Guardiola: "Ich habe den Fussball an sich vermisst"
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Am 7. Januar gab Pep Guardiola auf einer Pressekonferenz das bekannt, worauf viele schon lange sehnsüchtig gewartet hatten: Nach einer Auszeit von über sechs Monaten signalisierte er seine Bereitschaft, wieder eine Profi-Mannschaft zu trainieren. Wenige Minuten nach dieser Ankündigung und noch ohne das Wissen, dass er bald zu einer Einigung mit Bayern München kommen sollte, hatte FIFA.com Gelegenheit zu einem Exklusiv-Interview mit dem Erfolgscoach.

Der deutsche Rekordmeister kam zwar nicht zur Sprache, der Schöpfer des aktuell so erfolgreichen Teams des FC Barcelona ging jedoch auf seine unmittelbare Zukunft ein und legte die Bedingungen dar, unter denen er eine neue Herausforderung annehmen würde. Außerdem beleuchtete er sein Leben abseits der Trainerbank.

Das Gefühl, erwünscht zu sein und gebraucht zu werden, ist das Wichtigste in unserem Leben.
Pep Guardiola

Pep, Sie sind inzwischen Stammgast bei der Gala FIFA Ballon d'Or. Selbst dieses Jahr sind Sie dabei, obwohl Sie seit über sechs Monaten eine schöpferische Pause eingelegt haben. Haben Sie sich bereits an diese Art von Veranstaltung gewöhnt?
Na ja, man wird ja nicht Trainer, um an solchen Veranstaltungen teilzunehmen. Aber es ist natürlich eine Ehre, zum dritten Mal in Folge hier zu sein. Trotzdem denkt man nicht, dass man das Recht dazu hat oder besser ist als jeder andere. Ich hatte einfach das Glück, eine sehr gute Mannschaft zu trainieren. Daher habe ich jetzt die Möglichkeit, hier dabei zu sein.

Als Sie den FC Barcelona verließen, haben Sie erklärt, Sie fühlten sich 'leer'. Wie geht es Ihnen jetzt?
Es geht mir gut. Ich war an einem Punkt angekommen, an dem ich entschied, dass es genug war. Die Familie hatte auch viel mehr verdient, als ich ihr in den letzten Jahren gegeben habe. Und jetzt erleben wir ein Abenteuer, eine ganz andere Art zu leben. Aber ich bin erst 41 Jahre alt, auch wenn man mir das nicht ansieht, und das ist für einen Trainer noch jung. Dieses Jahr werde ich wieder auf die Trainerbank zurückkehren.

Sie haben New York als Wohnort gewählt, eine Stadt, in der der Fussball keine allzu große Rolle spielt. Das dürfte Ihnen etwas Abstand und Ruhe verschafft haben, oder?
Als Fussballer denkt immer man an den Fussball. Und wenn man Trainer ist, gilt das umso mehr. Man hat ihn immer im Hinterkopf. Aber es stimmt schon, die USA sind gesellschaftlich und kulturell kein Soccer-Land. Es gibt andere Sportarten, die stärker in der Stadt verwurzelt sind. Dort leben 14 Millionen Menschen, und jeder macht sein eigenes Ding. Na ja, und wir machen auch unser eigenes Ding [lächelt]: wir leben, lernen die dortige Lebensweise kennen und genießen die zahllosen Angebote dieser Stadt.

Sie können also in aller Ruhe durch die Straßen gehen, ohne behelligt zu werden...
Das könnte ich in Barcelona auch! Ich lasse mich nie aus der Ruhe bringen, aber es stimmt schon, dass man dort vollkommen unbemerkt bleibt.

Was haben Sie während dieser Zeit im Hinblick auf den Fussball vermisst?
Den Fussball an sich. Das gesamte Umfeld des Fussballs nicht so sehr. Herausfinden, wie eine Mannschaft spielt, wie man gegen sie gewinnen kann, diese ganz spezifischen Besonderheiten im Hinblick auf die Spieler, die einem zur Verfügung stehen und die man einsetzen kann, um ein Spiel zu gewinnen. Das ist zumindest für mich der einzige Grund, im Fussball tätig zu sein. Wenn das nicht wäre... [denkt nach]. Der ganze Rest ist nichts, was ich immer haben müsste. Ich kann sehr gut ohne diese Dinge leben und würde sogar noch weiter gehen: Man kann viel besser ohne sie leben. Aber das Spiel selbst hat eine große Anziehungskraft.

Wie müsste ein Projekt beschaffen sein, um Sie zu reizen und zu überzeugen?
Wichtig ist, dass jemand einen wirklich haben will. Das geht allen Trainern so. So einfach ist das. Dieses Streben ändert sich nicht, unabhängig davon, wie erfolgreich man vorher war. Das Gefühl, erwünscht zu sein und gebraucht zu werden, ist das Wichtigste in unserem Leben. Das gilt für die Menschen um uns herum ebenso wie für einen Klub. Sie sollen dir zeigen, dass sie dich wollen, und du brauchst die Vorstellung, dass du dort Spaß haben wirst. Es ist genauso, wie ich schon sagte, als ich bei Barcelona angefangen habe: Ich habe diesen Job nicht angenommen, weil ich daran dachte, im Mai Titel zu gewinnen. Es geht darum, Spaß zu haben, und dass die Spieler versuchen, das umzusetzen, was deiner Meinung nach am besten ist, um die Spiele zu gewinnen. Es geht darum, Spaß am Spiel zu haben.

Dennoch liegt die Messlatte durch die vielen Erfolge mit Barça bei Ihrem nächsten Job nun ganz schön hoch. Setzt Sie das zusätzlich unter Druck?
Ich würde es nicht ändern wollen! Ich mache lieber so weiter, mit den Erfahrungen, die ich gemacht habe, im Hintergrund. Das ist besser, als irgendwo anzufangen, wo du erst jeden überzeugen musst. Das ist jetzt schon etwas anders: Als ich damals bei Barcelona anfing, wollten 86 oder 87 Prozent der Leute mich nicht haben. Jetzt, nachdem alles so gut gelaufen ist, wird es die eine oder andere Mannschaft geben, die mehr Interesse an mir hat. Diese Dinge passieren nun einmal im Leben, man kann sie nicht steuern. Was wir erreicht haben, haben wir gemeinsam erreicht, viele Leute haben an einem Strang gezogen. Ich nehme die Erinnerungen an alles mit, was ich in diesen Jahren erlebt habe. Was auch immer andere sagen, diese Erfahrungen gehören mir und keiner kann sie mir nehmen.

Während der letzten Monate hat es immer wieder Gerüchte über eine eventuelle Rückkehr auf die Trainerbank gegeben. Viele Klubs und sogar die Nationalmannschaften Brasiliens und Argentiniens wurden mit Ihnen in Verbindung gebracht. Sind diese Gerüchte bis nach New York vorgedrungen?
Vor Jahren wäre das unmöglich gewesen, aber heute gibt es eine Maschine namens Computer und das Internet, über das man immer verbunden ist. Man muss nur mit seinen Leuten in Kontakt bleiben, mit ihnen kommunizieren - und schon weiß man, was vorgeht. Und ich rede nicht von dem, was über mich gesagt wird, sondern über alles, was in der Welt passiert. Die Informationen dringen immer durch.

Und wie haben Sie sich angesichts dieser Spekulationen gefühlt?
Ich fand das unangenehm wegen der Trainer, die zum jeweiligen Zeitpunkt die Ämter bekleideten, [mit denen ich in Verbindung gebracht wurde]. Ich würde nicht gern irgendwo als Trainer arbeiten, wenn mein Klub derartige Informationen in Umlauf bringt, während ich noch dort beschäftigt bin. Aber was das betrifft, habe ich mich aus allem herausgehalten, halte mich weiterhin aus allem heraus und werde mich auch in Zukunft aus allem heraushalten - aus Respekt vor den Leuten, die versuchen, ihre Arbeit zu machen. Abgesehen davon denkt man, dass man das Angebot nicht bekommt, weil man gut ist, sondern weil man viel gewonnen hat. Wir haben viel gewonnen, und deshalb bin ich jetzt etwas stärker gefragt als zu meiner Anfangszeit. Denn bei Barcelona haben nur drei oder vier Leute an mich geglaubt. Die anderen hatten nicht dieselbe Einstellung.

Und im Hinblick auf die Nationalmannschaften? Würden Sie Nationaltrainer werden?
Ich finde, eine Nationalmannschaft sollte von jemandem trainiert werden, der aus dem entsprechenden Land kommt. Ich glaube nicht, dass ich etwas beitragen könnte, was jemand aus dem Land nicht einbringen könnte. Was die Medien angeht, so ist die Presse empfänglicher. Als Nationaltrainer stehen einem nur kurze Zeiträume zur Verfügung, um mit dem Kader zu arbeiten. Die Beziehung des Trainers zu den Kommunikationsmedien ist sehr wichtig für eine ruhige Arbeitsatmosphäre. Die Nationalmannschaft ist stark mit der Identität eines Landes verwoben, und die haben die Menschen im Blut. Bei der geringsten Schwierigkeit würden Zweifel laut werden, [wenn man nicht von dort stammt]. Da sind Leute viel besser geeignet, die ihr Land lieben, seine Eigenarten und die Knackpunkte kennen, die jedes Land, jede Nationalmannschaft hat. Das ist auf jeden Fall besser.

In einem anderen Interview haben Sie uns vor einiger Zeit erklärt, die Spieler seien die Taktik. Wenn man einmal von diesem Prinzip ausgeht, ist die Spielweise Barcelonas dann überhaupt auf eine andere Mannschaft übertragbar?
Das Prinzip hinter Barcelonas Spielweise war ganz einfach: mit dem Ball spielen, alles damit machen. Jeder Fussballer auf der Welt hat sich irgendwann entschlossen, Fussball zu spielen, weil er an irgendeinem Ort, sei es nun ein kleines Dorf oder eine große Stadt, ein bisschen gekickt und Gefallen daran gefunden hat. Das System von Barça ist wirklich ganz einfach, auch wenn die Leute sagen, es sei ungeheuer kompliziert: Wir haben den Ball, und jetzt wollen wir mal sehen, ob sie es schaffen, ihn uns wieder abzunehmen. Wir spielen ihn uns so oft wie möglich gegenseitig zu, und dann schauen wir mal, ob wir ein Tor erzielen können. Diese Botschaft haben meine Vorgänger mir vermittelt, und ich habe versucht sie weiterzugeben, solange ich dort war. Die jetzige Vorgehensweise kenne ich nicht, aber wenn ich mir die Spiele anschaue, würde ich vermuten, dass sie ganz ähnlich ist. Klar ist auf jeden Fall, dass man als Trainer an das glauben muss, was man vermittelt - unabhängig davon, wo man gerade tätig ist. Und in Zukunft werde ich versuchen, das zu tun, was ich als Spieler getan habe, woran ich glaubte und was ich die fünf Jahre lang als Trainer getan habe: So gut wie irgend möglich angreifen, den Ball erobern und ihn zwischen den Spielern kreisen lassen, die dasselbe Trikot tragen.

In diesem Zusammenhang macht es Sie sicher stolz und zufrieden, wenn Sie sehen, wie Barcelona unter Tito Vilanova auftritt...
Ja, natürlich. Das schönste Geschenk, die beste Anerkennung, die ich bekommen konnte, ist, dass alles gut weiterläuft. Wenn man seine Sache gut macht, dann kann es auch weiterhin gut laufen, und das ist eine große Ehre für mich. Dass ich das, was mir selbst vermittelt wurde, in dem Maße weitergeben konnte, dass noch immer alles gut funktioniert, ist die größte Anerkennung.

Wo wir gerade von Tito Vilanova sprechen, wie betroffen waren Sie angesichts seiner gesundheitlichen Probleme?
Sehr betroffen. Aber ich weiß, dass er stark sein wird und medizinisch in guten Händen ist. Er hat einen Klub hinter sich, der ihn schützt, und vor allem steht die Familie ihm zur Seite. Ich bin sicher, dass er bereit ist zu kämpfen, um die Sache zu überwinden.

Es ist Halbzeit in der spanischen Liga, und Barcelona hat bereits einen großen Vorsprung vor Real Madrid. Ist das Rennen um die Meisterschaft praktisch schon entschieden?
Es müssten schon sehr viele Dinge passieren, aber wirklich sehr viele, um Barcelona diesen Titel noch streitig zu machen. Ich glaube nicht, dass da noch etwas anbrennt, denn der Vorsprung ist fast uneinholbar. Es ist nicht so, dass Madrid nicht alle Spiele gewinnen könnte, aber ich glaube nicht, dass Barcelona so viele verlieren wird. Der Vorsprung ist zu groß. Barcelona hat Spieler, die es gewohnt sind, zu gewinnen, und die über viele Qualitäten verfügen. Ich glaube, dass die Liga praktisch entschieden ist.

Bleiben wir einmal bei 'La Liga'. Wir wissen, dass Sie persönlich ein Bewunderer von Marcelo Bielsa sind, den Sie einmal als "den Besten auf dem Planeten" bezeichnet haben. Was würden Sie jetzt über ihn sagen, da Athletic Bilbao in der Meisterschaft zu kämpfen hat?
Es ist schwer, eine Analyse durchzuführen, wenn man nicht dort ist. Aber ich denke dennoch, dass er ein riesiges Vermächtnis hinterlassen wird. Was der Klub letztes Jahr geleistet hat, war einfach enorm. Die Partie, die wir gegen sie bestritten haben, gehörte zu den besten, die wir je bestritten haben. Der Klub hat einige sehr wichtige Spieler verloren, und Neuverpflichtungen gestalten sich schwierig, da der Markt für Athletic sehr gegrenzt ist. Wenn Sie mich nach meiner persönlichen Meinung über ihn fragen, dann würde ich ihn sogar noch besser bewerten als früher. Ich bewundere ihn noch immer. Vor allem bewundere ich seinen Umgang mit Schwierigkeiten, seinen Mut und wie er sich vor die Mannschaft stellt, wenn es nicht gut läuft. Außerdem mag ich seine Art, über seine Arbeit und seine Methodik nach Lösungen zu suchen. Ich versuche, viel von ihm zu lernen, denn der Sport besteht nicht nur aus Erfolgserlebnissen. Ich bewundere die Stärke, die er an den Tag legt, wenn es nicht gut läuft. Ich finde, es ist ein Geschenk für den spanischen Fussball und den Fussball im Allgemeinen, dass Marcelo noch immer über so viel Energie verfügt.