte wenige Sekunden vor Schluss den Ausgleichstreffer zum 1:1.

"Das war einfach ein unglaubliches Gefühl", so Nelsen begeistert. "Wir haben nie aufgehört, an uns zu glauben. Obwohl sie die größeren Spielanteile hatten, wussten wir, dass wir irgendwann eine Chance bekommen würden. Selbst als wir gegen Spielende eine Möglichkeit vergaben [Anm. d. Red.: Shane Smeltz stand in der 84. Minute ungedeckt am langen Pfosten und jagte einen Kopfball aus kurzer Distanz am Tor vorbei] wussten wir, dass bis zum Abpfiff noch alles drin war."

Diese Lektion dürfte die Slowakei gelernt haben. Winston Reid, der auf U-21-Ebene noch für Dänemark gespielt hatte und sich erst im März entschloss, für Neuseeland zur Verfügung zu stehen, traf in der 93. Spielminute ins Schwarze.

"Die Atmosphäre in der Kabine war überwältigend. Wir sind natürlich super zufrieden. Es wurde viel gesungen, traditionelle Lieder aus der Heimat, und die Fernseh-Crew hat uns dabei erwischt, wie wir wild herumgetanzt sind", so Nelsen lachend. "Es war einfach toll."

Als Nächstes steht für Neuseeland der amtierende Weltmeister Italien auf dem Programm. Obwohl die Begegnung auf dem Papier ein Kampf zwischen David und Goliath zu sein scheint, gibt es einiges, was dem Außenseiter Mut machen sollte. Nach dem Remis gegen die Slowakei werden die Neuseeländer sicherlich mit einem ganz neuen Selbstbewusstsein in die Partie gehen, während die Italiener nach dem wenig überzeugenden 1:1-Unentschieden gegen Paraguay am gestrigen Tag bereits gehörig unter Druck stehen. Letztes Jahr um diese Zeit haben die Schützlinge von Marcello Lippi das Team von Ricky Herbert in einem Freundschaftsspiel in Atteridgeville gerade einmal mit 4:3 besiegt, und der Ozeanienmeister hat sich nach eigenem Empfinden seitdem beträchtlich gesteigert. Außerdem ist Nelsen der Ansicht, dass die Neuseeländer im Strafraum über einen Vorteil verfügen, aus dem sich durchaus Kapital schlagen lässt.

"Wir haben einige wirklich große Spieler, die wissen, wie sie ihre Körpergröße einsetzen müssen und wirklich für Gefahr sorgen können" erklärt der Innenverteidiger der Blackburn Rovers. "Italien ist natürlich eine starke Mannschaft, aber wir glauben an uns. Wir müssen in der Abwehr gut stehen und einige kleine Dinge korrigieren, die heute nicht optimal waren. Aber wir glauben, dass wir Erfolg haben können.

"Wir haben heute gezeigt, dass im Fussball alles möglich ist. Wir haben uns selbst die Chance aufs Achtelfinale offengehalten. Jetzt stehen uns zwei schwierige Partien gegen Italien und Paraguay bevor, aber das Achtelfinale ist noch immer unser Ziel. Wenn wir weiterkämen, dann wäre das der größte sportliche Erfolg in der Geschichte Neuseelands."