Vier Jahre haben die U.S.-Amerikanerinnen auf diesen Moment gewartet. Immer wieder hatten sie die schmerzvollen Bilder ihrer Niederlage gegen Japan im Finale der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Deutschland 2011™ vor Augen. Nun standen sie in Kanada 2015 erneut im Endspiel, in dem es zu einem Wiedersehen mit ihren damaligen Gegnerinnen kam. Und vier Jahre des Frusts waren innerhalb von fünf Minuten vergessen.

Ironie des Schicksals: Ausgerechnet Carli Lloyd, die 2011 im Elfmeterschießen ihren Versuch vergab, bescherte den USA praktisch im Alleingang den dritten WM-Titel. Die sich seit Beginn des Turniers in bestechender Form präsentierende Spielerin leistete bereits im Viertelfinale gegen China VR sowie im Halbfinale gegen Deutschland einen entscheidenden Beitrag. Aber das Beste hob sie sich für das Endspiel auf, in dem sie einen Dreierpack erzielte. Zwei Toren innerhalb von fünf Minuten ließ sie einen sehenswerten Heber aus dem Mittelfeld folgen. Es ist daher logisch, dass sie als "Live-Your-Goals"-Spielerin der Partie ausgezeichnet wurde. Gleichzeitig wurde die Mittelfeldspielerin mit dem adidas Goldenen Ball geehrt, und ihre sechs Tore und eine Vorlage bescherten ihr zusätzlich den adidas Silbernen Schuh. So präsentierte sich eine mit Trophäen vollbepackte Lloyd zum Interview mit FIFA.com, bevor sie mit ihren Teamkameradinnen ihren WM-Titel feiern ging.

Carli, Sie waren im Finale von Beginn an früher am Ball als Ihre Gegenspielerinnen, dann sahen Sie, wie die Torhüterin zu weit vor dem Tor stand. Es war, als ob Sie die Partie schon im Voraus gesehen hätten. Ist das vielleicht in Ihren Träumen geschehen?
[Lacht] Oh ja, ich habe sie viele Male vor meinem geistigen Auge gesehen, doch sie verlief nie ganz so gut. Ich freue mich sehr über diesen Ausgang. Es ist der Lohn und ein großer Stolz für dieses ganze Team, für jede einzelne Person, die an diesem Erfolg beteiligt war. Es ist irreal, man kann es gar nicht richtig fassen. Es ist ganz schön schwer zu glauben, dass alles so gut laufen konnte.

War dies einer dieser seltenen Tage in der Karriere eines Sportlers, an dem sich alles, was man anfasst, in Gold verwandelt?
Ein bisschen ist das so. Es ist ein Moment, den man vielleicht nur einmal in seiner Karriere erlebt. Alles, was man versucht, gelingt. Fast alle Schüsse landen im Tor. Aber eine Leistung wie diese, nicht nur meine, ist vor allem das Ergebnis großer Anstrengungen, zahlloser Stunden Training und sehr guter Vorbereitung, um in den wichtigen Momenten bereit zu sein. Im Kopf visualisieren wir unsere Aktionen und die Spiele, und wir lernen, während des gesamten Turniers konzentriert zu bleiben. Wir haben heute eine Mission gehabt. Ich wollte diese WM gewinnen, und ich habe mit der Hilfe meines Teams alles nötige dafür getan, um dies zu erreichen.

Alles hat von Beginn an perfekt funktioniert, so dass sogar Ihre Nationaltrainerin sagte, sie habe sich nach der ersten Viertelstunde zwicken müssen. Waren Sie und Ihre Mannschaft selbst davon überrascht, auf einem solchen Niveau zu spielen?
Es ist unglaublich. Man kann sich nicht vorstellen, dass es so grandios verlaufen könnte. Jedes absolvierte Spiel hat bestätigt, dass wir gut vorbereitet waren, und wir sind auf jeden unserer Siege sehr stolz. Doch mit diesem hier, auf diese Weise gegen den Weltmeister, haben wir Geschichte geschrieben. Wir sind nun ein Teil davon und nehmen die Trophäe mit nach Hause.

Bei der Niederlage im Finale von Deutschland 2011 vergaben Sie Ihren Elfmeter, daraufhin erzielten Sie im Finale des Olympischen Fussballturniers 2012 einen Doppelpack. Nun gegen denselben Gegner drei Tore im Endspiel von Kanada 2015. Ihre Karriere ist untrennbar mit Japan verbunden.
Es stimmt, aber dieser vergebene Elfmeter ist ja schon so lange her. Das ist einfach so, das ist Vergangenheit. Ich habe seitdem nicht mehr wirklich zurückgeblickt und das hinter mir gelassen, um mich in meiner Karriere weiterzuentwickeln. Wir haben versucht, jeden Tag besser zu werden, und das hat uns bis hierher geführt.

Kann man nach diesem dritten WM-Titel und der außergewöhnlichen Leistung sagen, dass diese Mannschaft von 2015 die beste in der Geschichte des amerikanischen Frauenfussballs ist?
Absolut, davon bin ich überzeugt. Was wir erreicht haben, ist schlicht legendär. Wir haben ruhig angefangen, vor allem in der Offensive, sind aber konzentriert und solidarisch geblieben. Wir sind unserem Konzept stets treu geblieben und haben im Finale fünf Tore erzielt. Es war kein leichter Weg. Wir haben in der "Hammergruppe" den ersten Platz erreicht und sind ungeschlagen geblieben. Wir waren nicht die Besten und sind als Zweite der Weltrangliste angereist. Wir wussten, dass es nicht leicht werden würde. Was wir geschafft haben, ist bemerkenswert, eine historische Leistung.

Mit diesem WM-Titel, Ihrer Auszeichnung als "Live-Your-Goals"-Spielerin der Partie im Finale, dem adidas Goldenen Ball und dem Silbernen Schuh werden Ihr Name und Ihr Gesicht in allen Zeitungen der Welt auf der Titelseite zu sehen sein. Sind Sie auf diesen Ruhm vorbereitet?
Ich denke, dass ich in meiner Karriere zweifellos eine neue Ebene erreicht habe. Doch gleichzeitig weiß ich, dass es immer etwas zu verbessern gibt und ich weiter hart arbeiten muss.

Mit einem Tor oder einem Assist mehr hätten Sie auch den adidas Goldenen Schuh als Torschützenkönigin gewinnen können ...
Ich weiß, was ich noch zu tun habe. Bei der nächsten WM werde ich diese Auszeichnung anstreben!

Kann ein solcher Moment, wie Sie ihn gerade erleben, all die Enttäuschungen und die vielen Opfer vergessen lassen, die man im Verlauf einer Karriere auf sich nehmen muss?
Nein, nicht besonders. Ich glaube außerdem, dass die schlechten Momente genauso wichtig sind. Sie machen dich stärker und versetzen dich in die Lage, noch höher hinauszuwollen. Sicher, es ist fantastisch, die guten Momente zu erleben. Aber ich denke dennoch, dass man aus den schweren Zeiten mehr lernt.