Der 22. Februar 2017 wird für die asiatische Fussballkonföderation, Ausrichter der AFC Champions League, den Verein Eastern Long Lions sowie die Trainerin Chan Yuen-ting ein besonderer Tag sein. Der Klub aus Hongkong nimmt erstmals am prestigereichen kontinentalen Wettbewerb in seiner heutigen Form teil, nachdem er zuletzt vor zwanzig Jahren dabei war. Chan Yuen-ting wiederum avanciert zur ersten Frau, die bei einem kontinentalen Vereinswettbewerb ein Männerteam leitet.

Wenige Stunden vor dem Debüt in der asiatischen Champions League 2017 gegen den chinesischen Vertreter und Titelfavoriten Guangzhou Evergrande traf sich FIFA.com mit der jungen Trainerin zu einem Exklusiv-Interview. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich eines Tages dieses Wettbewerbsniveau erreichen würde", beginnt Chan. "Das letzte Jahr war für uns alle hier fantastisch. Ich hätte nicht gedacht, dass mich die Spieler so weit bringen würden, aber wir erfüllen uns gerade unseren Traum. Nun muss ich das Team bei diesem Wettbewerb so gut wie möglich leiten."

Bei der Auslosung erwischte Eastern eine Gruppe mit drei Schwergewichten des asiatischen Fussballs: Guangzhou Evergrande (China VR), Suwon Bluewings (Korea Republik) und Kawasaki Frontale (Japan). Chan aber war sich dessen bewusst, dass es kein leichtes Los geben würde. "Wir wussten schon vor der Auslosung, dass wir auf die großen Teams aus Japan, China, Korea oder Australien treffen würden. Ich glaube, dass alle den Klubs aus Hongkong überlegen sind. Wir wissen, dass zwischen ihnen und uns eine Lücke klafft, aber wir werden alles geben. Wir können es kaum erwarten, die Gruppenphase zu beginnen."

"Alle Spiele werden schwer sein für uns. Wir sind uns dessen bewusst, dass Eastern nicht so stark ist wie unsere Kontrahenten, aber im Fussball ist nichts unmöglich. Wir haben uns gut vorbereitet. Ich glaube, dass wir für diese Partien gerüstet sind. Wir haben unsere Gegner analysiert und Pläne erarbeitet, wie wir gegen sie spielen wollen. Ich will, dass meine Spieler auf dem Platz ihre mentale und technische Stärke zeigen."

Chan Yuen-ting wird die einzige Frau sein, die es mit all diesen Männern aufnimmt, die zudem nicht gerade zu den Unbekannten zählen: Das Los wollte es, dass sie unter anderem auf den brasilianischen Coach Luiz Felipe Scolari trifft, der derzeit bei Guangzhou das Traineramt innehat. "Alle wissen, dass Scolari ein sehr großer Trainer ist, der mit Brasilien Weltmeister geworden ist. Wenn ich ihm begegne, werde ich mich mit ihm unterhalten. Auf dem Platz will ich von ihm lernen, denn er verfügt über große Erfahrung."

Wie wird sich Chan fühlen, wenn sie auf einen so renommierten Trainer trifft? Wird sie auf Taktiken zurückgreifen, die einige ihrer weltweiten Vorbilder bereits eingesetzt haben? Die Trainerin antwortet auf diese Fragen selbstbewusst: "Einige Namen sind meine Vorbilder, aber ich kopiere die Philosophie von Trainern wie Jürgen Klopp, José Mourinho oder Antonio Conte nicht. Ich schätze alle großen Trainer und ihre Leistungen auf Spitzenniveau, aber jeder hat seinen eigenen Charakter und seine Philosophie. Ich habe meine eigene Methode, die den Fähigkeiten meiner Mannschaft und den Spielen, die wir bestreiten müssen, entspricht."

Und was sagt sie zu dem Druck, der mit dem Meistertitel in der vergangenen Saison einhergeht? Der Name Chan und ihre Leistungen beherrschten die Schlagzeilen auf der ganzen Welt. "Es war ein sehr ereignisreiches Jahr für mich. Ich habe viele Interviews gegeben, was vielleicht zu Druck geführt hat, aber das gehört zur Arbeit eines Trainers. Um die Falle des negativen Drucks zu umgehen, konzentriere ich mich auf meine Arbeit."

Die Geschichte von Chan Yuen-ting wird möglicherweise andere Frauen ermutigen, die sich ebenfalls wünschen, Männerteams zu trainieren, aber glauben, dass dies zu schwer ist. "Ich freue mich, wenn ich anderen Trainerinnen als Vorbild dienen kann", bestätigt sie. "In Hongkong gibt es keine Profiliga für Frauen, doch das ist nötig, um sich weiterzuentwickeln. Ich bin bereit, allen Frauen die Hand zu reichen, die sich auf der Trainerbank engagieren wollen."

In den kommenden sechs Spieltagen der Gruppenphase in der Champions League 2017 werden alle Blicke auf Chan Yuen-ting und ihre Mannschaft Eastern gerichtet sein. Und wie auch immer die Ergebnisse ausfallen mögen: Es gibt keinen Zweifel daran, dass sich diese Trainerin anschickt, den Fussball zu prägen.