Iniesta: "Das Geheimnis ist die Stabilität"
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Der Spanier Andrés Iniesta ist laut Aussage seiner eigenen Teamkameraden ein perfekter Fussballer. Der intelligente, elegante und gleichzeitig torgefährliche Spieler ist nicht nur Dreh- und Angelpunkt des FC Barcelona und der spanischen Nationalmannschaft, sondern hat außerdem auch noch das wichtigste Tor in der Geschichte von La Roja erzielt.

Mit einem platzierten Rechtsschuss gegen die Niederlande bescherte er den Iberern ihren ersten und bisher einzigen Titelgewinn bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™.

Als Kind war ich immer sehr auf Pep Guardiola und Michael Laudrup fixiert. Das waren die beiden Spieler, denen ich am liebsten ähnlich sein wollte.
Andrés Iniesta

Zehn Jahre nachdem ihm bei der FIFA U-20-Weltmeisterschaft in den Vereinigten Arabischen Emiraten der Durchbruch gelang, ist der gebürtig aus Fuentealbilla (Kastilien-La Mancha) stammende Spieler noch immer mit demselben Ehrgeiz bei der Sache. Nicht zuletzt deshalb gehörte er jüngst gemeinsam mit Lionel Messi und Cristiano Ronaldo zu den Finalisten um den FIFA Ballon d'Or.

FIFA.com unterhielt sich mit ihm über die Idole seiner Kindheit, anstehende Herausforderungen für den katalanischen Klub und den amtierenden Weltmeister sowie über das, was ihn Tag für Tag inspiriert.

Andrés, die Teilnahme an der Gala FIFA Ballon d'Or ist bei Ihnen ja fast schon zur Gewohnheit geworden. Was geht Ihnen bei solchen Veranstaltungen durch den Kopf, wenn Sie an die zurückliegenden Jahre denken?
Das waren wirklich schöne, gute Gefühle. Wenn man das Ganze einmal nüchtern betrachtet, ist es immer ein Grund zur Freude, zu den Auserwählten für diese Auszeichnungen zu gehören oder Teil der Weltauswahl zu sein. Es ist etwas sehr Schönes, wenn die Leute das zu schätzen wissen, was du tust. Das ist mit Sicherheit etwas ganz Besonderes.

Nicht wenige Leute sagen: 'Messi macht bei Barcelona zwar die Tore, aber Iniesta ist der Antrieb des Teams.' Was sagen Sie zu dieser Aussage?
Ich finde, das volle Potenzial jedes einzelnen Spielers macht ein mächtiges Team aus. Barça wird durch Leo besser und Leo wird durch Barça besser. Der Fussball ist kein Einzelspiel, sondern ein Mannschaftssport, bei dem die Summe aller die Fähigkeiten des Einzelnen viel stärker zur Geltung bringt. Ich spiele viel besser mit Leo, Leo spielt mit unserem Team besser. Das ist es, was zählt. Wir müssen uns alle dafür verantwortlich fühlen, dass das Team seine Sache gut macht.

Also, Messi hat gesagt, dass Sie den FIFA Ballon d'Or auch verdient gehabt hätten...
Na gut… [lacht]. Das ist ein schönes Lob von Leo, einem Mannschaftskameraden, den ich schon lange kenne und mit dem ich zusammenspiele. Das ist sehr nett von ihm. Auch wenn wir beide für diese Auszeichnung auf dem Podium stehen, werde ich ihn nie als Rivalen betrachten. Für mich bleibt er mein Teamkamerad. Ich habe mich auch darüber gefreut, dass Leo seinen vierten Ballon d'Or gewonnen hat.

Lassen wir das Jahr 2012 noch einmal Revue passieren, in dem Sie außerdem von der UEFA als bester Spieler in Europa ausgezeichnet wurden. Welches Ereignis ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
Vielleicht die Europameisterschaft. Weil dieser Wettbewerb für die Mannschaft so wichtig war, denn keine andere Nationalmannschaft hat das erreicht, was wir geschafft haben [Europameister, dann Weltmeister, dann erneut Europameister]. Und dann ist es natürlich so, wie ich immer sage: Vor allem ist mir das Gefühl geblieben, gut gespielt zu haben, glücklich zu sein, mich Tag für Tag zu verbessern. Das ist für mich Jahr für Jahr das Wertvollste.

Kürzlich haben Sie in einem Interview erklärt, Ihre Leistungen auf dem Spielfeld seien ein Spiegelbild Ihres Lebens abseits davon. Da muss es ja in Ihrem Privatleben besonders gut laufen, wenn Sie so super Leistungen auf dem Platz bringen können...
Das Erfolgsgeheimnis ist die Stabilität, die ich abseits des Spielfelds habe: mit meiner Frau, meiner Tochter, meiner Familie, mit den Leuten, die mich umgeben. Jeder Mensch ist da anders. Sicherlich gibt es auch Leute, die in Situationen, in denen es für sie abseits des Platzes nicht so gut läuft, auf dem Spielfeld ein Ventil finden, um alles herauszulassen. In meinem Fall sind diese beiden Welten aber ganz eng verknüpft.

2012 hat Barcelona nur einen einzigen Titel geholt, das ist im Vergleich zu den Vorjahren eher ungewöhnlich. Kommt Ihnen das vor wie eine zu magere Ausbeute?
Es ist keine magere Ausbeute, sondern wir haben die Copa del Rey geholt. Und wir waren sowohl in der Liga als auch in der Champions League ganz nah dran. Im Sport - oder bei Barça - wird immer von uns erwartet, dass wir um jeden Titel kämpfen. Das haben wir getan, und in anderen Jahren haben wir den Schritt gemacht, der dieses Mal fehlte. 2012 sind wir bis ans Limit gegangen, wo wir auch hingehen mussten, um es zu schaffen, aber es hat ein kleines Stück gefehlt. Das wird dieses Jahr ein Anreiz für uns sein, erneut um alle Titel zu kämpfen.

Das vergangene Jahr war auch aus Gründen abseits des sportlichen Bereichs sehr speziell: Da war einerseits der Weggang von Pep Guardiola, und dann gab es noch die Erkrankungen von Eric Abidal und Tito Vilanova zu beklagen. Wie haben sich diese Dinge in einer Mannschaft ausgewirkt, die bereits seit vielen Jahren eng zusammensteht?
Der Abschied von Guardiola ist eine Sache, die einfach passiert ist: Der Verein und er sind so übereingekommen, und daher ist es eine ganz normale Sache, die bei allen Mannschaften häufig vorkommt. Die beiden anderen Dinge, die Sie erwähnen, waren sehr schwere Schläge. Sehr schwer zu ertragen, vor allem für die betreffenden Personen selbst und ihre Familien. Wir haben einfach nur versucht, ihnen zur Seite zu stehen, irgendwie Kräfte zu mobilisieren und sie zu unterstützen, damit sie sich nach und nach erholen und wieder bei der Mannschaft sein können. Dass das Team so dynamisch ist und unbedingt alles gut machen will, hat auch etwas mit diesen schweren Schlägen zu tun, die wir überwinden mussten.

Können Sie sich vorstellen, eines Tages ein anderes Trikot als das des FC Barcelona überzustreifen?
Ich habe immer gesagt, dass es mein Traum ist, meine Karriere bei dem Klub zu beenden, bei dem ich mit zwölf Jahren angefangen und dem ich praktisch alles zu verdanken habe. Im Augenblick kommt es mir natürlich nicht in den Sinn zu wechseln, denn ich bin beim besten Klub, den es überhaupt gibt. Aber natürlich werden meine Leistungen darüber entscheiden, wie lange ich noch weitermachen kann. An dem Tag, an dem ich das Gefühl habe, dass ich keine 100 Prozent mehr geben kann, [werde ich aufhören], denn ich will meinen Klub nicht täuschen. Das ist ja logisch.

Kommen wir einmal auf die Nationalmannschaft zu sprechen. Ist das Team nach dem Ausscheiden beim FIFA Konföderationen-Pokal 2009 in Südafrika nun erst recht bestrebt, die Auflage von 2013 zu gewinnen?
Ja, ja! Im Fussball gibt es immer eine zweite Chance oder eine Chance, wieder zu gewinnen, oder etwas zu gewinnen, was man vorher verpasst hat. Dieses Jahr haben wir Gelegenheit dazu. Wir können es schaffen, und mit dieser Absicht treten wir auch an. Aber wir wissen natürlich auch, dass wir auf andere Teams treffen werden, die auch gewinnen wollen. Der Gastgeber, andere Weltmeister und dann treten wir noch in Brasilien an, das eine ganz besondere Kulisse bieten wird. Es wird einfach toll werden!

Wo wir schon von Brasilien sprechen, was sagen Sie zur WM-Qualifikation? Die Gruppe ist nach dem Unentschieden gegen Frankreich ziemlich hart umkämpft, oder?
Ja, das stimmt. Wir sagen zwar immer dasselbe, aber es stimmt einfach: Heutzutage ist es sehr schwer zu gewinnen, gegen welche Nationalmannschaft man auch antritt. Und wenn es sich um Frankreich handelt, gilt das natürlich erst recht. Wenn man in einer Partie nicht alles im Griff hat, dann gewinnt der Gegner oder holt ein Unentschieden. Genau das ist gegen Frankreich passiert. Aber wir sind trotzdem noch überzeugt davon, dass wir Gruppenerster werden, unsere Partien erfolgreich gestalten und auch in Frankreich einen Sieg holen können. Die Mannschaft verfügt über alle Voraussetzungen.

Sie sind derzeit für viele Nachwuchsspieler ein Idol. Wen haben Sie selbst als Junge bewundert? Wer war Ihr Vorbild?
Also, als Kind war ich immer sehr auf [Pep] Guardiola und [Michael] Laudrup fixiert. Das waren die beiden Spieler, denen ich am liebsten ähnlich sein wollte. Ich habe immer versucht, ihnen einiges nachzumachen. Und dann vergeht die Zeit, es läuft gut, und nun orientieren sich diejenigen, die jetzt so alt sind wie ich damals, eben an mir. Das bedeutet, dass man seine Sache gut macht.

Damit geht aber auch eine große Verantwortung einher. In der aktuellen Medienlandschaft wird alles, was Sie auf dem Platz und abseits davon tun, in der ganzen Welt bekannt. Wie kommen Sie damit klar?
Ja, natürlich. Jede Medaille hat zwei Seiten, nicht wahr? Sowohl die positiven als auch die negativen Aspekte sind sehr groß. Aber ich gehe ganz natürlich damit um. Das ist Teil meines Jobs. Man darf nicht vergessen, dass wir nicht nur Fussballer sind, sondern auch noch vielen Leuten als Vorbild dienen, die versuchen, es einem gleichzutun und einem ähnlich zu sein. Das ist eine große Verantwortung.

Zum Abschluss noch eine letzte Frage: Was haben Sie sich Ende letzten Jahres für 2013 gewünscht?
Gesundheit. Dass ich trainieren und gut spielen kann, das ist das Wichtigste. Der Rest ist Schicksal. Es kann besser oder schlechter laufen. Aber vor allem will ich gesund bleiben, damit ich weiterhin Spaß an dem haben kann, was ich tue - auf dem Platz und abseits davon.