• Shelley Kerr wurde nach der Frauen-EURO schottische Nationaltrainerin
  • Zuvor trainierte sie als erste Frau in Großbritannien ein Männer-A-Team
  • Kerr will die Spielweise ändern und Schottland zum ersten Mal zur Frauen-WM führen

Da die schottische Nationalmannschaft der Männer noch immer auf der Suche nach einem neuen Trainer ist, dürften sich einige neidvolle Blicke auf das Frauenteam richten.

Auch bei den Frauen hat es nämlich kürzlich einen Wechsel gegeben, doch im Gegensatz zum Männerteam wurde dieser nicht von einem weiteren Fehlschlag in der WM-Qualifikation ausgelöst. Tatsächlich räumte Anna Signeul den Posten, nachdem sie das Team nach zwölf Jahren stetigen Fortschritts zur Teilnahme an einem ersten großen Turnier geführt hatte.

Diejenigen, die jetzt einen Nachfolger für Gordon Strachan suchen, dürften auch deshalb neidisch sein, weil die schottischen Frauen direkt eine so hervorragende Nachfolgerin in petto hatten. Shelley Kerr, ehemalige Trainerin beim FC Arsenal London, die zwei Jahrzehnte lang selbst Nationalspielerin war, als Spielführerin fungierte und das schottische U-19-Team betreute, scheint die ideale Besetzung zu sein.

Kerr kann nicht nur auf eine beeindruckende Karriere im Frauenfussball zurückblicken, sondern machte auch Schlagzeilen, als sie 2014 als erste Frau in Großbritannien den Trainerposten bei einem A-Team der Männer übernahm. Angesichts dieser Vorreiterrolle und ihrer Erfolge fragten sich einige sogar, ob Kerr überhaupt in den Frauenfussball zukehren wolle. Sie selbst lässt daran jedoch keinen Zweifel.

"Ich habe nicht eine Sekunde lang gezögert", meint sie im Gespräch mit FIFA.com. "Es hat mir wirklich Spaß gemacht, im Männerfussball zu arbeiten, aber als die schottische Nationalmannschaft an die Tür klopfte, gab es nichts zu überlegen. Es ist eine unglaubliche Ehre, wenn man dir anbietet, die Nationalmannschaft zu trainieren. Damit ist für mich ein Traum wahr geworden."

"Außerdem ist der Zeitpunkt ideal, da die Grundlagen gelegt sind und alle nach dem starken Auftritt bei der EURO im Hinblick auf das Team ein gutes Gefühl haben. Ich freue mich wirklich auf das, was jetzt ansteht, und gehe diese Aufgabe sehr leidenschaftlich an."

Diese Leidenschaft ist keine Überraschung. Schließlich ist Kerr nicht nur Patriotin, sondern auch Mutter, und Ihre Tochter Christie hat im Fussball Erfahrungen gemacht, die nicht darauf schließen lassen, dass kontinuierliche Fortschritte eine Selbstverständlichkeit sind.

"Ich habe gesehen, dass wir schon viel erreicht haben", so die schottische Nationaltrainerin. "In meiner Kindheit gab es so etwas wie Mädchenfussball gar nicht. Wenn du spielen wolltest, musstest du darum kämpfen, in eine Jungenmannschaft aufgenommen zu werden, und genau das habe ich getan."

"Aber obwohl Mädchen, die Fussball spielen möchten, jetzt viel bessere Chancen haben, liegt noch ein weiter Weg vor uns. Als Nationalteam haben wir die Pflicht, mit gutem Beispiel voranzugehen und die nächste Generation zu inspirieren."

Kerr will nicht nur inspirieren, sondern auch begeistern, und bringt den Wunsch zum Ausdruck, die schottische Spielweise basierend auf dem soliden, von Signeul gelegten Fundament, weiter zu verfeinern.

"Es ist eine langfristige Strategie, aber wir wollen die Spielweise des Teams verändern", erklärt sie. "Dazu werden einige Zeit und harte Arbeit auf dem Platz erforderlich sein, aber ich möchte, dass die Spielerinnen sich auf dem Spielfeld verwirklichen. Sport ist Unterhaltung, und das ist es, was wir als Team tun wollen: unterhalten."

Außerdem möchte Kerr natürlich dafür sorgen, dass die jüngste UEFA Frauen-EM nur das erste von vielen großen Turnieren ist, an denen die schottische Mannschaft teilnimmt. Diesbezüglich hat das Team einen guten Start hingelegt. In den ersten Qualifikationsspielen für die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ konnten die Schottinnen sich vor einigen Wochen gegen Belarus und Albanien durchsetzen.

Im nächsten Spiel muss das Team allerdings gegen die in Gruppe B favorisierten Schweizerinnen antreten. Laut Kerr könnte die Gruppe sich als unberechenbarer erweisen, als viele glauben.

"Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich nicht glaube, dass alles auf einen Zweikampf zwischen uns und der Schweiz hinausläuft. Der internationale Frauenfussball wird immer schwerer, und fast jedes Team ist mittlerweile taktisch gut organisiert."

"Wir sind zwar sehr optimistisch, was unsere Chancen angeht, aber man muss immer im Hinterkopf behalten, dass sich nur ein Team qualifiziert und dass wir die Mannschaft aus dem zweiten Lostopf sind. Daher ist übersteigertes Selbstbewusstsein hier fehl am Platz."

"Trotzdem freue ich mich sehr auf alles. Das Team hat bei der EURO eine sehr gute Leistung gebracht, und ganz wichtige Spielerinnnen wie Kim Little und Jennifer Beattie, die das gesamte Turnier verletzungsbedingt verpasst haben, sind nun wieder dabei. Außerdem können wir auf einige tolle junge Talente bauen.

"Es sind in allen Bereichen genügend Talente vorhanden, und für mich als Trainerin geht es nur darum, die richtige Mischung zu finden. Mir ist sehr wohl bewusst, dass ich mich in diesem Job in einer sehr privilegierten Position befinde, und ich will so viel wie irgend möglich bewegen."