DFB-Elf will "Statistik brechen"
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Bundeskanzlerin Angela Merkel als Edelfan auf der Tribüne, ein halbes Dutzend Spieler im Lazarett und den Angstgegner gegen sich: Die deutsche Nationalmannschaft steht vor dem Jahres-Auftaktspiel am Mittwoch in Frankreich (21:00 Uhr) gehörig unter Druck.

Dass der Test in Frankreich "keine Spaß-Veranstaltung" wird, hatte Bundestrainer Joachim Löw schon im Vorfeld erklärt. Doch die Voraussetzungen für den ersten deutschen Auftaktsieg seit 2008, den ersten Erfolg gegen die Equipe Tricolore seit 1987 und den ersten in Frankreich seit 1935 haben sich seit Wochenfrist durch weitere Absagen noch verschlechtert. Dennoch fordert Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff unmissverständlich: "Die Statistik muss gebrochen werden. Wenn uns ein Sieg gelingen würde, wäre das ein guter moralischer Aspekt für die Mannschaft."

Nach den Münchenern Holger Badstuber und Bastian Schweinsteiger fehlen nun auch Miroslav Klose (Lazio Rom) und die Dortmunder Marcel Schmelzer, Mario Götze und Marco Reus verletzungsbedingt. Zwei weitere Spieler sind angeschlagen, den Dortmunder Sven Bender nominierte Löw deshalb nach. Stammtorhüter Manuel Neuer, der über seine vorübergehende Versetzung auf die Ersatzbank alles andere als erfreut ist, sorgte zudem für Misstöne.

"Der Auftakt ist natürlich wichtig", sagt Bierhoff. Besonders nach dem unglücklichen Jahr 2012 mit dem EM-Aus im Halbfinale und dem denkwürdigen 4:4 gegen Schweden. "Dieses Spiel hat einen großen Stellenwert, auch durch den Besuch der Kanzlerin. Deshalb wollen wir uns gut präsentieren. Am liebsten würden wir mit dem kompletten Kader antreten, aber das muss man nun so akzeptieren."

Das Duell in Frankreich sei nun eben "eine Gelegenheit für andere, sich zu präsentieren und das ein oder andere weiterzuentwickeln", schließlich, so Bierhoff, wolle man ja "diesen Konkurrenzkampf". Doch seit dem Wochenende wurden viele Vorstellungen durchkreuzt. Götze und Reus hätten vor ihren Absagen sicher ihre Bewährungschance bekommen. Der angeschlagene Gündogan hätte sich nach seinen starken Leistungen in Dortmund eventuell als Schweinsteiger-Ersatz profilieren dürfen. Die Problemzone links hinten ist durch Schmelzers Ausfall wieder akut. Und im Sturm steht Löw nach der beharrlichen Missachtung des Leverkuseners Stefan Kießling nur noch der in München zum Bankdrücker degradierte Mario Gomez zur Verfügung.

Im Tor kommt der Hamburger René Adler 812 Tage nach seinem zehnten zu seinem elften Länderspiel, doch dessen Einsatz ist eher eine Belohnung denn eine echte Bewährungsprobe. "Ich sehe das nicht als Chance, die Nummer eins zu werden. Das eine Spiel wird an der Rollenverteilung nicht viel ändern, da brauche ich mir nichts vorzumachen", sagt Adler selbst: "Dieses Spiel ist für mich der Lohn harter Arbeit und ein sensationelles Erlebnis. Aber ich bin weit davon weg, dieses eine Spiel zu nutzen, um Druck zu machen."

Neuer, der an Adler erst durch dessen Verletzung kurz vor der FIFA WM 2010 vorbeigezogen war, sieht in der einstigen Nummer eins aber anscheinend einen echten Rivalen. Seinen Unmut über die Reservistenrolle beurteilt man beim DFB gelassen. "Es ist nicht nur legitim, es freut mich sogar, dass er gerne spielen will. Ich wäre traurig, wenn ein Spieler sagen würde, es sei ihm egal", sagt Bierhoff.

Ein anderer Bayern-Profi, nämlich Gomez, soll die Tage bei der Nationalelf nutzen, um Selbstvertrauen zu tanken. "Die vergangenen Jahre habe gezeigt, dass die Nationalmannschaft schon einigen Spielern geholfen hat, durch schwere Zeiten im Verein durchzugehen", erklärt der darin selbst erfahre Ex-Nationalstürmer Bierhoff und hofft auf einen Trotzeffekt bei Gomez, der verletzungsbedingt seit der EM nicht mehr im DFB-Kader stand: "Marios Qualitäten stehen außer Frage. Und für uns ist es gut, wenn Spieler kommen, die heiß sind, nicht müde, und hier auf sich aufmerksam machen wollen."

Das will Gomez zweifellos, doch Frust verspürt er trotz seiner Joker-Rolle im Verein angeblich gar nicht. "Was soll der Trainer denn tun?", fragt er mit Verweis auf seine Verletzung und die guten Leistungen der aktuellen Stammelf. Deshalb solle man in seinem Fall auch nicht von der "Wohlfühloase Nationalmannschaft" sprechen: "Ich fühle mich sehr, sehr wohl bei Bayern und kann das alles gut einschätzen."

Bundestrainer Löw strotzt nach einer kurzen Frustphase derweil nach eigener Auskunft wieder vor Tatendrang. "Nach der Enttäuschung bei der EM habe ich ein wenig Zeit gebraucht, um zu analysieren und mir Gedanken zu machen", sagte er der Sport Bild: "Nun gilt mein Fokus wieder den Zielen, die vor uns liegen. Ich spüre erneut eine große Motivation für die Zukunft."