Allie Long saß auf der Tribüne einer Sporthalle im New Yorker Stadtteil Queens. Dass sie heute noch spielen würde, erwartete sie nicht. Sie hatte zwar schon ein paar spontane Spiele mit den Jungs absolviert, doch es gab so etwas wie eine unsichtbare Mauer zwischen ihr und der regionalen Futsal-Liga, die im Winter ausgespielt wurde. Dies war nicht der richtige Platz für ein Mädchen. Schließlich ging es auch um eine Siegprämie, da wäre die Intensität wohl zu hoch für ein Mädchen. Doch eines Tages brauchte das Team ihres Verlobten Verstärkung. Sie brauchten Allie Long.

Im Finale eines Turniers bekam ein Spieler eine Rote Karte – und plötzlich forderten die vornehmlich hispanischen Fans auf den Tribünen: "Blanquita! Blanquita! (Das kleine weiße Mädchen!)". Man bat sie, mitzuspielen, und da sie ihre Sportschuhe im Auto hatte, konnte sie tatsächlich einspringen. Als sie aufs Feld kam, fragte der Schiedsrichter sie noch einmal, ob sie denn auch wirklich mitspielen wolle – was für eine Frage!

Sie wollte – und zwei Minuten vor Schluss stürmte sie aufs Tor zu, nahm einen langen Pass auf und jagte den Ball aus spitzem Winkel zum Siegtreffer in die Maschen.

Die Teilnahme am Männer-Futsal in den Sporthallen der High Schools in den New Yorker Wintern hat erheblich dazu beigetragen, dass aus Allie Long die hartnäckige defensive Mittelfeldspielerin wurde, die den Stars and Stripes in den ersten beiden Spielen des Olympischen Fussballturniers der Frauen in Rio zu zwei Siegen ohne Gegentor verhalf.

"Ich war fest entschlossen, etwas zu machen, was niemand sonst machte", sagte Long in einem Exklusiv-Interview mit FIFA.com. "Ich wollte diese Herausforderung. Manchmal bekam ich den Ball und die Jungs gingen erstmal auf Abstand. Aber ich habe dann immer gesagt: 'Nein, ihr müsst gegen mich wie gegen einen Jungen spielen, das will ich.' Einmal rammte mir ein Junge den Ellenbogen ins Gesicht und meinte: 'Hau ab, geh' lieber mit Puppen spielen!' Das alles war sehr intensiv. Ich habe bloß darüber gelacht. Genau deshalb macht sich mein Verlobter manchmal Sorgen."

Im letzten Winter spielte sie wieder einmal an einem Freitagabend Futsal. Die Zuschauer stehen dabei bis dicht an die Seitenlinie und riskieren, dass ihnen der Getränkebecher von dem Ball aus der Hand geschlagen wird. Die Atmosphäre ist familiär, es gibt spanisches Essen und spanische Musik. Was sagen die Jungs in Queens nun dazu, dass Long mit der Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen antritt?

"Ich hoffe sie sagen: 'Man sieht, dass sie mit Jungs gespielt hat' ", so Long. "Direkt nach dem Spiel gegen Frankreich bekam ich ein paar Glückwünsche und andere Nachrichten. Es ging um (Wendie) Renard und wie sie mich geschoben und geschubst hat, als ich sie deckte. Das ging allerdings in beide Richtungen so. Viele Leute meinten jedenfalls: 'Klasse, wie du dagegen gehalten hast. Es hat dir bestimmt geholfen, dass du mit den Jungs gespielt hast.' "

Für die 28-Jährige, die auf Long Island geboren wurde, ist ihre Spielweise auch New York geschuldet.

"Ich will in meinem Bereich das Sagen haben", so Long. "Ich will, dass die Gegner nicht gern in Zweikämpfe mit mir gehen. So ist die Atmosphäre auch in New York. Das hat mich geprägt. Man muss hart sein und zeigen, dass man sich von niemandem etwas vormachen lässt. So war ich schon immer. Ich mag es wenn ich spüre, dass der Gegner eingeschüchtert ist. Das gibt mir zusätzliche Kraft."

Ihren letzten Auftritt auf der globalen Bühne vor den Olympischen Spielen hatte Long bei der FIFA U-20-Frauen-Weltmeisterschaft Russland 2006 gehabt. Seitdem plagte sie sich immer wieder mit Verletzungen und anderen Rückschlägen herum. Auf eine erneute Berufung in die Nationalmannschaft wartete sie jahrelang vergebens. Wie hat sie es geschafft, immer weiterzumachen und letztlich diesen Moment zu genießen?

"Ich habe an mich geglaubt", sagt sie. "Ich habe einfach an mich geglaubt und für diesen Moment gebetet. Ich war sicher, dass es irgendwann so weit sein würde. Daher habe ich sehr hart trainiert. Ich habe immer daran geglaubt, dass sich all dieser harte Einsatz irgendwann auszahlen würde. In der spielfreien Zeit zwischen den Saisons habe ich extrem hart gearbeitet. Trotzdem wurde ich immer wieder nicht nominiert. Manchmal habe ich mich natürlich schon gefragt, ob es jemals wieder so weit sein würde, schließlich bin ich auch nur ein Mensch.

Viele Zweifler waren überzeugt, dass Long es nicht zu den Olympischen Spielen schaffen würde, schließlich waren die USA frisch gebackener Weltmeister und würden ihr Team wohl am ehesten mit jungen Spielerinnen auffüllen. Doch Long ließ sich nicht beirren und glaubte weiter an ihre Chance. Während sich das Team der USA auf das letzte Gruppenspiel gegen Kolumbien in Manaus vorbereitet, hat Long schon ein höheres Ziel ins Visier genommen.

"Ich will die nächste Generation inspirieren", sagt sie. "Ich will vor allem Mädchen inspirieren, die es nicht sofort in ein Team geschafft haben und die nicht den leichten Weg gehen. Ich will, dass auch sie an sich glauben und in dieser Hinsicht für sie ein Vorbild sein. Ich will bei der nächsten Weltmeisterschaft und auch bei den nächsten Olympischen Spielen dabei sein. Und ich wünsche mir, dass die nächsten vier Jahre die besten meiner gesamten Karriere werden!"