Leidenschaft in Istanbul
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Eine Dreier-Beziehung war noch nie einfach. Schon gar nicht, wenn es um Fussball geht. Und erst recht nicht, wenn sich diese in der Türkei abspielt, in der Euphorie und Enttäuschung sowie Trauer und Ekstase so nahe beieinander liegen.

Zehn Millionen Menschen leben in Istanbul. Und jeder einzelne von ihnen ist ein selbsternannter Fussballexperte. An nur ganz wenigen anderen Orten auf der Welt wird das schönste aller Spiele so leidenschaftlich gelebt wie in der Metropole am Bosporus.

Drei Giganten und eine Stadt
In Istanbul liebt man seine Sieger, doch mit den Verlierern geht man gnadenlos um. Bei wichtigen Partien sind die Straßen menschenleer. Es steht immer auch Ruhm und Ehre auf dem Spiel. Denn diese Stadt, in der die Flutlichter matt scheinen und die Fangesänge aus dem tiefsten Herzen kommen, ist in drei Lager aufgeteilt.

Ob man den Schal von Galatasaray, Fenerbahçe oder Beşiktaş trägt, ist eine Glaubensfrage. Alle drei Istanbuler Klubs verweisen auf Tradition und Erfolge, mehr Gemeinsamkeiten haben sie aber wohl kaum. Ob man den Weg ins Ali Sami Yen-, ins Şükrü Saracoğlu- oder ins Inönü-Stadion antritt, muss gut durchdacht sein. Die Wahl der Spielstätte und der Vereinsfarben ist eine Lebensentscheidung.

Die brüllenden Löwen
Ein europaweit anerkannter Rekord wurde von jenem Klub verzeichnet, der rot-gelbe Trikots zu seinem Markenzeichen gemacht hat und seinen Namen angeblich vom Galata-Viertel des Istanbuler Stadtteils Beyoğlu hat: Galatasaray sicherte sich im Jahre 2000 als erster und bislang einziger Klub der Türkei den UEFA-Pokal.  

Pikanterweise haben die Aslanlar (zu deutsch: Löwen) jedoch im Kıtalar Arası Derbi, dem sogenannten interkontinentalen Derby, gegen ihren größten Rivalen eine negative Bilanz. Gegen Fenerbahçe gewann man in insgesamt 361 direkten Vergleichen zwar 116 Mal, verlor aber 137 Partien.

Die aufsteigende Sonne
Ebenso viele nationale Meistertitel wie Galatasaray hat Fenerbahçe. Beide Klubs konnten bislang 17 Mal den Thron besteigen und teilen sich damit die türkische Rekordmarke. Fener, das unter den Farben Blau und Gelb bekannt ist, hält sich angesichts von mehr als 160.000 Mitgliedern (laut eigenen Angaben) für den mitgliederstärksten Verein der Welt hinter Benfica Lissabon und dem FC Barcelona.

Der im Istanbuler Stadtteil Kadıköy gegründete Klub kann zudem auf den Einzug ins Viertelfinale der UEFA Champions League 2007/08 verweisen. Aktueller Trainer des Teams ist kein Geringerer als der Spanier Luis Aragonés, der sein Heimatland im vergangenen Jahr zur Europameisterschaft führte. Dass man durchaus selbstbewusst ist, bewiesen die Fener-Fans, als sie bei einem UEFA Champions League-Heimspiel gegen den FC Chelsea eine Choreografie unter dem Motto "Die aufsteigende Sonne über Europa" präsentierten.

Der zurückhaltende Dinosaurier
Der dritte große Istanbuler Klub hat zwar erst zwölf türkische Meisterschaften gewonnen, ist dafür aber ein echter Dinosaurier: Beşiktaş wurde im März 1903 gegründet und ist der älteste Sportverein der Türkei. Zudem durfte man als einziges Team die türkische Nationalmannschaft in einem Länderspiel repräsentieren.

Namhafte deutsche Coaches wie Christoph Daum, Karl-Heinz Feldkamp und Hans-Peter Briegel haben bereits auf der Trainerbank von Beşiktaş gesessen. In der Rivalität der Istanbuler Großklubs sehen sich die Fans der Schwarz-Weißen jedoch in einer Art Sonderstellung und beobachten die Missgunst zwischen Gala und Fener genüsslich aus der Ferne.

Stadtderby steht bevor
Am kommenden Sonntag stehen sich Galatasaray, das aus dem europäischen Teil Istanbuls kommt, und Fenerbahçe, das auf dem asiatischen Part der Stadt zuhause ist, abermals gegenüber. Im Ali-Sami-Yen-Stadion spielt der aktuell auf Platz vier rangierende Meister Galatasaray gegen das drittplatzierte Fener um den Anschluss an die Spitze. Beide Teams haben 47 Punkte auf dem Konto, nur Beşiktaş (52) und Tabellenführer Sivasspor (53) sind besser.

Für Emotionen und Leidenschaft ist also gesorgt. Wer wird gewinnen? Und wem gehört Ihr Herz? Schreiben Sie uns Ihren Kommentar. Wir freuen uns darauf!