Am 21. Mai wärmte sich die kanadische Torfrau Sabrina D'Angelo in Rochester gerade auf und bereitete sich auf die Partie ihres Klubs Western New York Flash gegen Sky Blue FC vor. Bei einer Serie schneller Schüsse aus kurzer Distanz spürte sie bei einem Abwehrversuch, dass mit ihrer linken Hand etwas nicht stimmte. Trotz der Schmerzen biss sie die Zähne zusammen, ließ sich die Hand nur verbinden, spielte und gewann mit ihrem Team 5:2.

Als dann endlich eine eingehende Untersuchung vorgenommen werden konnte, wurde eine viel schwerere Verletzung festgestellt, als die Fans des in der NWSL (National Women’s Soccer League) spielenden Klubs vermutet hätten. D’Angelo hatte mit einem gebrochenen linken Handgelenk gespielt – und das als Linkshänderin.

Bereits knapp drei Monate später begann das Olympische Fussballturnier, bei dem die 23-Jährige am letzten Samstag, am zweiten Spieltag der Gruppe F, ins Tor Kanadas zurückkehrte, nachdem ihr zuvor bei einem chirurgischen Eingriff ein Stift eingesetzt worden war. All dies zeugt von einer ungeheuren Kämpfermentalität.

"Als ich mir die Verletzung zugezogen hatte, dachte ich nicht, dass [die Olympiateilnahme] noch möglich wäre. Aber als die Ärzte mir sagten, dass es eine Chance gäbe, habe ich den Eingriff so schnell wie möglich vornehmen lassen und bin optimistisch geblieben. Wenn es diese Chance gab, wollte ich alles daran setzen, sie zu nutzen", so die Torhüterin im Gespräch mit FIFA.com, nachdem sie beim 3:1-Sieg ihres Landes gegen Simbabwe in São Paulo ihren Einstand bei Olympia gegeben hatte.

D'Angelo erfuhr am Vorabend von Trainer John Herdman, dass sie an diesem Tag zwischen den Pfosten stehen würde. Im Auftaktspiel gegen Australien hatte Stephanie Labbé, die seit 2008 Nationalspielerin ist, das Tor gehütet. "Ich habe getan, was ich konnte, um möglichst schnell wieder auf die Beine zu kommen, auch wenn ich noch nicht sicher war, ob ich rechtzeitig wieder einsatzfähig sein würde", betont sie. "Ich hatte aber auch die volle Unterstützung eines guten Teams, das mir dabei geholfen hat, wieder fit zu werden."

D'Angelo war bereits in den kanadischen Jugend-Nationalmannschaften vertreten gewesen und hatte mit diesen sogar an zwei FIFA U-17-Weltmeisterschaften sowie an der FIFA U-20-Weltmeisterschaft 2012 teilgenommen. Daher behielt Herdman sie immer im Blick. Sie bot bei ihrem Klub in New York gute Leistungen und wurde zudem im März zum Algarve Cup berufen. Dort machte sie bei den Siegen gegen Brasilien und Belgien auf sich aufmerksam.

Offensichtlich vertraute der aus England stammende Trainer immer darauf, dass sie rechtzeitig wieder fit werden würde. "Sie gehört zu den positivsten Menschen, die mir je begegnet sind. Sie hat diese Präsenz – auf dem Platz und abseits davon", so der Trainer in einem Interview mit The Canadian Press. Ende Juni, einen Monat, nachdem sie sich verletzt hatte, nominierte er sie. Das Risiko lohnte sich nach Meinung des Engländers, insbesondere, da ihm Erin McLeod, die Stammtorhüterin der letzten WM, nicht zur Verfügung stand. Sie hatte sich im März eine Knieverletzung zugezogen. "Leider war Erins Verletzung viel schwerwiegender als meine. Ich habe es zumindest geschafft, rechtzeitig wieder fit zu werden. Dafür bin ich sehr dankbar. Das ist nicht selbstverständlich", meint sie.

Gegen Simbabwe wurde D'Angelo nicht häufig geprüft. Doch obwohl sie nicht viel zu tun hatte, galt ihre volle Konzentration den Ereignissen auf dem Platz. "Jede Art von Spielpraxis ist gut. Selbst ein so untypisches Spiel wie dieses, bei dem man nicht viel zu tun hat, aber dennoch aufmerksam sein muss. Ich habe mich bemüht, die ganze Zeit involviert zu bleiben. Leider haben wir das Gegentor kassiert, worauf ich nicht stolz bin."

Nach zwei Siegen tritt Kanada am Dienstag nun in Brasilia zum letzten Gruppenspiel gegen Deutschland an. D'Angelo weiß nicht, ob sie eine weitere Chance bekommen wird, oder ob Labbé zwischen die Pfosten zurückkehrt. Für sie ist es schon ein persönlicher Erfolg, dass sie überhaupt einsatzfähig ist. Die Torfrau steckt das Team mit ihrer positiven Energie an, nachdem Kanada letztes Jahr bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ vor heimischem Publikum ein bitteres Ausscheiden im Viertelfinale hinnehmen musste. "Man muss immer nach vorn schauen. Wir verfügen über eine gelungene Mischung aus erfahrenen und jungen Spielerinnen, die alle dasselbe wollen: den Sprung aufs Treppchen schaffen, den wir 2015 verpasst haben. Ich glaube auf jeden Fall daran."