Prandelli: "Ohne Angst vor der Konkurrenz"
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Nachdem die Titelverteidigung bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™ so kläglich gescheitert ist und die Italiener bereits nach der Gruppenphase die Heimreise antreten mussten, herrschte allseits das Gefühl vor, das Team müsste wieder bei Null anfangen.

Und wer sollte für eine solche Mission besser geeignet sein als Cesare Prandelli? Wenn Marcello Lippi, der 2006 Weltmeister geworden war, es nicht schaffte, den Erfolg mit der Squadra Azzurra zu wiederholen, war es an der Zeit, jemanden ans Ruder zu lassen, der vielleicht nicht gerade eine riesige Titelausbeute zu verzeichnen hatte, aber auf jeden Fall wusste, wie man eine Mannschaft wieder aufrichtete.

Es ist immer schwer, alle glücklich zu machen und gleichzeitig gute Ergebnisse zu erzielen.
Cesare Prandelli

Als Trainer stieg Prandelli zwei Mal von der Serie B in die Serie A auf: mit Hellas Verona, dem Serie-B-Meister von 1999, und mit dem AC Venedig, dem Viertplatzierten von 2001. Sein letztes Vorzeigeprojekt vor seiner Berufung zum Nationaltrainer war der AC Florenz, für den er fünf Jahre tätig war. Zwar holte er mit dem Klub keinen Titel, aber er gab ihm seinen Stolz zurück.

Und neuer Stolz war sicher auch das Minimum, was man sich von der Ankunft des 55-jährigen Trainers aus Brescia am Ruder der Nationalmannschaft erwartete. Ihm kommt die knifflige Aufgabe eines Neuanfangs zu, und wenn man die Entwicklung bis zum Ende der UEFA EURO 2012 betrachtet, dann scheint er durchaus auf dem richtigen Weg zu sein.

Wenige Monate nach dem zweiten Platz bei der EURO unterhielt sich FIFA.com mit Prandelli über seine bisherige Arbeit.

Die Leistungen Italiens bis zum Ende der UEFA EURO 2012 scheinen viele Leute überrascht zu haben. Haben Sie das Gefühl, dass die Mannschaft seitdem mehr Respekt genießt?
Ja, schon! Damals haben wir uns auf unser Ziel konzentriert, und zwar das Vertrauen unserer Fans zurückzugewinnen. Wir wollten zeigen, was uns das blaue Trikot bedeutet und wie viel Respekt wir davor haben. Wir haben es dann außerdem geschafft, guten Fussball zu spielen. Jetzt müssen wir Erfahrung sammeln und besser vorbereitet in die großen Turniere gehen - ohne Angst vor der Konkurrenz. Wir müssen in der Lage sein, es mit großen Mannschaften aufzunehmen: mit Respekt, aber auch mit dem Bewusstsein, dass wir auf höchstem Niveau spielen können.

Inwiefern kann sich die Mannschaft im Vergleich zur UEFA EURO 2012 noch verbessern?
Wir haben einige sehr interessante Nachwuchsspieler, und ihre Entwicklung im Laufe der nächsten Monate wird entscheidend sein. Wir haben traditionell auch immer gute Offensivspieler. Daher hoffe ich, dass unsere Nachwuchsakteure Erfahrungen sammeln können, ohne dass ihnen zu viel Verantwortung aufgebürdet wird.

Viele zeigten sich vor allem überrascht von der Leistung Andrea Pirlos im gesamten Saisonverlauf und vor allem bei der EURO. Haben Sie mit ihm ein Gespräch über seine Rolle im Team geführt?
Was da mit Pirlo passiert, ist etwas ganz Besonderes. Pirlo und Buffon gehören zu den Leuten, die die Azzurra am meisten unterstützen und alles für das Team tun würden. Andrea gehört er zu den besten Spielern der Welt. Er versteht es nicht nur, das Spiel zu lesen, sondern verleiht der Mannschaft auch Charakter. Für uns ist er ein Führungsspieler. Solange er motiviert ist und Lust hat zu spielen, wird er immer herausragende Leistungen bringen. Daher ist es unmöglich, ihn nicht zu berücksichtigen.

Diese Spieler waren die Grundpfeiler im Erneuerungsprozess der Mannschaft, ähnlich wie bei anderen Teams, beispielsweise Brasilien. Was ist für Sie das schwierigste an diesem Prozess?
Ich glaube, dass Schwierigste ist es, die Kritiker zufriedenzustellen [lacht]. Es ist immer schwer, alle glücklich zu machen und gleichzeitig gute Ergebnisse zu erzielen. Aber wir wollten frühzeitig mit dem Erneuerungsprozess einsetzen, um bis 2014 bereit zu sein. Was Brasilien angeht, das erste Bild, was einem in den Sinn kommt, ist Zauberfussball voller Technik und Kreativität. Aber ich denke, die Brasilianer bereiten sich auch darauf vor, ergebnisorientierter zu agieren, und legen inzwischen auch mehr Betonung auf Physis und Taktik. Vor einer solchen Fangemeinde braucht man bei einer WM ein Team mit Charakter.

Vor dieser WM steht Ihrer jungen Mannschaft aber noch der FIFA Konföderationen-Pokal bevor, bei dem dieses Jahr Teams aufwarten, die insgesamt zwölf Weltmeister-Titel auf sich vereinigen. Kann es ein Vorteil sein, dieses Turnier vor der WM bestritten zu haben?
Das ist ein sensationeller Wettbewerb, weil Teams wie Brasilien, Spanien, Italien und Uruguay dort vertreten sind und damit viele Weltmeister-Titel. Insbesondere ist er aber von Bedeutung, weil er ein Jahr vor der WM stattfindet. Daher wird es im Juni interessant sein zu sehen, auf welchem Niveau sich diese Mannschaften befinden. Aus all diesen Gründen ist es natürlich ein Vorteil, bei diesem Turnier dabei zu sein. Wir haben dort die Chance, weitere Erfahrungen zu sammeln und einen Vorgeschmack darauf zu bekommen, wie die Atmosphäre bei der WM sein wird. Das ist besonders für die jungen Spieler wichtig.