Gary Lineker, Gewinner des Goldenen Schuhs von adidas beim FIFA Weltpokal™ Mexiko 1986, ist der treffsicherste englische WM-Torjäger mit zehn Toren in den beiden Turnieren 1986 und 1990.

Heutzutage ist Lineker bei der BBC tätig und berichtet von der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™. Dennoch nahm er sich eine kleine Auszeit von seinen Fernsehverpflichtungen in Berlin, um sich mit FIFAworldcup.com über das Turnier zu unterhalten.

Was sind allgemein Ihre Eindrücke von Deutschland 2006?
Was mich am meisten beeindruckt hat, war die Herzlichkeit hier und die Unterstützung für das Turnier - das großartige Gefühl in den Städten und die vielen Nationen, die sich in wirklich guter Stimmung getroffen haben. Im ganzen Land hat es diese Feststimmung gegeben. Was das Turnier selbst angeht, haben die Deutschen eine große Show geboten - fantastische Stadien, großartige Plätze, fast jedes Spiel war ausverkauft. Das alles war ein großes Spektakel.

Und der Fussball selbst?
Es hat sehr gut begonnen, denn zunächst haben wir viele tolle Tore gesehen. Dennoch glaube ich, dass diesem Turnier eine wirklich große Mannschaft gefehlt hat, und ein oder zwei Weltklassespieler haben auch nicht die Leistungen geboten, die sie erhofft hatten. Dieser Aspekt ist etwas enttäuschend, aber insgesamt war es eine tolle Sache.

Als früherer Gewinner des Goldenen Schuhs von adidas haben Sie welche Angreifer am meisten beeindruckt?
So vielen ist es gar nicht gelungen, zum Turnier in Bestform zu sein. Natürlich führt Miroslav Klose die Torschützenliste an mit seinen fünf Treffern. Wenn es dabei bleibt, ist es das erste Mal seit 40 Jahren, dass man mit so wenigen Toren den Goldenen Schuh holt. Thierry Henry könnte diese Marke noch übertreffen – der Franzose hat langsam begonnen, spielt aber mittlerweile ein gutes Turnier und hat etwas mehr von der Form gezeigt, die man von ihm aus dem Verein kennt. Abgesehen davon hat keiner der Torjäger wirklich überzeugt. Fernando Torres hat einige Partien recht gut gespielt, aber das war's auch schon. Das ist überhaupt das Problem mit den Stars. Die meisten überragenden Spieler hier waren vermutlich Verteidiger.

Sprechen wir noch einmal über Klose. Was gefällt Ihnen an ihm?
Klose hat torgefährlich gewirkt, wie schon bei der letzten WM-Endrunde. Ich glaube, er ist ein klassischer Torjäger. Sein Stellungsspiel im Strafraum ist sehr gut und wenn er eine Chance hat, nutzt er sie meist eiskalt. Er hat eine beeindruckende Bilanz auf internationaler Ebene und hat das hier auch bestätigt. Wichtig für ihn war, dass er seine Form auch im Turnier noch gehalten hat, was vielen anderen nicht gelungen ist. Viele haben heutzutage eine beeindruckende internationale Bilanz, doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und auch anderer Staaten hat man es jedoch oft mit schwächeren Gegnern zu tun, so dass dies die wahren Torjägerfähigkeiten etwas verschleiert. Nur wenn man diese Leistungen auch in einem großen Turnier zeigen kann, ist man wirklich ein Topstürmer.

Machen taktische Zwänge mittlerweile den Stürmern das Leben schwer?
In der Gruppenphase lief alles noch wunderbar, da gab es viel Offensivfussball. Als wir jedoch in die K.-o.-Runden kamen, fingen alle an, etwas vorsichtiger zu spielen. Das gilt auch für die englische Mannschaft. Die Trainer sollten sich damit befassen. Manchmal kommt noch ein wenig Angst dazu - niemand möchte einen Fehler machen, niemand ist bereit, ein Risiko einzugehen. Ich glaube, dass die Mannschaften, die am Ende etwas riskiert haben, wie zum Beispiel Frankreich, dafür auch belohnt wurden.

Sie haben vorhin die Verteidiger erwähnt. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?
Ich glaube (Fabio) Cannavaro vor allem, er spielt herausragend bei den Italienern. Auch unser eigener Rio Ferdinand hat ein großes Turnier gespielt. Ansonsten hat (Lilian) Thuram gezeigt, dass er auch in seinem Alter noch ein großer Spieler ist. (Marco) Materazzi hat ebenfalls sehr stark gewirkt. Abgesehen von ein oder zwei Verteidigern fällt es sehr schwer, überragende Spieler zu finden.

Wie bewerten Sie Englands Auftritt?
Ich glaube nicht, dass die Mannschaft hier richtig ins Spiel gekommen ist. Es gab ein paar Halbzeiten, in denen sie recht gut gespielt haben und man schon hoffte, dass es nun laufen würde. Aber insgesamt hat die Sache mit Sven (Göran Eriksson) doch für eine zu negative Stimmung gesorgt. Wir haben unsere Stärken nicht genutzt, wir haben kein gutes Pressing gespielt und nicht den angriffslustigen, aggressiven Fussball gespielt, der uns doch am besten liegt. Kurz gesagt, wir haben uns das Leben selbst schwer gemacht. So wie wir im Mittelfeld aufgestellt waren, ohne Unterstützung für die Stürmer vorne, haben wir einfach nur das Talent unserer guten Einzelspieler verschwendet. Die Spieler werden später auf das Turnier zurückblicken und die vertane Chance bejammern. Hier hätte man siegen können, denn es gab keine wirklich große Mannschaft in Deutschland.