In der schillernden Karriere der kanadischen Stürmerin Christine Sinclair gibt es zahlreiche denkwürdige Momente. Ganz weit vorn rangieren die zwei olympischen Bronzemedaillen, doch ein wichtiges Elfmetertor im vergangenen Jahr steht dem kaum nach.

Im Commonwealth-Stadion von Edmonton lief das Eröffnungsspiel der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Kanada 2015™, der größten Fussballveranstaltung, die es in dem nordamerikanischen Land je gab.

53.058 leidenschaftliche Zuschauer feuerten die Gastgeberinnen im ersten Spiel der Gruppe A gegen die VR China an. Doch trotz aller Anfeuerungen gelang es weder den Kanadierinnen noch den Chinesinnen, eine ihrer zahlreichen Chancen zu verwerten. Kurz vor Schluss sah es noch so aus, als würde die Partie torlos enden.

Der entscheidende Moment kam schließlich in der Nachspielzeit. Die ukrainische Schiedsrichterin Kateryna Monzul sprach den Gastgeberinnen nach einem Foul von Rong Zhao an der kanadischen Einwechselspielerin Adriana Leon einen Elfmeter zu. Die Verantwortung für den Strafstoß übernahm Kanadas Spielführerin, die Chinas Torhüterin überwand und dem Team von Trainer John Herdman damit den wichtigen Auftaktsieg schenkte.

Sinclair wirkte zwar in dieser Situation recht sicher, doch wie sie selbst zugab, war sie kurz vor dem Elfmeter doch sehr nervös. "Ehrlich gesagt empfand ich sogar ein bisschen so etwas wie Panik", sagte sie gegenüber FIFA.com. "Ich wusste, dass ich diejenige sein würde, die schießen muss und empfand durchaus ein paar Sekunden eine leichte Panik. Aber wir hatten uns auch mental sehr gut vorbereitet und so konnte ich mich darauf konzentrieren, diese Aufgabe zu erfüllen. Ich hatte schließlich immer wieder Elfmeter trainiert und hatte sogar einige Monate zuvor schon einen gegen die gleiche Torhüterin geschossen und verwandelt. Ich fragte mich also, wohin ich dieses Mal schießen sollte. Dann habe ich den Ball auf den Punkt gelegt, mir eine Ecke ausgesucht und gehofft, dass er reingeht."

Kanadas beste Torjägerin aller Zeiten hat in 250 Länderspielen 165 Treffer erzielt, von denen viele schöner anzusehen waren, doch der verwandelte Elfmeter gehört dennoch zu den Toren, die der 33-Jährigen sehr viel bedeuten.

"Der gehört auf jeden Fall ganz weit nach vorn", so Sinclair. "Schließlich war es das Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft vor unseren eigenen Fans und unter den Augen der ganzen Fussballwelt an den Fernsehschirmen. So viel Druck wie bei diesem Tor habe ich wohl in keiner anderen Situation empfunden."

Ein verschworenes Team
Für viele kanadische Fussballfans waren der von Sinclair verwandelte Elfmeter und der daraus resultierende Sieg nicht die einzigen Eindrücke, den sie von dem Spiel im Norden Albertas mitnahmen. Ebenso beeindruckend war auch der Jubel des gesamten kanadischen Teams an der Seitenlinie, wo sich die Spielerinnen, die Reservespielerinnen und der gesamte Stab in die Arme fielen. Sinclair selbst war unmittelbar nach ihrem Treffer aus dem Strafraum zur Bank und in die Arme Herdmans gelaufen.

Für die Stürmerin zeigt dies den enormen mannschaftlichen Zusammenhalt des kanadischen Teams. "Ich denke, es war wohl bei so ziemlich allen unseren WM-Toren so, dass wir alle sofort zur Bank liefen", so Sinclair. "Wir sind eben ein echtes Team – die Spielerinnen, der Betreuerstab, wir alle…

Man konnte die Erleichterung bei unserem Team auf dem Feld und auf der Bank regelrecht spüren. Wir hatten viele Jahre auf dieses Turnier gewartet. Bei dem Druck, der auf uns lastete, und den Erwartungen, die wir selbst an uns stellten, war es einfach fantastisch, dass wir als ganzes Team so jubeln konnten."

Dieser Moment trug entscheidend dazu bei, das Fussballfest in Kanada so richtig in Gang zu bringen, worüber sich Sinclair ganz besonders freute. "Da die Entscheidung erst ganz am Ende fiel, war es für alle Zuschauer ein sehr spannendes Spiel", meinte sie. "Nach diesem Turnierauftakt stand für die Fans fest, dass in den kommenden Wochen eine große Show geboten würde."