Rijkaard: "Messi ist einfach der Beste"
© Getty Images

Frank Rijkaard hat als Spieler und als Trainer schon viele Erfolge gefeiert. Doch der niederländische Star und aktuelle Trainer der saudiarabischen Nationalmannschaft gibt sich angesichts seiner Aufgabe am Persischen Golf keineswegs selbstgefällig. Rijkaard möchte den Grundstein für künftige fussballerische Erfolge Saudiarabiens legen und dazu – nach dem Vorbild der berühmten Kaderschmiede des FC Barcelona – die besten Talente des Landes schon in jungen Jahren fördern.

FIFA.com traf sich mit dem ehemaligen Trainer Barças und der Niederlande zu einem Gespräch über seine Pläne für den saudiarabischen Fussball, seine Erinnerungen an die Zeit in Barcelona und den möglichen nächsten Preisträger des FIFA Ballon d'Or.

FIFA.com: Frank, vor fast einem Jahr haben Sie das Amt als Nationaltrainer Saudiarabiens angetreten. Wie ist es seitdem gelaufen?
Frank Rijkaard:
Es war nicht leicht, aber das wussten wir ja schon von Beginn an. Ich denke, dass wir mit unseren letzten zwei Spielen den Teufelskreis der schlechten Ergebnisse durchbrochen haben. Gegen Kongo gelang uns in der Schlussphase der Siegtreffer und dann konnten wir mit einer starken Leistung Argentinien ein Unentschieden abringen. Das bedeutet, dass wir jetzt nach vorn blicken können.

Kürzlich haben Sie in einem Interview mit FIFA.com von einem Plan für die Zukunft des saudiarabischen Fussballs gesprochen, der auf der Förderung der Jugend basiert. Welche Fortschritte gibt es dabei?
Es läuft so, wie wir es möchten. Viele Menschen investieren viel harte Arbeit. Wir haben spanische Trainer geholt, die tagtäglich mit den jungen Spielern arbeiten. Auch darüber hinaus wird viel mit den jungen Spielern ab ungefähr zwölf Jahren gemacht. Das alles ist großartig, aber natürlich darf man nicht erwarten, schon morgen Ergebnisse einzufahren: Die Spieler sind erst zehn, zwölf Jahre alt und es wird noch ein ganzes Jahrzehnt dauern, bis die Ergebnisse sichtbar werden. Trotzdem ist dies alles erforderlich. Man schaue sich nur Japan als Beispiel an. Vor zehn Jahren hat man dort begonnen, ähnliche Pläne umzusetzen, und jetzt fährt man die entsprechenden Erfolge ein. Erfolg basiert auf Organisation, Entschlossenheit und Erfahrung, bei gleichzeitiger Beachtung aller Regularien. Das ist also keine einfache Sache.

Saudiarabien ist in der dritten Runde der Asien-Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™ ausgeschieden. Ist die Enttäuschung über die zweite verpasste WM-Teilnahme in Folge bei den Spielern schon etwas abgeflaut?
Ehrlich gesagt weiß ich es nicht. Wir haben kürzlich damit begonnen, jüngeren und weniger erfahrenen Spieler nach und nach mehr Verantwortung zu übertragen, beispielsweise in dem Team, das in unserem letzten Qualifikationsspiel gegen Australien antrat. Wir arbeiten daran, eine gelungene Mischung aus jungen und erfahrenen Spielern zusammenzustellen. Wenn man sich die letzten Ergebnisse gegen Kongo (3:2) und Argentinien (0:0) anschaut, dann sieht es so aus, als könnten wir hier etwas Neues aufbauen.

Lassen Sie uns kurz über die UEFA EURO 2012 sprechen. Hat das frühe Ausscheiden der Niederlande Sie überrascht? Was meinen Sie, woher diese Formschwäche kam?
Das hatte wohl niemand vor der EM erwartet. Aber während des Turniers wurde klar, das bei der niederländischen Mannschaft längst nicht alles in Ordnung war. So ist es nun mal im Fussball. Wenn man nicht zur richtigen Zeit die richtige Leistung bringt, dann geschehen solche Sachen. Das gehört zur Schönheit des Fussballs dazu. Leider ist es dieses Mal den Niederlanden passiert, aber es kann genau so gut jedes andere Team treffen.

Sie haben fünf Jahre als Trainer bei Barcelona verbracht. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Zeit bei dem Klub?
Nun, fünf Jahre sind eine ziemlich lange Zeit. Wir haben schwere Zeiten durchlebt und auch sehr gute. Es ist nur natürlich, dass man sich lieber an die positiven Aspekte erinnert. Ich bin sehr zufrieden, denn ich hatte die Gelegenheit, bei einem Topklub wie Barcelona zu arbeiten, mit zahlreichen großen Stars. Daher habe ich wunderbare Erinnerungen an meine Zeit dort.

Sie haben bei Barça eine längere Durststrecke ohne Titel beendet. Dabei haben Sie die UEFA Champions League, zwei Mal die Meisterschaft und zwei Mal den spanischen Pokal gewonnen. Würden Sie sagen, dass Sie das Fundament für die aktuelle Vormachtstellung Barcelonas gelegt haben?
Nein, ganz bestimmt nicht. Ich habe nur dort Station gemacht. Ich hatte viel Erfolg, das stimmt, aber alle Erfolge basierten letztlich auf den gemeinschaftlichen Leistungen aller Spieler. Allerdings muss ich wohl einen ganz guten Draht zu den Spielern gehabt haben, denn sonst hätte ich nicht zwei Meistertitel und die Champions League gewonnen. Letztlich liegt der Erfolg wohl darin begründet, dass Barcelona bereits seit vielen Jahren seinen Nachwuchsspielern in der eigenen cantera (Kaderschmiede) die Fussballphilosophie des Klubs beibringt, so dass eine einzigartige Fussballkultur entstanden ist. Die Rolle des Trainers besteht darin, sich an diese Spielweise anzupassen. Für mich war das ziemlich leicht, da ich Niederländer bin und für Ajax (Amsterdam) gespielt habe. Ich habe mich sehr schnell bei dem Klub wohl gefühlt und dann eine wundervolle Zeit genossen.

Ich bin überzeugt, dass Barcelona so erfolgreich ist, weil es neben der ersten Mannschaft noch mehrere Juniorenteams gibt. Sie sind gleich von Beginn an dabei. Genau das sollte beispielsweise auch in Saudiarabien angestrebt werden, um einen eigenen Stil und eine eigene Philosophie zu entwickeln. Dies muss bereits in den Nachwuchsmannschaften beginnen. Dann können wir für die Zukunft Erfolge erwarten. Auch bei Barcelona hat man nicht gleich nach einem Jahr erste Erfolge gesehen. Als ich dort ankam, hatte man fünf Jahre lang keinen einzigen Titel gewonnen. Es braucht also Geduld und Selbstvertrauen.

Der FC Barcelona wird wegen seiner einzigartigen Spielweise gerühmt. Welche Taktik würden Sie anwenden, wenn Sie einen Gegner dieser Mannschaft trainieren würden?
Es gibt kein Wundermittel dagegen. Man muss sich bestmöglich auf deren Spielweise einstellen. Die meisten Klubs, die gegen Barcelona erfolgreich bestehen konnten, haben sich auf eine sehr straff organisierte und disziplinierte Verteidigung verlassen. Inter Mailand und der FC Chelsea haben Barcelona aus der Champions League befördert [2009/10 bzw. 2011/12], und dann wäre da ja auch noch Real Madrid, das 2011/12 die Liga gewonnen hat. Man könnte es das 'Erfolgsrezept von Jose Mourinho' nennen, das er entwickelt hat, als er bei Chelsea war. Wenn man zehn Mal auf diese Weise gegen Barcelona spielt, kann man vielleicht ein Mal gewinnen. Aber der Erfolg ist keinesfalls garantiert.

Nach Barcelona haben Sie Galatasaray in der Türkei trainiert. Was sagen Sie zum diesjährigen Abschneiden des Klubs in der UEFA Champions League?
Ich freue mich sehr für Galatasaray denn das ist ein wirklich großer Klub mit fantastischen Fans. Als ich dort war, herrschte allerdings leider noch eine andere Situation. Ich konnte dort nicht wirklich etwas erreichen und es gelang auch nicht, Topspieler zu holen, obwohl die Mannschaft dringend verbessert werden musste. Wir haben eigentlich ganz gut begonnen, doch zum Ende hin sind wir eingebrochen, weil der Kader nicht stark genug war. Jetzt hat Galatasaray ein hervorragendes und geeintes Management und hat eine wirklich starke Mannschaft aufgebaut. Ich freue mich für das Team. Das ist wirklich großartig.

Sie sind einer von vielen Trainern mit großen Namen, die derzeit in Asien Trainerluft schnuppern. Marcello Lippi in China und Diego Maradona in den VAE (bis Juli 2012) sind weitere Beispiele. Helfen solche profilierten Trainer den Asiaten, die Kluft zum Rest der Welt zu schließen?
Sie helfen nicht unbedingt richtig, denn es handelt sich meist um kurzfristige Projekte. Da kommen Trainer aus großen Fussballnationen, die ein Jahr lang für ein Riesengehalt arbeiten, und dann wird alles wieder über den Haufen geworfen und an neue Trainer übergeben, die wieder von vorn anfangen müssen. Das hilft dem Fussball in Asien nicht unbedingt weiter. Man braucht vielmehr eine neue Philosophie und muss mit jüngeren Altersgruppen arbeiten, um die Grundlagen für die Entwicklung erstklassiger Profispieler zu legen. Einheimische Trainer müssen ausgebildet werden. Hierzu müssen qualifizierte Leute aus Südamerika und Europa geholt werden, die wissen, wie man das macht. Kurzsichtigkeit ist keine gute Sache. Stattdessen müssen längerfristige Planungen entwickelt und bis zum Ende umgesetzt werden.

Am kommenden Montag wird der Gewinner des FIFA Ballon d'Or bekannt gegeben. Wer wir Ihrer Meinung nach gewinnen?
Ich setze auf Lionel Messi, denn er ist der beste der drei Spieler in der Endauswahl, und er hat im vergangenen Jahr einfach brillant gespielt.

Sie haben selbst mit Messi gearbeitet. Was denken Sie über ihn auf und abseits des Platzes?
Er ist eine unglaubliche Persönlichkeit. Messi ist nicht einfach nur ein einmalig talentierter Fussballer, sondern er ist auch mental sehr stark, sehr clever und als Fussballer außerordentlich engagiert. Ich persönlich genieße es stets, ihn spielen zu sehen und ich bin sehr stolz auf ihn und auf das, was er erreicht hat. Er ist schlicht und einfach der Beste.