Als sie acht oder neun Jahre alt war, wusste sie beim Auspusten der Kerzen auf ihrem Geburtstagskuchen genau, was sie sich wünschen würde. Sie wollte Fussballprofi werden. Das war ein Traum, den viele brasilianische Jungen in diesem Alter hatten. Für ein brasilianisches Mädchen war er vor über 20 Jahren jedoch ausgesprochen ungewöhnlich.

Denn Fussball war Männersache, auch wenn dieses Mädchen es offensichtlich nicht verstand. Das wurde ihr im Leben immer wieder deutlich gemacht. Doch sie machte sich damals zum Narren und wenn sie heute, 19. Februar, die 31 Kerzen auf ihrem Kuchen auspustet, dann mit der zufriedenen Feststellung, dass sie sich ihren Kindheitstraum erfüllt hat – und zwar im großen Stil und allen Schwierigkeiten zum Trotz.

"In meiner Kindheit war ich häufig mit Diskriminierung konfrontiert. Doch Gott sei Dank habe ich mich davon nicht negativ beeinflussen lassen. Ich habe das in ein persönliches Anliegen umgemünzt und es hat mich motiviert, meine Ziele zu erreichen und allen zu zeigen, dass ich die Voraussetzungen erfülle", erklärt Marta im Interview mit FIFA.com.

Die Schwierigkeiten
Die Brasilianerin stammt aus Dois Riachos, einem Ort mit gut 10.000 Einwohnern, und selbst ihre Familie sah es nicht gern, dass sie sich die Knie beim Ballspielen auf der Straße aufschrammte. "Der Fussball gilt bei vielen Leuten als Männersport, aber ich sage ihnen, dass das nicht stimmt, dass wir durch den Sport viel über gesellschaftliche Inklusion und die Gleichstellung der Geschlechter lernen können. Man muss im Sport positiv denken. Solche Vorurteile darf es nicht geben. Man muss zulassen, dass die Menschen ihr Talent bei der Arbeit zeigen, und zwar unabhängig vom Geschlecht."

An Talent mangelt es ihr sicher nicht. Und auch nicht an Charakterstärke. Denn es ist nicht einfach, sich allen entgegenzustellen, um einem Traum nachzujagen, der als Hirngespinst abgetan wird. Denn vor 20 Jahren war der Frauenfussball in Brasilien fast so undenkbar wie Schnee an der Copacabana.

"Doch es gab kein Zurück", meint sie lächelnd, als sie sich an ihren unermüdlichen Einsatz erinnert. "Und es war nicht leicht. Ich bin mit 17 Jahren nach Schweden gegangen und fünf Jahre dort geblieben. Dann hatte ich das Gefühl, dass ich eine Luftveränderung brauchte und bin in die USA gezogen. Doch selbst dort war ich mit Schwierigkeiten konfrontiert. Ich hatte einen Dreijahresvertrag in der Liga, doch mein Klub wurde bereits nach meiner ersten Saison aufgelöst. Ich wechselte zu einem anderen Klub, doch obwohl wir Meister wurden, wurde auch dieser Klub aufgrund von finanziellen Problemen aufgelöst. Ich wechselte erneut und kehrte dann nach Schweden zurück… Ich hatte unablässig mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Aber für mich gab es kein Zurück. Ich musste weitermachen und alle nur erdenklichen Mittel einsetzen, um mich täglich neu zu motivieren und nicht aufzugeben. Und Gott sei Dank habe ich nicht aufgegeben!"

Dem ist nichts hinzuzufügen. Denn heute ist Marta, die fünf Mal als FIFA-Weltfussballerin des Jahres ausgezeichnet wurde, ein großes Aushängeschild des Frauenfussballs. Obwohl die Mädchen es im Fussball heute etwas leichter haben, würde sie nicht mit ihnen tauschen wollen. "Mir gefällt alles, was in meinem Leben passiert ist. Ich möchte, dass dies allen Mädchen, die heute [mit dem Fussballspielen] anfangen, als Vorbild dient. Ich bedaure nicht, dass meine Karriere in einem solchen Moment begonnen hat. Ich glaube, dass alles, was meine Generation getan hat, fundamental war und einen Anstoß gegeben hat. Wir haben einen Beitrag geleistet, der die aktuelle Situation erst ermöglicht hat und aufgrund dessen wir nun an eine bessere Zukunft denken können", erklärt die Spielerin des schwedischen Klubs FC Rosengård.

Anstehende Herausforderungen
Seit 20 Jahren denkt sie an eine bessere Zukunft. Denn alles kann besser werden, das ist klar. "Es ist offensichtlich, dass der Frauenfussball jetzt weiter entwickelt ist. Es gibt mehr Arbeitsoptionen, mehr Märkte: Der europäische, der asiatische und der amerikanische sind gut… der brasilianische wird auch langsam besser. Aber ich würde gern einen Frauenfussball sehen, der immer wettbewerbsstärker wird und weniger unter Diskriminierung und Vorurteilen zu leiden hat. Ich wünsche mir mehr Länder mit organisierten Ligen, Klubs, die Möglichkeiten eröffnen, eine Struktur, die allen Frauen gute Arbeitsbedingungen bietet, die sich diesem Sport mit Hingabe widmen und in die Nationalmannschaft oder in den Profifussball wollen."

Allen Mädchen, die heute denselben Kindheitstraum haben wie sie, gibt sie einen Rat: "Auch heute gibt es noch Schwierigkeiten, aber es ist etwas einfacher als zu meiner Zeit. Daher muss man die Gunst der Stunde nutzen und beim Umsetzen seiner Träume auf die eigene Arbeit vertrauen."

Marta selbst hat auch mit 31 noch Träume. Oder besser gesagt offene Rechnungen. "In Brasilien ist der Fussball eine nationale Leidenschaft. Er ist eine Religion. Für die Brasilianer zählt nur der erste Platz. Alles außer dem ersten Platz ist nicht viel wert. Und diese Einstellung müssen die brasilianischen Fussballerinnen teuer bezahlen. In anderen Ländern bekommen die Spielerinnen auch für eine Bronzemedaille oder einen vierten Platz Anerkennung, aber in Brasilien ist das alles noch etwas kompliziert", erklärt die Spielerin, die zwei Mal olympisches Silber holte und vor zehn Jahren Vizeweltmeisterin wurde.

"Dennoch ist die Tatsache, dass wir mit der Nationalmannschaft bisher weder bei der WM noch bei den Olympischen Spielen den Titel holen konnten, zweifellos ein Ansporn, weiter an uns zu arbeiten", so die Rekordtorschützin der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™. "Wenn man andere Sportarten betrachtet, wird jede Medaille, die man bei den Olympischen Spielen gewinnt, frenetisch gefeiert. Im Fussball kommt es hingegen einer Niederlage gleich, wenn du die Silbermedaille gewinnst. Und wir haben zwei davon", fährt sie mit Blick auf die Finalniederlagen der Jahre 2004 und 2008 gegen die USA fort. "Doch wir arbeiten weiterhin entschlossen auf unser Ziel hin, Titel zu gewinnen."

Die kleinen Dinge
Zwar ist Marta im Fussball bislang der größtmögliche Erfolg mit der Seleção verwehrt geblieben, doch die unerschütterliche Optimistin konzentriert sich ganz auf die unglaublichen Momente, die er ihr beschert hat. "Die Auszeichnung zur Weltfussballerin des Jahres…Es ist schwer zu beschreiben, was man in einem solchen Moment auf der Bühne fühlt. Die große Anerkennung und der Zuspruch, die ich über all die Jahre erfahren habe, sind nicht nur Grund zur Freude, sondern auch ein Ansporn, meinen Kampf fortzusetzen."

Dazu gehört auch der Anruf einer großen Ikone des brasilianischen Fussballs. "Ja, Pelé hat mich angerufen, um mir zu gratulieren. Wir haben uns etwas unterhalten, und anfangs konnte ich gar nicht glauben, dass er es wirklich war. Ich habe mich sogar persönlich mit ihm getroffen. Das war toll und sehr bewegend."

Das sind die großen und kleinen Glücksmomente im Leben einer der größten Fussballerinnen unserer Zeit, die viele Unwägbarkeiten zu bewältigen hatte. Sie ist eine von vielen, die sich geweigert haben zu glauben, dass Fussball Männersache ist.