Die deutsche Verteidigerin Josephine Henning kann im Alter von 25 Jahren bereits zahlreiche Erfolge für sich verbuchen. Vier Titelgewinne bei der UEFA Women's Champions League, vier Trophäen in der Frauen Bundesliga, ein DFB-Pokal im Jahr 2013 sowie ein Titelgewinn bei der UEFA Women's EURO stehen für sie zu Buche.

Nun würde sie ihrer beeindruckenden Trophäensammlung bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2015™ in Kanada gern einen WM-Pokal hinzufügen. Unter Druck scheint sie dabei jedoch nicht zu stehen, denn sie strahlt viel Ruhe aus. Das mag vielleicht damit zusammenhängen, dass die Dinge für sie seit ihrem Wechsel zum französischen Topklub Paris Saint-Germain so zufriedenstellend verlaufen sind.

Während eines Trainingslagers mit ihrem Team in der Aspire Academy in Doha sprach Henning mit www.sc.qa über ihre Erinnerungen an erste Fussballversuche mit ihrem Vater, inspirierende Begegnungen mit Brasiliens Verteidigerduo Thiago Silva und David Luiz, den Traum von der wichtigsten Trophäe des Weltfussballs sowie über ihre ersten Eindrücke von Katar.

Sie konnten bislang sowohl auf Vereins- als auch auf Nationalmannschaftsebene beeindruckende Erfolge feiern. Wie hat das alles für Sie begonnen?
Mein Vater spielte Fussball und er spielte regelmäßig mit seinen Freunden, die etwa 30 bis 35 Jahre alt waren. Als kleines Mädchen rannte ich zwischen ihnen auf dem Platz herum und spielte mit. Eines Tages sagte er dann: 'Jetzt solltest du langsam einen Verein finden. Wir werden uns mal erkundigen, ob es einen gibt.' Glücklicherweise gab es an unserem Wohnort eine Frauenmannschaft.

Mittlerweile leben Sie in Paris und spielen auf Vereinsebene für PSG. War das ein Traumwechsel für Sie?
Ich wollte schon immer in ein anderes Land wechseln. Ich wusste nicht, dass es am Ende Frankreich werden würde. Hier bin ich nicht weit von zu Hause weg. Aufgrund der Kultur und des Umfelds hat es den Anschein, als sei ich weit weg von Deutschland. Tatsächlich kann ich aber in drei Stunden in Trier sein, wo meine Mutter lebt. Vorher habe ich in Potsdam und Wolfsburg gespielt und war sechs oder sieben Stunden von zu Hause entfernt. Natürlich ist es ein Traum, in Paris zu spielen. Ich würde jedem empfehlen, einmal in ein anderes Land zu ziehen. Man lernt dort etwas über das Land, die dortige Kultur und den Sport. Gleichzeitig lernt man aber auch eine Menge über sich selbst, und das ist ungeheuer wichtig.

In diesem Sommer haben Sie mit Deutschland die Chance, etwas ganz Großes zu schaffen. Beflügelt es Sie, dass die Männer bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™ den Titel geholt haben?
Natürlich ist das ein großer Motivationsfaktor. Wir wollen es schaffen, alle legen sich ins Zeug und es wäre super für unser Land, wenn wir im Männer- und Frauenfussball Weltmeister werden könnten. Natürlich wird das nicht leicht werden. Man kann dieses Mal nicht sagen, dass zwei oder drei Teams favorisiert sind. Es wird sicher Überraschungen geben. Die Unterschiede sind geringer geworden, selbst bei den Trainingsmethoden, und zwar sowohl beim Fitness- als auch beim Taktiktraining. Es hat eine enorme Entwicklung gegeben.

Glauben Sie, dass das öffentliche Interesse an Ihrem Team ähnlich oder gar größer sein wird als vor vier Jahren bei der WM im eigenen Land?
Die WM in Deutschland und das dadurch ausgelöste große öffentliche Interesse waren ein wichtiger Schritt für den Frauenfussball. Ich hoffe, dass trotz der größeren Distanz zu Deutschland so viel wie möglich aus Kanada berichtet wird.

Worin wird im Sommer in Kanada der Schlüssel zum Erfolg liegen?
Unsere Trainerin und unsere gesamte Mannschaft haben in allen Bereichen genügend Erfahrung, sowohl was das Turnier als auch was die Trainingsbedingungen angeht. Wir verfügen jetzt über eine gute Mischung aus erfahrenen und jungen Spielerinnen. All dies müssen wir uns nun zunutze machen und aus dem lernen, was in der Vergangenheit gut und weniger gut gelaufen ist. Ich glaube, wir sind bereit. Wir bestreiten sogar Spiele auswärts, um die Bedingungen in Kanada zu simulieren.

Vorher werden Sie versuchen, eine weitere Champions-League-Trophäe zu gewinnen. Ist es eine Motivation, die Kollegen vom Männerteam in der Nähe zu haben, und können Sie Ihnen vielleicht Tipps für das bevorstehende Viertelfinal-Spiel geben? Schließlich haben Sie sich bereits für das Halbfinale qualifiziert.
Ich habe noch nicht alle getroffen, aber wir haben ihre Trainingseinrichtungen genutzt, und das war super. Ob man nun Thiago [Silva] oder [David] Luiz trifft, sie sind so freundlich und strahlen die für Südamerikaner typische natürliche Fröhlichkeit aus. Außerdem sind das unglaubliche Spieler und eine echte Inspiration für mich auf meiner Position.

Wir haben gesehen, dass PSG es gegen Barcelona schaffen kann. Das Potenzial ist vorhanden. Wenn sie sich auf ihre Stärken konzentrieren, können sie viel erreichen. Das wird ein super Spiel werden. Wir schauen uns oft gemeinsam die Spiele an und drücken unseren Kollegen die Daumen.

Das aktuelle Trainingslager findet in der Aspire Academy in Doha statt. Welche Eindrücke haben Sie bisher gewonnen?
Es ist unglaublich hier. Das Hotel ist sehr schön und das Wetter ist hervorragend. Gleiches gilt für die Trainingseinrichtungen, den Fitnessraum und die medizinischen Einrichtungen. Spieler kommen zur Reha hier ins Aspetar-Sportkrankenhaus, weil es qualitativ so gut ist. Das ist hier alles sehr professionell aufgezogen.

Sie hatten auch bereits Gelegenheit, sich einige Sehenswürdigkeiten des Landes anzuschauen. Was glauben Sie, wie die Besucher sich bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Katar 2022™ hier fühlen werden?
Wir wissen, wie viele fussballverrückte Leute es gibt, aber einige von ihnen denken vielleicht nicht darüber nach, in diese Region zu reisen. Daher ist das eine tolle Kombination. Viele Leute werden sich für die Kultur interessieren, wenn sie einmal hier in Doha sind. Sie ist so anders, und allein deshalb schon so interessant. Sie ist etwas ganz Besonderes. Ich hatte Gelegenheit, das Land zu sehen, das Kulturdorf Katara. Mit einfachen Mitteln wird versucht, den hiesigen Lebensstil zu zeigen. Einfach, aber inspirierend.

In der Stadt und im Hotel ist uns ein super Empfang bereitet worden. Alle Leute mit denen wir in Kontakt stehen, strahlen eine solche Herzlichkeit aus. Sie werden hier 2022 alle willkommen heißen. Es ist toll, dass alles so zentral ist, die Teams und Fans müssen nicht weit reisen. Das ist ein großer Vorteil. Die Teams werden Freizeitaktivitäten finden müssen, aber in Bezug auf die Stadien mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Wir trainieren in der Nähe des Khalifa International Stadium, das derzeit renoviert wird, und es sieht sehr professionell aus.

Noch eine letzte Frage: Was werden Sie im Sommer in Kanada in Ihrer Freizeit tun, um sich zwischen den Spielen zu entspannen?
Ich werde das tun, was alle tun. Ich unterhalte mich gern über Skype mit meiner Familie, höre Musik, schaue gemütlich im Bett Fernsehen oder mache Spaziergänge. Aber am allerliebsten unterhalte ich mich mit meinem Bruder, weil er die Person meines Vertrauens ist und ich mich dabei wirklich entspannen kann.