Seit Beginn der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2015 auf heimischem Boden betont das kanadische Team ohne Unterlass: Alle Mitglieder bilden eine große Familie. In Kanada wird am 21. Juni der Vatertag gefeiert, und daher war es logisch, dem Papa dieser kleinen Gemeinschaft ein schönes Geschenk zu machen.

Zur Feier des Tages konnte sich Nationaltrainer John Herdman also nicht nur über die Unterstützung durch seine zwei Kinder auf den Tribünen freuen, die ihn im Anschluss an die Partie auf dem Rasen herzten, sondern auch über die erfolgreiche Qualifikation für das Viertelfinale. Ein schönes Geschenk, gewiss, aber ausgedacht hat er es sich eigentlich selbst. Seine Spielerinnen mussten sich nur noch darum kümmern, es hübsch zu verpacken. Nach dem 1:1 zum Abschluss der Gruppenphase hatte der englische Trainer seine Aufstellung überarbeitet. So verstärkte Melissa Tancredi wieder die Offensive, Desiree Scott das defensive Mittelfeld, und Rhian Wilkinson kehrte nach überstandener Verletzung wieder auf ihren Posten als Rechtsverteidigerin zurück. Dadurch rückte die Stürmerin Josée Bélanger, die seit Beginn des Turniers in der Abwehr ausgeholfen hatte, wieder auf ihren angestammten Platz an der Seite von Tancredi und der unverzichtbaren Christine Sinclair.

Eine offensive Taktik, die sich auszahlen sollte, denn ausgerechnet Bélanger gelang nach einer Flanke von Wilkinson der einzige Treffer des Tages. "Was für ein Mut, in der Defensive zu spielen, wenn man Stürmerin ist. Josée war fantastisch auf dieser Position", sagt Abwehrspezialistin Wilkinson anerkennend im Gespräch mit FIFA.com. "Für eine Stürmerin ist es furchtbar, in der Abwehr zu spielen, und sie hat das sehr gut gemacht. John hat das System geändert, um sie in der Mannschaft zu lassen, aber näher am Tor, wo ihre Schnelligkeit sehr nützlich ist und sie gleichzeitig gut nach hinten arbeitet", erklärt sie die Absichten ihres Trainers.

Herdman hatte tatsächlich an alles gedacht. Durch den Dreier-Sturm erweiterte er einerseits das offensive Spektrum seines Teams - zum guten Stellungsspiel von Sinclair und der Robustheit von Tancredi kam die Schnelligkeit von Bélanger hinzu. Gleichzeitig blockierte er die wichtigsten Spielerinnen im Angriff des Gegners. "Jeder kannte seine Aufgabe, doch durch den Dreier-Sturm hatten wir mehr Freiheiten", bestätigt Tancredi. "Wir mussten sie unter Druck setzen und nach der Balleroberung gute Angriffe fahren. Das war der Plan." Und hier kommt Scott ins Spiel, die für ihre Mitspielerinnen ebenso wertvoll ist wie für ihre Gegnerinnen lästig.

Zwei Kinder und eine große Familie
Die vor der Viererkette postierte Spielerin von Notts County unterstützte die Abwehrreihe und hielt die schweizerischen Angreiferinnen in Schach. Sie sorgte in der Abwehr für eine große Entlastung. "Ich musste in erster Linie Defensivarbeit verrichten und nah bei der hintersten Reihe bleiben. Lara Dickenmann und Ramona Bachmann sind zweifellos ihre besten Spielerinnen, und ich musste den Abwehrverbund stärken, damit sie so wenig wie möglich an den Ball kommen - und in jedem Fall weit weg vom Tor", erläutert sie nach dem Abpfiff ihre Mission, die sie mit Bravour erfüllt hat.

"Es sind zwei sehr gute Spielerinnen, technisch stark und schnell. Es war sicherer, gelernte Abwehrspielerinnen aufzubieten, um sie zu blockieren", bekräftigt Wilkinson, die noch nicht die Kraft für 90 Minuten hat und am Ende der Partie durch Marie-Eve Nault ersetzt wurde. "Der Plan bestand vor allem darin, diese beiden Spielerinnen zu kontrollieren und ein Tor zu erzielen. Wir wussten, dass wir ihre Abwehr unter Druck setzen mussten, daher die Idee mit drei Angreiferinnen."

Und wenn Papa Herdman etwas sagt, hören alle zu. Der vom Trainer entwickelte Plan wurde auf dem Platz perfekt umgesetzt. "John spielt bei jedem Ball mit, er hat das Spiel mit uns zusammen gewonnen", betont Wilkinson, die sichtlich bemüht ist, das Verdienst an diesem Erfolg unter allen Beteiligten, die dazu beigetragen haben, aufzuteilen. "Diesen Sieg verdanken wir zu einem großen Teil ihm", bestätigt Tancredi. "Er arbeitet sehr hart, damit wir so gut wie möglich vorbereitet sind, und den Erfolg verdanken wir seiner Arbeit. Dieser Vatertag ist ein besonderer Tag für ihn: Seine zwei Kinder waren da und seine 23 Mädchen wollten ihm eine Freude bereiten."

Große Familie - glückliche Familie.