Weiß lässt die "Azkals" bellen
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Er ist groß und hat eine tiefe Stimme. Wenn er den Raum betritt, richten sich die Blicke im Umfeld unweigerlich auf ihn. Michael Weiß ist einer, der anpackt und vorneweg marschiert. Der 47-jährige Fussball-Lehrer aus Deutschland kann mitreißen. Und genau das tut er in beeindruckender Weise. Die Azkals lernen unter seiner Leitung ungeahnte Höhen kennen.

Sein Wirkungskreis geht von Manila aus. Doch der jüngste Aufschwung der philippinischen Nationalmannschaft und ihrem Coach Weiß ist mittlerweile weit über die Grenzen der Millionen-Metropole hinaus ein Gesprächsthema. Weltweit machten die Azkals, was so viel wie Straßenhunde bedeutet und als Spitzname der Landesauswahl dient, zuletzt Schlagzeilen, nachdem der Außenseiter beim AFC Challenge Cup in Nepal den dritten Platz belegte.

"Der Gewinn der Bronzemedaille war der größte Erfolg der Verbandsgeschichte. Die Spieler haben sich unsterblich gemacht", erzählt Weiß im Exklusiv-Gespräch mit FIFA.com voller Leidenschaft und Stolz. "Vor diesem Turnier hatte uns noch niemand so wirklich ernst genommen, doch jetzt wird uns Respekt entgegen gebracht. Der Zeitpunkt ist gekommen, um den nächsten Schritt anzupeilen und in unserer Region auf Augenhöhe mit den Herausforderern der Hochkaräter wie den Nationen aus dem Mittleren Osten und später auch Japan, Australien und Südkorea zu sein."

Ehrgeiziges Projekt im Auftrieb
Weiß hat Visionen. Und er ist entschlossen, sie umzusetzen. Der Fernost- und Afrika-Experte war bereits in Japan, China VR und Ruanda tätig, ehe er Anfang 2011 Nationaltrainer der Philippinen wurde. Bei seinem Amtsantritt lag der Fussball in der Gunst der Einheimischen unter ferner Liefen. Basketball war die Sportart, die man liebte. Doch dank der jüngsten Erfolge sorgen die Azkals in der 92 Millionen Einwohner zählenden Nation in Südostasien in schöner Regelmäßigkeit für Ekstase.

"Wenn wir Spiele in Manila austragen, sind die Stadien mittlerweile restlos voll. Die Fans sind bunt bemalt und verehren die Jungs wie Popstars. Die Begeisterung ist atemberaubend. Sie sorgt bei mir jedes Mal für Gänsehaut", beschreibt der Diplom-Sportwissenschaftler. Funkelnde Augen sind in seinem Gesicht unverkennbar, wenn er davon erzählt, was im philippinischen Fussball in den letzten Monaten alles bewegt wurde. "Wir scouten weltweit, arbeiten Stück für Stück an taktischen Verbesserungen und an der notwendigen Siegermentalität. Wir merken, wie die Anerkennung steigt. Die Stärke der Testgegner nimmt zu. Und genau das muss nun weiter fortgesetzt werden."

Auch eine Frage der Mentalität
In Asien fühlt sich der ehemalige Torhüter, der zum Projekt Auslandstrainer des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) zählt, pudelwohl. Weiß ist mit einer Japanerin verheiratet und sagt: "Wenn man in dieser Region arbeitet, kommt es auch auf die Sozialkompetenz an. Es ist ganz wichtig, die vorhandene Mentalität zu akzeptieren. Es macht keinen Sinn, mit dem sprichwörtlichen 'deutschen Holzhammer' hierher zu kommen und alles strikt umkrempeln zu wollen." Genau diese Einstellung kann mitunter ein Teil seines Erfolgsgeheimnisses sein. "Aber natürlich gehört es auch dazu, den Spielern beizubringen, dass Erfolg nur durch harte Arbeit und einen gewissen Grad an Disziplin möglich ist."

Damit kommt Weiß gut an. Rund 20 Nationalspieler stehen in Diensten von Klubs auf den Philippinen, um die sich der Coach hauptsächlich kümmert. Darüber hinaus wird der Kader seit einiger Zeit behutsam mit Profis aus Europa und Amerika verstärkt, die zwar in Übersee aufgewachsen sind, aber philippinische Wurzeln haben. "Vor den großen Spielen kommen beispielsweise Akteure aus England, Spanien und Deutschland hinzu. Zu meinen Herausforderungen zählt es, meinen regulären Kader in einer ersten Vorbereitung auf ein Niveau zu bringen, dass es uns dann ermöglicht, vor den 'Big Games' effizient zu trainieren, wenn die Spieler aus Übersee auch noch hinzugestoßen sind."

Verstärkung aus Übersee
Der aktuelle Topstar der philippinischen Nationalmannschaft heißt Stephan Schröck. Der 25-Jährige wird in zwei Monaten von der soeben in die deutsche Bundesliga aufgestiegenen Spielvereinigung Greuther Fürth zum baldigen Ligakonkurrenten 1899 Hoffenheim wechseln und macht keinen Hehl daraus, immer wieder mit großer Freude die lange Flugreise zu den anderen Azkals auf sich zu nehmen. "Wenn wir mit Schröck und dem für die Amateure des FC Ingolstadt [Anm. d. Red.: zweite deutsche Bundesliga] aktiven Manuel Ott oder Jerry Lucena aus Dänemark auf der 'Doppel-Sechs' besetzt sind, sind wir an einem guten Tag fähig, den 1b-Teams aus Asien ein Bein zu stellen", ist Weiß überzeugt.

Durchaus bewusst ist Weiß aber auch, dass es kaum sinnvoll wäre, sein gesamtes Team mit Stars aus der Ferne zu bestücken. "Es geht nicht darum, kurzfristige Erfolge einzufahren, sondern es geht um eine langfristige Weiterentwicklung des Teams und einer Etablierung des Fussballs in den Herzen der Menschen auf den Philippinen", sagt der Coach. Bei dieser Mission sind seine Schützlinge James und Phil Younghusband von unschätzbarem Wert. Das Brüderpaar lernte das Fussball-ABC beim FC Chelsea in England, lebt aber längst in Manila und spielt für einen lokalen Klub. "Ganz klar, dass sie große und ganz wichtige Identifikationsfiguren sind!"

"Schritt für Schritt"
Aber es war Schröck, der zuletzt fast dafür gesorgt hätte, dass die Philippinen eine noch größere Sensation feiern. In der zweiten Runde der Asien-Qualifikation für die FIFA WM 2014 verlor man im Hinspiel in Kuwait mit 0:3, doch als Publikumsliebling "Schröcky" im Rückspiel kurz vor der Halbzeitpause mit einem sehenswerten Distanzschuss die 1:0-Führung gelang, verwandelte sich das Stadion in Manila zum Hexenkessel. "Am Ende unterlagen wir mit 1:2 und waren sehr enttäuscht. Aber ich sagte den Jungs: Lasst die Köpfe nicht hängen, denn das hier war erst der Anfang."

Dass man auch auf den Philippinen darauf gefasst sein muss, die Bäume nicht sofort in den Himmel wachsen zu sehen, gehört zu den Weisheiten, die es zu verinnerlichen gilt. "Ich sehe eine Gefahr darin, dass die Leute zu schnell zu viel wollen. Die ersten anerkennenden Erfolge schmecken süß. Aber wir dürfen alle nicht vergessen, dass wir trotzdem Schritt für Schritt denken müssen", appelliert Weiß und handelt auch entsprechend. Der eine oder andere Spieler, der nicht bereit war, diese Philosophie mitzugehen, wurde mittlerweile aus dem Kader genommen.

Australien als großes Ziel
"Ich kann mich sehr glücklich schätzen, und bin froh darüber, mit Leuten wie Verbandspräsident Mariano Araneta und Teammanager Dan Palami zusammenarbeiten zu dürfen. Sie wissen, dass der Weg der kleinen Schritte der richtige ist, und geben mir auch bei schweren Entscheidungen die nötige Rückendeckung", so Weiß. "Wenn wir so weitermachen, auch in Kooperation mit dem Projekt Auslandstrainer vom DFB, ist in der Zukunft noch einiges möglich."

Und was genau? "Über eine WM-Qualifikation zu sprechen, wäre noch zu früh. Aber ich bin überzeugt, dass wir hinsichtlich der Vorausscheidung für die [FIFA] WM 2018 mehr als nur die zweite Runde erreichen können", glaubt Weiß und fügt hinzu: "Aber unser großes Ziel ist der Gewinn des [AFC] Challenge Cup 2014, denn damit würden wir uns für den [AFC] Asien-Pokal 2015 in Australien qualifizieren. Das ist realistisch. Und damit würden wir dort ankommen, wo wir hinwollen." Die kontinentale Elite beginnt, am Horizont zu winken.