Adler gegen Bayer: "Gefühlsbetonte" Reise in die Vergangenheit
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Es ist eine besondere Reise in die Vergangenheit für René Adler. Wenn er am Samstag kurz vor dem Anpfiff gegen Bayer Leverkusen (15:30 Uhr) in die Arena einläuft, wird er wieder die Bilder von früher im Kopf haben. Das Poster von Torwartlegende Peter Schmeichel in seinem Kinderzimmer im Haus seines Entdeckers Rüdiger Vollborn, den Zettel mit den Zielen, die ihm sein Mentor mit auf den Weg gegeben hat und an dem er jeden Tag vorbeigelaufen ist. Er wird an die vielen Stunden denken, die er mit Vollborn im Training geschuftet hat - für seine Mission, der beste Torwart in Deutschland zu werden.

"Selbstverständlich ist die Partie für mich etwas ganz Spezielles", sagt Adler vor der Partie, "ich habe Leverkusen viel zu verdanken, der Verein wird immer einen Platz in meinem Herzen haben."

Zwölf Jahre lang spielte der Torwart für Bayer, stand in 138 Bundesligaspielen für die Werkself zwischen den Pfosten - doch nach einer schweren Verletzung wurde er nicht mehr gebraucht. Am Wochenende kehrt er im Trikot des Hamburger SV erstmals zurück an seine alte Wirkungsstätte.

"Als ich René das erste Mal beobachtete, war mir klar, dass er etwas ganz Besonderes hat", sagt Vollborn dem SID, "danach habe ich meine Frau angerufen und gesagt: 'Ich habe gerade den kommenden Nationaltorhüter gesehen.' Er ist einfach ein Riesentalent."

Zwölf Jahre ist diese Geschichte jetzt her. Leverkusens ehemaliger Torwart-Trainer holte den damals 15 Jahre jungen Adler aus Leipzig an den Rhein, ließ ihn vier Jahre in seinem Haus wohnen und formte ihn zu einem der besten Keeper der Welt. "Wir haben schon eine Art Vater-Sohn-Verhältnis", sagt der 49-Jährige, "René weiß, dass ich da bin, wenn er mich braucht."

Adlers Aufstieg in die Weltspitze war fast unheimlich, doch dem Gipfelsturm folgte der Absturz in die Bedeutungslosigkeit. Beim HSV hat der 27-Jährige nach langer Leidenszeit aber wieder ein sensationelles Comeback hingelegt. "Die norddeutsche Luft scheint ihm gutzutun", sagt Vollborn, "er strahlt wieder eine enorme Klasse aus."

Durch knapp 80 Prozent gehaltenen Torschüssen und zwölf vereitelte Großchancen brilliert Adler an der Elbe mit Top-Werten und hat sich auch wieder bei Bundestrainer Joachim Löw in den Vordergrund gespielt. "Ich habe einen Fitnesszustand erreicht, den ich noch nie hatte", sagt Adler, "es gab noch nie einen besseren Adler als jetzt."

Nicht viele hätten dem Kunstliebhaber eine solche Leistung zugetraut - nicht zuletzt Adler selbst. "Mein Karriereende war damals sehr nah", sagt der 1,91 m große Modellathlet rückblickend über seine lange Verletzungspause. Ein Rippenbruch hatte den Hochbegabten die FIFA WM 2010 gekostet, anschließend kam es noch schlimmer: Wegen einer Verletzung an der Patellasehne musste Adler bei Bayer die gesamte vergangene Saison pausieren. Bernd Leno ersetzte ihn mit starken Leistungen.

Für Vollborn war immer klar, dass sein ehemaliger Schützling stärker denn je zurückkommt. "Er ist mittlerweile nicht mehr so verbissen und überehrgeizig", sagt Vollborn, "er gönnt sich in den richtigen Momenten jetzt Pausen."

Adler selbst glaubt, seine "innere Mitte gefunden" zu haben und die alten Kollegen ärgern zu können. "Wieso sollten wir in Leverkusen nicht gewinnen?", sagt Adler. Vollborn erwartet einen "überragenden" HSV-Schlussmann, "aber wir gewinnen durch Elfmeter kurz vor Schluss".

Am Abend können die beiden die Szenen des Spiels dann ausführlich diskutieren. Adler und Freundin Lilly Holunder haben nach dem Spiel Freunde und alte Bekannte in ein Restaurant eingeladen. "Es wird sicherlich ein gefühlsbetonter Besuch werden", sagt Adler vor seiner Reise in die Vergangenheit.